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Buchbesprechung: Patricia McCormick "Verkauft"

Cover McCormickLesealter 14+(Fischer Schatzinsel 2008, 306 Seiten)

In ihrem Nachwort schreibt Patricia McCormick, dass jährlich fast 12.000 Mädchen aus Nepal von ihren Familien an indische Bordells verkauft werden. Und weltweit sollen es nach Schätzungen des amerikanischen Außenministeriums fast eine halbe Million Mädchen sein, die als Sexsklaven Menschenhändlern in die Hände fallen. Das sind Zahlen, die mich – nach dem Lesen des Buches – ziemlich erschreckt haben.

Patricia McCormick macht mit ihrem Buch „Verkauft“ auf diese Zustände aufmerksam und schildert anhand eines Mädchens, wie das alles vor sich geht… Hierfür hat die Autorin selbst gründlich in Nepal und Indien recherchiert, mit Betroffenen gesprochen und sich bei Hilfsorganisationen informiert.

Inhalt:

Lakshmi ist ein 13-jähriges Mädchen, das in einem abgeschiedenen Dorf in den Bergen Nepals aufwächst. Ihre Mutter heißt Ama und hat einen zweiten Mann geheiratet – doch Lakshmis Stiefvater verspielt die wenige Habe der armen Familie, anstatt die Familie zu ernähren. Und dann hat Lakshmi noch einen kleines Brüderchen – doch nachdem schon mehrere ihrer Geschwister in den ersten Lebensjahren gestorben sind, ist auch bei dem Jungen nach wie vor nicht klar, ob er überleben wird.
Die Zustände in dem Dorf sind schlimm – die Felder der Menschen sind ständig durch die Dürre, dann aber wiederum auch durch die heftigen Monsunregenfällen, die die Felder wegschwemmen, gefährdet. Als der Monsunregen dieses Jahr wieder schlimm wütet und zudem Lakshmis Stiefvater alles verspielt, wird die Situation für die Familie ganz ausweglos. Und Lakshmis Stiefvater verkauft schließlich das Mädchen an eine Frau – angeblich, um in der Stadt als Dienstmädchen bei einer reichen Familie zu arbeiten. Lakshmi hofft, dort Geld zu verdienen und es ihrer Familie nach Hause schicken zu können.
Die Frau nimmt Lakshmi mit auf die Reise, doch es geht nicht nur in die nächste Stadt, sondern in mehreren Stationen über die Grenze nach Indien – das erste Mal in ihrem Leben sieht Lakshmi Autos und fährt mit einem Bus, bis sie schließlich in einer großen indischen Stadt ankommt. Dort wird sie schließlich – aber das Mädchen weiß noch nicht, was auf es zukommt – an ein Bordell verkauft.
Lakshmi weigert sich zunächst zu tun, was von ihr verlangt wird. Doch nach vielen Repressalien, die sie erleiden muss, hat auch Lakshmi das erste Mal einen Mann in ihrem Zimmer und ist entsetzt. Das Mädchen möchte nur noch fliehen – aber von den anderen Frauen im Bordell erfährt sie, dass das unmöglich ist und ihren Tod bedeuten würde…

Bewertung:

Dass Patricia McCormick mit diesem Buch auf ein brisantes Thema aufmerksam macht, ist schon in der Einleitung zu dieser Buchbesprechung deutlich geworden. Und dass das kein Jugendbuch ist, das man mit Vergnügen liest – dafür ist es viel zu ernst -, dürfte auch klar sein. Aber Bücher sind eben auch dazu da, auf Missstände aufmerksam zu machen, auf die schlimmen Bedingungen, unter denen viele Menschen leben – und genau das ist Patricia McCormick sehr gut gelungen.
Das Buch wird aus der Sicht von Lakshmi erzählt – und hier bekommt man am Anfang mit, dass das Mädchen zwar in ärmlichen und nicht einfachen Verhältnissen lebt, aber trotz ihrer Lebensumstände oft glücklich und für vieles in seinem Leben dankbar ist. Als Lakshmi dann verkauft wird und nach Indien gebracht wird, um schließlich in einem Bordell zu laden, wird die Geschichte jedoch zunehmend schlimmer, ja fast unerträglich. Als ich gestern Abend an der Stelle war, wo abzusehen war, dass Lakshmi bald ihren ersten Kunden empfangen muss, habe ich aufgehört zu lesen – und das nicht nur, weil es schon so spät war. Das unausweichlich Schlimme, das auf Lakshmi da zukam, hat mich schon im Vornherein schockiert – und ich hatte fast Angst davor, weiterzulesen. Dass dieses fröhliche und freundliche Mädchen so etwas aushalten muss, war kaum zu ertragen.
Gottseidank schildert Patricia McCormick die Szenen, in denen Lakshmi zur Prostitution gezwungen wird, nur andeutungsweise und ohne Details – und damit sehr einfühlsam. Anders wäre das auch kaum zu ertragen gewesen. Auch so hat es mir noch ziemlich zugesetzt, wie junge Mädchen in die Prostitution gezwungen werden, wie sie von der Besitzerin des Bordells schikaniert werden und was sie alles auszuhalten haben.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Bücher wie „Verkauft“ gehören auch in die Landschaft der Jugendbucherscheinungen. Hier geht es nicht um Unterhaltung, sondern um Wachrütteln – aber angesichts der Zustände in vielen Entwicklungsländern, in denen Mädchen einfach verkauft und zur Prostitution gezwungen werden, legt man dieses Buch irgendwie hilflos aus der Hand. Denn was soll man schon tun? Und trotzdem sollten Jugendliche wissen, welch schlimme Dinge in anderen Teilen der Welt passieren. Wie behütet ist unser Leben hier in Mitteleuropa doch im Vergleich dazu!
Patricia McCormick hat das schwierige Thema jedenfalls so einfühlsam und trotzdem deutlich, wie es nur geht, aufgegriffen – das ist der Autorin hoch anzurechnen. Dass nebenbei auch ein literarisch äußerst dichtes und anspruchsvolles Buch dabei herausgekommen ist, traut man sich schon fast nicht zu schreiben…

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(Ulf Cronenberg, 04.07.2008)

Kommentare (0)

  1. Katrin Maschke

    Die Autorin schildert dieses fiktive, aber gut recherchierte Mädchenschicksal in fast lyrisch rhythmischer Form mit kurzen, strophenähnlichen Kapiteln. Sie berühren still, packen und nehmen sofort gefangen. Die wenigen, eindringlichen Worte zeichnen intensive Bilder von Angst, Hilflosigkeit und Verletzung. Benutzung. Fenster mit Eisenstäben, dunkle Zimmer und grell geschminkten Mädchen. Kinderfrauen, die in der Nacht Männern zur Verfügung stehen müssen. Peitschenhiebe und Schläge. Ratten aus dem Abort.
    „Warum müssen Frauen so leiden?“, fragt Lakshmi am Anfang ihre Mutter. Aber mit ihrer Antwort wird sich wohl heute keiner mehr zufrieden geben. Selbst Lakshmi kann ihr nicht mehr folgen. Selbst wenn sie gar nicht weiß, was und wem sie glauben soll, wem vertrauen, versucht sie, sich diesem Schicksal zu widersetzen, folgt unsicher dem kleinen Hoffnungsschimmer, dass es Menschen geben könnte, die ihr helfen wollen.
    Ein Buch, das man so schnell nicht vergisst. Ich wünschte mir, solche Bücher könnten kleine Anstöße geben, selbstgefälliges, mitunter gelangweiltes, jugendliches Schwelgen in unserer westlichen „Everything-goes-Welt“ zu überdenken. Katrin.

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  2. Lisa

    Das ist ein Buch, über das ich mir viele Gedanken gemacht habe. Es zeigt, wie sehr wir unsere Lebensumstände schätzen sollten, wie viel Leid es auf der Welt noch gibt und dass man helfen muss. Lakshmi hatte keine Wahl, sie musste sich alles gefallen lassen und diese Grausamkeit, die sie über sich ergehen lassen musste, hätte viele andere geistig zerstört.
    Aber sie hat versucht, die Hoffnung nicht aufzugeben, hat gekämpft und den Mut gehabt, sich helfen zu lassen. Es ist ein Buch, das speziell uns Jugendlichen die Augen öffnet, die grausame Wahrheit zeigt, die es auch auf der Welt gibt, und die, die Meisten gar nicht sehen wollen. Wir Jugendlichen denken immer, dass das Leben toll ist, und wenn, dann leiden wir unter Hausarrest, zu wenig Taschengeld…
    Wir müssten uns eigentlich die Frage stellen: „Was wäre, wenn ich an Lakshmis Stelle wäre?“
    Ich liebe solche Bücher, denn sie sind real, sie sind grausam, aber sie zeigen, dass es sich lohnt, zu kämpfen und die Hoffnung nicht aufzugeben, und sie zeigen, dass man helfen muss.
    Ich habe mir sehr viele Gedanken über das Buch gemacht und werde es mit Sicherheit nicht so schnell vergessen.
    Lisa (13 Jahre)

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  4. Miss Dipsy

    Hallo zusammen. Ich habe nicht so viel zu sagen bzw. zu schreiben. Aber ich habe großen Respekt vor Patricia McCormick. Es ist traurig, dass es Orte gibt, an denen so wenig Menschlichkeit herrscht und andere Menschen auf Kosten anderer leben. Jeder Bordell-Inhaber sollte sich schämen, wenn er Mädchen oder Frauen zwingt – oder besser gesagt beschäftigt –, ohne den Willen zu so etwas.
    Man sollte sich gegen so etwas einsetzten, aber es tut eh niemand.

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