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Buchbesprechung: Kevin Brooks "The Road of the Dead"

Cover BrooksLesealter 14+(dtv 2008, 350 Seiten)

Die Besprechung von Kevin Brooks letztem Buch „Kissing the Rain“ liegt noch nicht lange zurück – wobei ich es erst ein gutes halbes Jahr nach Erscheinen gelesen habe. Dennoch: Kevin Brooks ist ziemlich aktiv und scheint jedes Jahr mindestens ein neues Buch herauszubringen.

Sein neues Werk heißt „The Road of the Dead“, und man ahnt natürlich, dass es sich dabei wieder um einen Thriller für Jugendliche handelt. dtv wirbt im Umschlag mit dem Slogan „Ein Krimi der Extraklasse und zugleich ein provokativer Beitrag zum Thema Gewalt“ für dieses Buch. Darauf wird noch zurückzukommen sein…

Inhalt:

Der 14-jährige Ruben hat eine ganz besondere Gabe: Ohne es steuern zu können, kann er sich in andere Personen hineinversetzen und erlebt und fühlt dann, was gerade mit ihnen passiert. Eine Art telepathische Fähigkeit. Doch das hat nicht nur angenehme Seiten. Denn Ruben bekommt mit, wie seine Schwester Rachel in einem Moor bei dunkler Nacht von einem Mann umgebracht wird. Und die schlimme Nachricht wird wirklich bald darauf der Familie Rubens überbracht.

Die Polizei sucht den Mörder und versucht die Familie nach dem Mord zu betreuen – doch vor allem Cole, Rubens großer Bruder, will nicht abwarten, bis die Polizei etwas herausfindet, sondern sich selbst auf die Suche nach dem Mörder machen. Sein Motiv ist dabei u.a. auch, dass Rachels Leiche erst nach dem Finden des Mörders freigegeben und beerdigt werden kann.

Cole, der wie sein Vater (der wegen Mordes im Gefängnis sitzt) ziemlich ungestüm und aufbrausend ist, will sich auf den Weg ins Dartmoor machen, doch seine Mutter möchte, dass Ruben mitkommt und darauf aufpasst, dass Cole nichts Unüberlegtes tut. Cole wehrt sich zwar gegen seinen jungen Aufpasser, nimmt Ruben aber, weil dieser sich nicht abschütteln lässt, schließlich doch mit.

Doch in der verlassenen Gegend des Dartmoors sind die beiden nicht gerne gesehen und bekommen schon bald Schwierigkeiten mit den Ansässigen. Cole und Ruben ahnen, dass hinter dem Mord an Rachel weitaus mehr als ursprünglich angenommen steht und dass einige der Bewohner des verlassenen Fleckchens Erde etwas zu verbergen haben, das mit dem Mord zusammenhängt. Cole wehrt sich gegen die Anfeindungen ohne Skrupel und zieht damit aber immer mehr Hass auf sich und seinen Bruder…

Bewertung:

Was soll man über dieses Buch sagen, wenn man es gerade – noch immer etwas schockiert – aus der Hand gelegt hat? Zunächst: Dieses Buch „Krimi“ zu nennen, ist wohl eher etwas verharmlosend. „The Road of the Dead“ ist ein ziemlich heftiger Thriller – nicht mehr und nicht weniger. Und wie schon in „Kissing the Rain“ beginnt die Geschichte noch vergleichsweise harmlos, doch damit ist spätestens nach der Hälfte des Buches Schluss. Menschen werden bedroht, zusammengeschlagen, angeschossen, halb bewusstlos gefesselt und festgehalten… – und dabei wird nichts beschönigt. Eher im Gegenteil: Die Gewalt wird schonungslos geschildert. Das ist beileibe kein Buch für Zartbesaitete.

Manchmal frage ich mich, was den Reiz solcher Bücher ausmacht, die einen in die Abgründe der menschlichen Seele gucken lassen. Für mich ist es schon fast etwas zynisch, wenn es dann im Klappentext des Buches heißt, dass dieses Thriller „ein provokativer Beitrag zum Thema Gewalt“ sei. Ich glaube, dass das Motiv für das Lesen eines solchen Buches eher ist, dass manche Leser Nervenkitzel suchen. Und den bekommt man auch geboten – und zwar auf geniale Art und Weise.

Kevin Brooks ist einfach ein Meister seines Fachs. Er versteht es, Bücher zu schreiben, bei denen sich der Strick von Seite zu Seite mehr zuzieht, die atmosphärisch so dicht sind, dass man sich ihnen nicht entziehen kann – und bei allem schreibt Brooks immer treffsicher und ohne Klischees, wie man sie in billiger Thriller-Kost vorfindet. Wie Kevin Brooks in „The Road of the Dead“ die Beweggründe von Personen schildert, wie er seine Personen sprachlich zu fassen bekommt, wie er die Geheimnisse und Abgründe in den Menschen andeutet, ohne sie „wegzuschreiben“ – das ist schon eine Klasse für sich.

Fazit:

5 von 5 Punkten. „The Road of the Dead“ ist ein psychologisch äußerst dichter Roman, der einen – sofern man Thriller mag (und das sollte Voraussetzung dafür sein, dass man sich an dieses Buch heranwagt) – nicht mehr loslässt. Beim Lesen bleibt einem immer wieder der Atem weg, man treibt sich selbst beim Lesen voran, um zu erfahren, wie die Geschichte weitergeht – und am Ende bleibt ein unbehagliches Gefühl zurück. Sind Menschen wirklich zu solchen Gräueltaten, wie sie in dem Buch geschildert werden, fähig? (Auch auf die Gefahr hin, mir selbst zu widersprechen: Vielleicht ist das mit dem „provokativen Beitrag zum Thema Gewalt“ doch nicht so aus der Luft gegriffen…)

Kevin Brooks neuer Thriller ist sprachlich anspruchsvoll – keine leichte Kost für den Leser. Aber wer Nervenkitzel mag (und zwar nicht nur auf der Leinwand oder in der Flimmerkiste), dem sei dieses Buch ohne Wenn und Aber empfohlen.

So langsam schreibt sich Kevin Brooks wirklich von einem Buch zum anderen in den Thriller-Olymp. Nach jedem seiner Bücher denkt man, diese Raffinesse kann der Autor doch nicht beibehalten – und beim nächsten Buch staunt man dann wieder, dass es dem Vorgänger in keiner Weise nachsteht.

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(Ulf Cronenberg, 02.07.2008)

Kommentare (0)

  1. Katrin Maschke

    Ich stimme voll und ganz zu, dass „The Road of the Dead“ ein unbedingt lesenswertes Buch ist! Kevin Brooks verbirgt das Wesentliche seiner Geschichten wie den Wolf im Schafspelz. Ein Krimi? Ein Thriller? Ein Buch über Gewalt? Das Unglaubliche ist doch mal wieder, mit welch stiller Intensität (man erinnere die wunderbaren Reflexionen zur Moorlandschaft) Kevin Brooks es schafft, den Leser am Schopf zu packen, bei seiner Haltung zu Gut und Böse. Lesend steht man auf der Seite der Jungs, vor allem des sensiblen Ruben. Man leidet bei seiner Erniedrigung und man triumphiert, wenn er es den fiesen Schurken heimzahlt. Dass man doch eigentlich laut aufschreien müsste, wenn er dabei zum ersten Mal den kalten Lauf einer Pistole in der Hand fühlt, dabei zögerlich schützende Gefühle spürt … und dann Augen zu und los!!! Wie steht man dazu, wenn das Opfer zum Täter wird? Sind es nicht immer wieder existentielle Fragen des menschlichen Miteinanders, die hier den eigentlichen Thriller, den Nervenkitzel ausmachen? Ein großartiges Buch, das viel Nachdenkliches im Kopf zurücklässt. Katrin.

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  4. Julia

    Lest ‚The Road Of The Dead‘!

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    1. Ulf Cronenberg

      Finde ich auch, Julia! Aber warum sollen andere das lesen? Willst du da nicht noch ein bisschen was dazu schreiben?

      Gruß, Ulf

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  5. Julia

    Das ist echt ein guter Thriller!!
    Macht Spaß, ihn zu lesen, und er ist einfach nur noch spannend.
    Kann ich nur WEITEREMPFEHLEN!!
    🙂
    lg

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  8. Justin

    Habe das Buch gestern zu Ende gelesen, und es ist sehr spannend. Auch wenn es anfangs verwirrend scheint, macht es Spaß und man ist immer neugierig, da es viele Kapitel gibt, die nicht „enden“. Ich kann es nur empfehlen, und man kann dieses Buch schnell lesen. Für die Faulen … 😉

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  10. Laura

    Dieses Buch ist auf jeden Fall lesenswert! Wie oben schon erklärt wird, ist es sehr gut geschrieben. Was mir auch sehr gefallen hat, aber noch nicht erwähnt wurde, ist die starke Bindung zwischen den Brüdern. Der Autor bringt das im Buch sehr gut rüber und ich konnte wirklich immer richtig mitfühlen.
    Lesen!!
    LG, Laura

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  13. Kevin

    Das Buch hat mir sehr gefallen! Ich halte mit einem Freund jetzt ein Referat über dieses Buch! Und wir beide waren sprachlos, wie cool das Buch war! Freue mich auf den nächsten Teil! UNBEDINGT lesen! Hoffe, es gibt bald einen Film davon.

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