
(Avant-Verlag 2025, 104 Seiten)
Mit dem kriegerischen Überfall von Russland auf die Ukraine im Februar 2022 ist ein Land in unser Bewusstsein gerückt, über das bis dahin viele Menschen in Deutschland wohl eher wenig wussten. Am ehesten brachte man die Ukraine vielleicht noch mit der Nuklearkatastrophe in Tschernobyl, die 1986 die Welt erschütterte, in Verbindung – Tschernobyl lag damals allerdings noch in der Sowjetunion, von der die Ukraine erst 1991 unabhängig wurde. Dass hinter dem Krieg zwischen Ukraine und Russland eine lange Vorgeschichte steht, davon handelt das vorliegende Buch – in einer Mischform aus Comic und Graphic Novel.
Inhalt:
Seit nunmehr fast vier Jahren leben viele Ukrainer in Angst und Schrecken. Drohnen und Bomben aus Russland bedrohen die Bevölkerung in vielen Städten, Soldaten werden an der Front getötet, schwer verletzt, gefangengenommen – es ist ein Alptraum. Für uns in Mitteleuropa sah es so aus, als wäre dieser Krieg vergleichsweise unerwartet über das erst 1991 unabhängig geworden Land hereingebrochen – doch dahinter steht ein schon über viele Jahrhunderte aufgebauter Konflikt, der uns in Mitteleuropa wohl eher unbekannt ist.

Die „Zwei-Wände-Regel“, mit der man sich schützt, wenn man keinen Luftschutzraum aufsuchen kann, wird erklärt … – Seite 7 aus: Mariam Naiem, Yulia Vus & Ivan Kypibida „Eine kurze Geschichte eines langen Krieges – Russland gegen die Ukraine“
Was man mit dem Buch in den Händen hält, ist eine kleine Geschichtslehrstunde, in der das Verhältnis zwischen Russland und der Ukraine – eingebettet in eine kleine Rahmenhandlung – nachgezeichnet wird. Die Rahmenhandlung spielt in der derzeitigen Kriegsgegenwart; man folgt einer jungen Frau, die nachts auf dem Handy über einen Luftalarm informiert wird, die Fenster kreuzweise abklebt, sich dann wegen der Zwei-Wände-Regel mit ihrer Matratze in den Flur zurückzieht. Später wird sie in einem Luftschutzkeller Zuflucht suchen und dabei anderen Personen begegnen. Man erfährt, wie die Menschen sich schützen, wie sie gemeinsam bangen, sorgenvoll miteinander sprechen. Und in die Gespräche eingestreut werden immer wieder Stichworte, die dann zu verschiedenen historischen Exkursen führen. So wird – nicht immer ganz chronologisch – nachgezeichnet, was den Ukrainern über Jahrhunderte an Unrecht widerfahren ist und wie die Ukraine entstanden ist. Ein Schwerpunkt liegt auf der Zeit der letzten hundert Jahre. Aber das Buch geht an einigen Stellen auch weiter zurück.

Im Jahr 1930 wurden ca. 300.000 Ukrainer von der Sowjetunion als so genannte „Kulaken“ (reiche Bauern) nach Sibirien und Kasachstan deportiert – Seite 14 aus: Mariam Naiem, Yulia Vus & Ivan Kypibida „Eine kurze Geschichte eines langen Krieges – Russland gegen die Ukraine“
Es sind Begriff wie Euromaidan (Wikipedia-Artikel) oder Holodomor (Wikipedia-Artikel), die man vielleicht schon mal gehört hat, deren geschichtlicher Hintergrund genauer erläutert wird. Es tauchen aber auch viele Hintergründe auf, die für die meisten Leser/innen neu sein dürften. Ja, was man in den Händen hält, ist eine kompakte ukrainische Geschichtsfibel, die sich mit dem Verhältnis zu Russland beschäftigt. Und es ist viel Leid, das den Ukrainern über die Jahrhunderte hinweg, zugefügt wurde – das bleibt hängen.
Eingestreut in die Rahmenhandlung sind übrigens immer wieder Textabschnitte, die mit „Kriegshandbuch“ überschrieben sind. Hier wird beschrieben, wie sich Zivilisten im Krieg in verschiedenen Situation verhalten sollten, wie sie sich schützen können. Oder es wird gezeigt, wie ein gut ausgestatteter Luftschutzbunker aufgebaut ist.
Wer das Buch das erste Mal sieht, dem fällt sofort die extrem leuchtende Farbe des Umschlags auf – in einem grellen Orange, wie man es von Textmarkern kennt. Schade, dass der Umschlag nicht im gleichen Farbton wie die Buchseiten gehalten ist (die digitale Version des Buchcovers am Anfang der Besprechung ist deutlich dezenter). Die Buchseiten sind nämlich in einem Zweifarbendruck mit Schwarz und einem dunklen Orange gehalten und sehen sehr ansprechend aus. Der Buchumschlag dagegen ist, finde ich, sehr schrill – für meinen Geschmack zu schrill …

„Die erschossene Renaissance“: systematische Vernichtung ukrainischer Schriftsteller durch die Sowjetmacht zur Zeit Stalins – Seite 60 aus: Mariam Naiem, Yulia Vus & Ivan Kypibida „Eine kurze Geschichte eines langen Krieges – Russland gegen die Ukraine“
Eine der Stärken des Buchs liegt in den Zeichnungen. Die Seiten sind vielfältig gestaltet, und es ist beeindruckend, was das Illustrationsduo Yulia Vus und Ivan Kypibida aus den beiden Druckfarben herausgeholt haben. Sie sehen ästhetisch aus, das Buch ist abwechslungsreich in der Seitengestaltung, und es passt zugleich alles zum schweren Thema. In den Gesichtern sind die Schrecken des Krieges spür- und erfahrbar, die geschichtlichen Figuren sind gut getroffen, und die Seiten sind ansprechend komponiert mit einem beeindruckenden Gespür für die Seitenaufteilung.
Die Texte im Buch enthalten viele Informationen, die ohne Vorkenntnisse für uns Mitteleuropäer manchmal nicht so ganz leicht zu fassen sind, auch wenn sich das Buch um eine gründliche Erläuterung bemüht und in einem Stichwortverzeichnis am Ende die wichtigsten Begriffe noch einmal kurz erläutert. Ein paar Ungereimtheiten sind allerdings auch zu finden – ob sie der Übersetzung oder schon dem Original geschuldet sind, kann ich nicht beurteilen. Satzwiederholungen wie in „Russland nutzt diesen Feiertag als Mittel zur Vereinnahmung der Orthodoxie […]“ und „Die russische Propaganda nutzt die Geschichte der Taufe, um den Mythos von ‚einem Volk‘ zu schaffen […]“ – die Sätze stehen direkt untereinander – hätte ein Lektorat entdecken sollen. Genauso wie folgenden Fehler, wenn es auf Seite 73 (die Seiten im Buch sind leider nicht nummeriert) heißt: „Die überwiegende Mehrheit der Länder der Welt erkannte die Legitimität des durchgeführten Referendums und die Annexion der Krim an.“ Hier fehlt wohl ein „nicht“. Aber es sind letztendlich Kleinigkeiten, die hier bemängelt werden und die den Gesamtwert des Buchs nicht schmälern.

Russland überfällt am 24. Februar 2022 die Ukraine – Seite 83 aus: Mariam Naiem, Yulia Vus & Ivan Kypibida „Eine kurze Geschichte eines langen Krieges – Russland gegen die Ukraine“
Fazit:
5 von 5 Punkten. Es ist eine interessante Mischung, mit der „Eine kurze Geschichte eines langen Krieges – Russland gegen die Ukraine“ aufwartet. Die Geschichtsstunde, die sicher das eine Hauptziel des Buchs ist, wird mit einer knappen Rahmenhandlung verbunden, die zum Ziel hat, die Schrecken des Krieges für die Bevölkerung aufzuzeigen. Dieser zweite Teil ist sachte gehalten, er wird eher mit Distanz erzählt, man erfährt hier nicht wirklich, wie es den Menschen in der Ukraine derzeit geht, wie sehr sie leiden. Ich gehe aber davon aus, dass diese Distanz gewollt ist. Und ich sehe sie auch als berechtigt hat, weil sie den Sachteil des Buchs sonst zu sehr gestört hätte.
Mariam Naiem, Yulia Vus und Ivan Kypibida ist es gelungen, dass wir nach dem Lesen des Buchs mehr wissen: über den Weg der Ukraine bis in die heutige Zeit, aber auch darüber, dass dem Überfalls Russlands auf die Ukraine eine lange Vorgeschichte zugrunde liegt. Der Krieg kann – das wird deutlich – als eine Folge der Emanzipationsbemühungen der Ukraine, die sich endgültig von Russland lossagen will, verstanden werden. Mir persönlich tut es nach wie vor weh, wenn ich daran denke, was die Menschen in der Ukraine erleiden müssen. Die Umsetzung ihres Selbstbestimmungswunsch, den ich als angemessen ansehe, versucht Russland mit allen Mitteln brutal zu verhindern; das ist ein großes Unrecht, weil Russland in keiner Weise direkt durch die Bemühungen der Ukraine bedroht war. Dass man nach Lektüre dieses Buchs mehr darüber weiß, dass dieser Krieg nicht aus dem Nichts kommt, sondern historisch verankert ist, ist ein Verdienst dieses Buchs.
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(Ulf Cronenberg, 05.02.2026)
Abdruck der Buchseiten mit freundlicher Genehmigung des Avant-Verlags – herzlichen Dank! Die Bild- und Text-Rechte liegen bei der Autorin und den Illustratoren sowie dem Verlag.
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