Jugendbuchtipps.de

Buchbesprechung: April Henry "Breakout"

Cover HenryLesealter 13+(Sauerländer-Verlag 2007, 174 Seiten)

Da hat der Sauerländer-Verlag mit dem Pressetext „Einer flogt über das Kuckucksnest“ ja ganz gezielt auf einen bekannten Film (mit Jack Nickolson) abgezielt, der 1975 unter dem gleichen Titel erschienen ist und damals für ziemlich viel Furore sorgte. Im Film wurde die Psychiatrie kritisiert, in der aufmüpfige Menschen mit Psychopharmaka und Elektroschocks behandelt wurden, um sie gefügig zu machen. Das war damals eine ziemlich heftige Gesellschaftskritik.
Nun, „Breakout“ schlägt in eine ähnliche Kerbe – nur geht es um Jugendliche, die von Eltern in Erziehungscamps gesteckt werden. Ein brisantes Thema, das die Amerikanerin April Henry da aufgegriffen hat…

Inhalt:

Cassie ist mit ihrer schwangeren Mutter sowie deren zweiten Mann Rick in eine neue Stadt gezogen. Doch so richtig wohl fühlt sie sich dort nicht – nicht nur, weil sie kaum Freunde hat, sondern auch weil sie mit Rick überhaupt nicht zurecht kommt.
Cassies neuer Stiefvater ist Psychiater und arbeitet daran, ein neues Psychopharmaka namens Socom zu testen. Das Medikament soll depressiven und aggressiven Jugendlichen helfen, wieder friedlicher und optimistischer zu werden. Rick möchte Cassie am liebsten auch mit Socom „ruhigstellen“ – doch Cassies Mutter wehrt sich dagegen. Rick sieht in Cassie jedoch eine gefährdete Jugendliche, die dringend dieser Hilfe bedarf.
Als Cassie eines Abends in letzter Minute einen Aufsatz für die Schule schreiben muss, ihr Computer aber nicht funktioniert, schleicht sie sich heimlich in Ricks Arbeitszimmer, um verbotenerweise dessen Computer zu benutzen. Sie sieht dabei Ricks Patientenakten, und neugierig, wie Cassie ist, blättert sie in den Akten. Dabei stößt sie auch auf die Patientenakten von drei Jugendlichen, die in den letzten Monaten Selbstmord begangen haben. In allen drei Akten steht, dass die Jugendlichen mit Socom behandelt wurden – und indirekt erfährt Cassie, dass Socom bei den Jugendlichen zu Wahnvorstellungen geführt hat, die den Selbstmord zur Folge hatten. Außerdem hat Cassie den Eindruck, dass die Einverständniserklärungen der Eltern gefälscht sind – sie enthalten alle eine krakelige, recht gleich aussehende Unterschrift. Cassie gelingt es gerade noch, Fotos von den Akten zu machen, bevor Rick nach Hause kommt.
Doch anscheinend hat Rick bemerkt, dass Cassie in den Akten gewühlt hat – und am Tag darauf wird sie ziemlich brutal unter dem Vorwand, dass ihre Eltern Drogen in ihrem Zimmer gefunden hätten, von zwei Männern mit einem Lieferwagen entführt, die sie in ein Erziehungscamp in Mexiko bringen. In Peaceful Cove, wie das Heim genannt wird, herrschen üble Erziehungsmethoden: Die Jugendlichen werden gedemütigt, ständig überwacht, haben keinerlei Rechte und bekommen Beruhigungsmittel verabreicht. Für Cassie beginnt eine schlimme Zeit – sie will nur eines: aus Peaceful Cove so schnell wie möglich abhauen… Doch das ist noch niemandem gelungen.

Bewertung:

„Breakout“ wird vom Sauerländer-Verlag unter dem Rubrik „Reality“ verkauft. Ich weiß nicht, ob es solche Erziehungscamp wie Peaceful Cove (was für ein zynischer und beschönigender Name für diese Einrichtung!) wirklich gibt – aber April Henrys Buch ist zumindest ziemlich bedrängend. Was Cassie mitmacht – einen Stiefvater, der sie am liebsten loswerden möchte (was ihm ja auch gelingt) -, das gibt es durchaus auch in der Wirklichkeit.
Die Geschichte ist nicht leicht zu verkraften, denn die Methoden in dem Erziehungsheim haben es wirklich in sich – und das alles unter dem Deckmantel, ja nur das Beste für die Jugendlichen zu wollen. „Breakout“ liest sich dabei flüssig, die Spannung, wie alles weiter geht, zieht sich durch das ganze Buch und hält den Leser auf Trab.
Sehr kunstvoll arrangiert ist im ersten Teil des Buches die Erzählperspektive – abwechselnd wird in Kapiteln erzählt, was in der Gegenwart (Cassies Aufenthalt in Peaceful Cove) und was in der Vergangenheit (wie Cassie von ihrem Stiefvater Rick drangsaliert wird) geschieht. Im zweiten Teil des Buches wird diese Erzählperspektive dann aufgelöst und nur noch berichtet, wie es Cassie in dem Erziehungsheim ergeht.
Gut gefallen haben mir in dem Buch auch die Figuren. Nicht nur Cassie, sondern auch Thatcher, ein Schulkamerad, dem sich Cassie anvertraut, und Hayley, die einzige Freundin von Cassie in Peaceful Cove, sind gut beschrieben und bereichern das Buch.

Fazit:

5 von 5 Punkten. „Breakout“ ist ein kurzweiliges Buch, das spannend und einfühlsam bis bedrängend darstellt, was manche Jugendliche zu erleiden haben – auch wenn die Sache mit dem Erziehungsheim vielleicht etwas übertrieben ist. Wie Cassie trotz der schlimmen Zustände in Peaceful Cove nicht zerbricht und aufgibt, sondern weiterkämpft, wird gut zum Ausdruck gebracht.
April Henrys Buch kann man eigentlich als Thriller für Jugendliche bezeichnen, zu dem man jedoch erst greifen sollte, wenn man 13 bis 14 Jahre alt ist. Die Atmosphäre in dem Buch ist dicht und stimmig, sehr genau wird beschrieben, wie es Cassie geht, wie sie fühlt und was sie bewegt. „Breakout“ ist alles in allem kein einfaches Buch, aber eines, das es sich zu lesen lohnt!

blau.giflila.gifrot.gifgelb.gifgruen.gif

(Ulf Cronenberg, 18.04.2007)

Lektüretipp für Lehrer!

Cassie wird von ihrem Stiefvater in ein Erziehungsheim gesteckt, in dem die Jugendlichen mit schlimmen Methoden wieder auf den rechten Weg geführt werden sollen. Das Mädchen will nur eines: möglichst schnell aus dem Heim fliehen…
Das Buch erinnert ein wenig an den Film „Einer flog übers Kuckucksnest“ – sehr genau wird beschrieben, wie Jugendliche in einem Erziehungscamp unter dem Deckmantel, das Beste für sie zu wollen, schikaniert werden. „Breakout“ bietet vielfältige Anlässe, nicht nur über Erziehungsmethoden, sondern auch über die Familiensituation (Stiefvater) zu reden. Das Buch steht in einer Tradition von Büchern wie „Evil“ (von Jan Guillou) oder „Herr der Fliegen“, wo es darum geht, was sich Menschen untereinander antun können.

Kommentare (0)

  1. ebos

    Echt tolles Buch!

    Antworten
  2. Pingback: Jugendbuchtipps.de» Blogarchiv » Kurzrezension: Johan Heliot “Kaltgestellt – Kontrolle wider Willen”

  3. Julia

    Das beste Buch, das ich je gelesen habe!

    Antworten
  4. Blubbi

    Hab das Buch erst vor kurzem gelesen, es ist echt super!
    Kann ich echt nur empfehlen!

    Antworten
  5. Roberta

    Sehr, sehr spannend, vielleicht nicht das allerbeste Buch, aber totzdem zu empfehlen!

    Antworten
  6. Pingback: blogbuchstaben.net » Herzlich Willkommen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.