
(Klett-Cotta-Verlag 2025, 489 Seiten)
Früher war ich ein großer Science-Fiction-Fan, habe die Bücher von Isaac Asimov, Herbert Frank, Ursula K. LeGuin & Co. verschlungen; doch irgendwann bin ich dann abgebogen und nun nicht mehr wirklich in dem Genre drin. Nach wie vor liebe ich aber gute Science-Fiction-Filme, und mit Dystopien im Jugendbuchbereich kann ich mich auch jederzeit anfreunden. Nils Westerboer ist ein in Deutschland durchaus bekannter SF-Autor, aber „Lyneham“ ist das erste Buch, das ich von ihm lese. Ist es wegen seines jugendlichen Erzählers auch ein Buch für Jugendliche?
Inhalt:
Auf der Erde ist menschliches Leben nicht mehr gut möglich, und so sind mehrere Raumschiffe zu einem anderen Sonnensystem aufgebrochen. Das ausgesuchte Zielobjekt ist der Mond Perm, der recht dicht um einen Planeten namens Winterleite kreist. In einem dieser Raumschiffe befinden sich Henry, seine jüngere Schwester Loy, sein älterer Bruder Chester sowie sein Vater (während ihre Mutter mit einem anderen Raumschiff mit gleichem Ziel unterwegs ist). Doch beim Eintritt in die Atmosphäre von Perm und bei der Landung geht einiges schief. Es steht auf der Kippe, ob die vier die Biome, in denen die Menschen auf der für sie feindlichen Welt Perms, erreichen werden.
Mit Sauerstoffmasken, deren Kapazität stetig abnimmt, versuchen sie sich zu orientieren. Und es gibt unterwegs Gefahren, von denen sie keine Vorstellung haben, weil sie sich auf einer fremden Welt befinden. Auch vor Mitgereisten müssen sie sich in Acht nehmen, denn es ist ein harter Kampf ums Überleben, wo jeder sich selbst der nächste ist. Doch zu viert schaffen sie es gerade noch in ein Biom, allerdings zum Teil mit schweren Verletzungen und Schädigungen. Henry muss zum Beispiel mehrere Wochen eine künstliche Niere mit sich herumführen.
Das Leben auf Perm ist nicht gerade ungefährlich, auch wenn die Menschen in den Biomen gut geschützt sind. So gibt es z. B. eine seltsame Anomalie, die die menschliche Zivilisation auf dem Planeten bedroht und anscheinend auf größere Wärmesignaturen reagiert. Von daher ist es wichtig, dass die Biome nicht zu viel Wärme produzieren. Für Henry und seine Familie ist es alles andere als einfach, sich in der neuen Welt einzurichten. Und von ihrer Mutter fehlt jede Spur – niemand kann ihnen sagen, wann und ob sie auch auf Perm ankommen wird.
Bewertung:
Was oben zusammengefasst ist, ist nur ein kleiner Ausschnitt dieses fast 500 Seiten umfassenden Buchs, das alles in allem eine sehr komplexe Geschichte erzählt. Neben dem hier skizzierten Erzählstrang gibt es kursiv gedruckte Kapitel – anfangs selten, später häufiger –, in denen die Mutter von Henry, Chester und Loy darüber berichtet, wie sie auf Perm versucht, sich und die Menschen an das Leben auf dem Planeten anzupassen. Auf Perm herrscht eine deutlich geringere Schwerkraft als auf der Erde; außerdem ist die Atmosphärenzusammensetzung mit wenig Sauerstoff und anderen giftigen Bestandteilen für Menschen schädigend.
Hier kommt dann auch der erste Clou des Buches (Vorsicht, unumgänglicher Spoiler!): Mildred Meadows, die Mutter von Henry, Loy und Chester, ist Wissenschaftlerin; und weil sich die Antriebstechnik der Raumschiffe binnen Jahren verbessert hat, reist sie zwar später auf der Erde ab, ist aber deutlich früher auf Perm als der Rest der Familie. Mit ihr dabei ist Noah Rayser, Kopf der Raumfahrt-Firma, die die Besiedelung von Perm geplant hat. Die beiden geraten angesichts der unterschiedlichen Vorstellungen, wie mit dem Planeten umgegangen werden soll, in Streit. Und so zieht sich Mildred Meadows in ein Versteck zurück und forscht, wie sich die Menschen an Perm anpassen können, während Noah Rayser die Welt so verändern möchte, dass die Menschen dort leben können.
Neben der oben bereit erwähnten Anomalie, die die Zivilisation der Menschen auf Perm bedroht, gibt es zahlreiche Lebewesen auf dem Planeten. Und es ist eine ungewöhnliche Idee von Nils Westerboer, wenn er die Perm-Lebewesen unsichtbar sein lässt (ob das physikalisch möglich wäre, sei mal dahingestellt). Manche Menschen, darunter Henry, können die Lebewesen manchmal erahnen und in den Augenwinkeln ein bisschen sehen: aber ansonsten sind die Arcoiden, Kryptiden, Moschops, Gorgonen und wie die Tiere auf Perm heißen für Menschen unsichtbar. Leicht vorstellbar ist das alles nicht unbedingt …
Die Welt von Perm ist auch sonst vielfältig und faszinierend: Es gibt Gebirge, Schluchten, Steppen, Meere und tiefere Gründe; und da liegt für mich ein wenig ein Problem an „Lyneham“. Man kann sich gut vor Augen führen, wie der nahe Planet Winterleite wie ein riesiger Mond am Himmel steht; aber ansonsten entstanden aufgrund der etwas spärlichen Beschreibungen im Buch in meinem Kopf nicht wirklich Bilder der Landschaft und des Lebens auf Perm. Die tieferen Gründe, in die sich Mildred Meadows zurückzieht, konnte ich mir zum Beispiel nicht so richtig vorstellen. Es mag sein, dass das für andere Leser/innen seinen Reiz hat: Man bastelt sich das alles selbst in seiner Vorstellung zusammen; aber ich hätte gerne mehr Anhaltspunkte für die Welt auf Perm gehabt. Mir bleiben die Beschreibungen im Buch jedenfalls oft zu blass.
Die andere Schwierigkeit war für mich, dass ich viele der technologischen Begriffe und Abläufe nicht nachvollziehen konnte – da hilft auch das Glossar am Ende des Buchs (das ich leider wirklich erst nach dem Lesen der letzten Seite entdeckt habe) nicht. Die technischen Dinge sind manchmal sehr komplex, zugleich aber irgendwie auch faszinierend. „Lyneham“ ist in vielem wie ein wilder Ritt durch eine gänzlich andere und fremde Welt, in der die Menschen noch die größte Konstante sind. Sie verhalten sich nicht viel andere als auf der Erde: Sie treten in Konkurrenz, haben unterschiedliche Interessen und Konflikte, planen Intrigen, versuchen natürlich aber auch manchmal füreinander da zu sein und sich zu unterstützen.
Die zentrale Fragestellung, der das Buch nachgeht, ist meiner Meinung nach eine ethische, und sie wird im Kernkonflikt zwischen Noah Rayser und Henrys Mutter entwickelt: Darf man eine Welt so verändern, dass Menschen dort leben können – zum Beispiel, indem man den Sauerstoffgehalt zu erhöhen versucht, was aber die autochthonen Lebewesen auf Perm töten würde? Oder müssen wir Menschen uns der anderen Welt und Natur anpassen? Das erinnert nicht nur von ungefähr an die Kolonisierung anderer Kontinente durch Westeuropa; ja man könnte das sogar als Analogie zur Flüchtlingsdebatte lesen.
Bleibt, noch etwas über die Figuren zu schreiben, die angenehm komplex gehalten sind. Das gilt vor allem für Mildred Meadows als zweiter Erzählerin, die eine ungewöhnliche Mutter ist und sich mit dieser Rolle schwerer tut als mit der der Wissenschaftlerin. Ihr Gegenspieler Noah Rayser steht dagegen für einen sehr berechnenden Menschen, was man aber erst etwas später im Buch bemerkt. Warum Nils Westerboer einen knapp 12-Jährigen zur Hauptfigur gemacht hat, ist mir nicht so ganz klar – „Lyneham“ ist ja kein Jugendroman, sondern vor allem an Erwachsene gerichtet. Ungewöhnlich ist es in jedem Fall.
Fazit:
3-einhalb von 5 Punkten. Nils Westerboer hatte mich auf den ersten Seiten mit seinem Prolog (einer kongenialen Variation des Marshmallow-Tests) in die Geschichte hineingezogen und auch wenn ich nicht immer allem bis ins letzte Detail folgen konnte: „Lyneham“ ist eine besondere Leseerfahrung. Es ist ein Buch über die Besiedelung eines fernen Mondes, der in seinen Grundzügen für Menschen lebensfeindlich ist. Und wer denkt, die Besiedlung des Weltalls ist etwas, was irgendwann zwangsläufig kommen wird, wird zumindest der möglichen Illusion beraubt, dass das jenseits der Entfernungen eine einfach zu bewerkstelligende Sache sei. Wir haben keine Vorstellung, wie Leben aussehen könnte, falls es das auf anderen Planeten gibt; und Nils Westerboer führt einem das in seinem Buch mit Perm ziemlich drastisch vor Augen.
„Lyneham“ zu lesen, ist aus den oben genannten Gründen eine Herausforderung, ich habe mich manchmal ein wenig überfordert gefühlt, gerade auch in Bezug auf das recht kryptische Ende. Jugendlichen Leser/inne/n dürfte das wahrscheinlich nicht anders gehen. Mit Henry hat das Buch zwar einen knapp 12-jährigen Erzähler, aber das, wovon das Buch handelt und was es thematisiert, ist doch eher etwas für ältere Leser/innen und Erwachsene. Wer sich jedoch darauf einlassen kann, wird mit einigem belohnt. Für mich war es vor allem der andere Blick, den ich auf das Leben in anderen Welten bekommen habe.
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(Ulf Cronenberg, 06.01.2026)