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Buchbesprechung: Ilona Hartmann „Klarkommen“

Cover: Ilona Hartmann „Klarkommen“Lesealter 16+(park x bei Ullstein 2024, 188 Seiten)

Wo ich schon bei der letzten Buchbesprechung in den fremden Gefilden der Erwachsenliteratur gewildert habe, konnte ich nicht widerstehen, aus meinem Lesestapel gleich noch einmal ein nicht als Jugendbuch veröffentlichtes Buch herauszupicken. Auf „Klarkommen“, Ilona Hartmanns zweiten Roman, bin ich durch eine Rezension im Internet aufmerksam geworden und fand die Beschreibung – sagen wir mal – interessant. Das Cover dagegen hätte mich nicht zum Lesen bewegen können: unscharfes Foto, schlecht belichtet, sehr dunkel … – aber das ist wohl Programm und passt irgendwie auch zum Buch.

Nach trägen Jahren am Restegymnasium ist das Abitur geschafft. Es wird Zeit, das Zuhause zu verlassen und von der Klein- in die Großstadt zu ziehen. Für die Ich-Erzählerin kein einfacher, aber durchaus notwendiger Sprung aus dem kleinen miefigen Leben heraus, der an einige Erwartungen gekoppelt ist. Denn das Zuhause war und ist wenig toll: die Eltern getrennt, das Leben reizlos und langweilig, irgendwie auch kompliziert. Immerhin gibt es Mounia und Leon, die Freunde der Erzählerin; und über Beziehungen finden sie in der Großstadt eine günstige Wohnung für eine Dreier-WG: vorübergehend für ein Jahr, solange das Haus umgebaut wird – ein Gerüst vor den Fenstern inklusive, auch mal einige Zeit ohne Badbenutzung, weil an den Wasserleitungen gearbeitet werden muss.

Doch das, was die Erzählerin sich erhofft hat, ein pulsierendes und erfülltes Leben, dass das Leben loslegt, findet auch in der Großstadt nicht statt. Die Freundschaften bleiben oberflächlich, auf den Parties fühlt sie sich immer am Rand, und statt dass die Beziehung zwischen ihr und Leon sich vertieft, beobachtet sie, dass Leon immer mehr von ihr und Mounia wegdriftet: In der neuen Umgebung wird er ein anderer Mensch, ist kontaktfreudig, ist unterwegs, feiert, macht Party – während die Erzählerin all das nicht schafft. Die Hoffnung, dass sie mit Leon doch noch zusammenkommt, begräbt sie irgendwann recht spät.

„Klarkommen“ ist ein eigenwilliges Buch und eine ungewöhnliche Leseerfahrung – zumindest war es das für mich. Es ist ein Buch, bei dem man lange wartet, dass sich im Leben der Erzählerin etwas tut, dass sie aus ihrem ereignislosen Lebensloch herauskriecht, dass das Leben Fahrt aufnimmt, dass sie Menschen nahekommt. Aber es passiert einfach nicht. Da taucht zum Beispiel Franz auf, und mit ihm wohl auch nach Leon die erneute Hoffnung auf eine Beziehung. Doch auch hier läuft es verquer …

Und so hat das Buch – erzählt in Kapiteln, die manchmal nur ein paar Zeilen, aber nie länger als sechs Seiten sind – keine Höhepunkte. Es plätschert gehörig, was die Handlung angeht, und das steht für ein ziemlich dürftiges Lebensgefühl im Off. Auf einer Ebene ist das sympathisch. Die Welt liegt der Erzählerin nicht zu Füßen, sie verliert sich nicht darin, sondern eher in sich selbst, ohne aber sich und die Welt so richtig zu verstehen. Das muss man mögen. Auf anderer Ebene ist es auch etwas anstrengend, weil der Blick auf die Welt chronisch-depressiv angehaucht ist.

Weiter hinten im Buch (S. 152) heißt es einmal: „Geh doch reisen“, sagte Mounia kurz vor den Abiturprfüfungen mal zu mir, und ich schüttelte den Kopf. Erstens hatte ich kein Geld, und zweitens wollte ich nichts Neues entdecken, sondern das Vorhandene kapieren. Aber bei der Erzählerin tut sich da nicht viel; sie scheint am Ende wenig weiser als zuvor, behält in dem Jahr in der Großstadt, das das Buch beschreibt, ihre desillusionierte Sicht auf das Leben.

Was mich an „Klarkommen“ an einigen Stellen begeistert hat, waren sprachliche Höhepunkte, in denen die Erzählerin ihr Leben – hier die letzten Monate zuhause bei den Eltern – mit zynischer Distanz prägnant reflektiert:

„Eingekeilt in zunehmender Stummheit, durchbrochen von auswendigen gelernten Machtworten, an die ich mich aus einer Art Restloyalität noch hielt, weil ich wusste, dass ich ihnen bald nicht mehr untergeben war.“ (S. 42)

Oder auf der folgenden Seite über die Zeit vor dem Abitur:

„Die Schulzeit auf dem Restegymnasium ließ ich über mich ergehen wie eine Routinekontrolle beim Zahnarzt. Ich war froh, wenn ich den Mund nur kurz aufmachen musste.“ (S. 43)

Das Leben der namenlosen Erzählerin ist wie ein renovierungsbedürftiges Haus mit Gerüst. Von daher spielt das Buch durchaus in der passenden Umgebung – hier stimmt die Konstruktion des Romans. Und der Satz auf der Rückseite des Umschlags fasst das Buch auch wirklich gut zusammen: „Ich wollte wirklich gerne meine Jugend verschwenden, aber doch nicht so.“

Fazit:

4 von 5 Punkten. „Klarkommen“ ist ein streitbares Buch – eindeutig. Man mag es langweilig und depressionsfördernd finden, weil eine junge Frau erzählt, wie sie an ihren Sehnsüchten vorbeilebt; oder man mag in ihm einen desillusionierenden Blick auf die Lebensrealität sehen, der ein bisschen wehtut und zugleich das verheißungsvolle Leben, das uns die Werbung und die Erfolgreichen versprechen, entlarvt. Das ist ganz gewiss nicht jedermanns (*) Sache.

Für mich, der weder als Jugendlicher noch als junger Erwachsener und auch nicht jetzt ein solches Lebensgefühl hat, ist Ilona Hartmanns Roman ein Blick in einer etwas andere Welt. Andocken kann ich aber durchaus, weil ich solche Lebensmomente zumindest als Stimmungen kenne. „Klarkommen“ ist in jedem Fall ein schlüssiges Buch. Sprache, Handlung, Erzählstruktur passen zum beschriebenen Lebensgefühl und bilden eine Einheit, und damit ist das Buch irgendwie ein Leseerlebnis. Ein typisches Jugendbuch ist „Klarkommen“ allerdings nicht, auch wenn der Ausblick auf die nächstem Lebensjahre interessant sein kann. Für Ilona Hartmanns Roman man muss aber ein reifer Leser oder eine reife Leserin sein.

(*) Das Wort zu gendern, finde ich dann doch krampfhaft.

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(Ulf Cronenberg, 16.06.2024) ></p>
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