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Buchbesprechung: R. J. Palacio „Pony“

Cover: R. J. Palacio „Pony“Lesealter 12+(Hanser-Verlag 2024, 287 Seiten)

Ich muss gestehen, dass ich „Wunder“, das viel beachtete Debüt von R. J. Palacio, an mir vorbeiziehen habe lassen. Auch „White Bird“, den folgenden Roman der Autorin, habe ich nicht gelesen, obwohl er mich mit seiner Beschreibung mehr als „Wunder“ interessiert hätte. Doch nun, beim dritten Kinder-/Jugendbuch der amerikanischen Verlegerin und Schriftstellerin, die in New York, lebt, hat es schließlich doch noch geklappt. Und was in „Pony“ auf einen wartet, ist eine wirklich ganz eigensinnige Geschichte – das sei schon mal verraten …

Inhalt:

Irgendwann vor gut 150 Jahren: Silas lebt mit seinem Vater alleine in einem Haus; Silas‘ Mutter ist bei seiner Geburt gestorben. Sein Vater kümmert sich gut um ihn, bringt ihm vieles bei. Auch wenn er sein Geld als Schuster verdient und Schuhe auf dem Markt verkauft: Eigentlich interessiert er sich viel mehr für wissenschaftliche Dinge, und da vor allem für die Fotografie. Er hat eine eigene Möglichkeit gefunden, Fotos anders zu entwickeln als bei der damals gebräuchlichen Daguerreotypie.

Silas selbst ist ein 12-jähriger Junge, der ganz anders als Gleichaltrige ist. Er hat einen Blitzschlag überlebt. Und er sieht schon, seit er ein kleines Kind ist, Geister. Mittenwool, so heißt der Geist, der ständig um ihn herum ist, der für Silas so etwas wie ein Lebensbegleiter ist, der für ihn da ist, wenn er jemanden braucht. Sein Vater hat akzeptiert, dass Mittenwool für Silas lebendig ist, auch wenn er selbst ihn nicht sehen kann. Anderen Menschen gegenüber soll Silas aber nicht darüber reden.

Doch die Ruhe der beiden wird gestört, als eines Abends zwielichtig aussehende Gestalten auf Pferden aufkreuzen und die beiden zwingen wollen, mit ihnen kommen. Silas‘ Vater soll für ihren Anführer etwas erledigen – und es hängt mit des Vaters Kenntnissen von chemischen Prozessen zusammen. Erst als die Männer sich darauf einlassen, dass Silas zurückbleiben kann, kommt der Vater mit; er schärft Silas ein, das Haus nicht zu verlassen – er sei in einer Woche spätestens zurück. Doch als am nächsten Tag Pony, eins ihrer Pferde, alleine zurückkommt, ist Silas klar, dass er seinem Vater mit dem Pferd folgen muss. Neben Pony ist auch Mittenwool dabei. Was Silas erwartet, ahnt der Junge nicht im Geringsten.

Bewertung:

J. R. Palacio (die Initialen J. R. stehen übrigens für ihren eigentlichen Namen Raquel Jaramillo) hat schon lange einen Faible für Fotografie, sie hat früher auch Bücher fotografisch illustriert und/oder deren Cover gestaltet. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass Silas‘ Vater ein Mensch ist, der in den Anfangsjahrzehnten der Fotografie selbst an neuen Methoden, Fotos zu entwickeln, forscht. Die Kapitelanfänge sind jeweils von alten Fotos mit Personen, die so aussehen könnten, wie die Figuren im Buch, eingeleitet. J. R. Palacio hat diese alten Fotos gesammelt und für das Buch ausgewählt – eine gute Idee, um ein bisschen des Flairs der Zeit, in der das Buch spielt, an die Leser/innen zu bringen.

Man könnte „Pony“ (wer hat sich eigentlich den reißerischen Untertitel „Wenn die Reise deines Lebens lockt, mach dich auf den Weg“ ausgedacht?) als altmodisches Buch bezeichnen – und das meine ich nicht abwertend … Das Buch erinnert zum einen an das Filmgenre des Westerns: Es gibt einen Sheriff, der eine wichtige Rolle spielt, es wird auf Pferden geritten, es gibt Geldfälscher, die sich in einer Höhle verstecken, es kommt zu Schießereien. Zum anderen hat das Buch auch fantastisch-mystische Anleihen: Denn Silas kann Geister sehen – wie man im Laufe des Buchs erfährt: nicht nur Mittenwool, sondern auch Tote, die herumspuken und Silas zutiefst erschrecken.

„Pony“ (Übersetzung: André Mumot; identischer amerikanischer Originaltitel) kann man aber auch als Abenteuerroman ansehen: Ein Junge wird aus seinem behüteten Leben gerissen und wird in Situationen gebracht wird, die ihn letztendlich überfordern. Doch Silas – und das macht ihn zur interessanten Figur – kann gar nicht anders: Er spürt tief im Innersten, dass er seinen Vater suchen und retten muss; es ist seltsamerweise mehrmals Pony, Silas‘ Pferd, das ihn weiterzutreiben scheint. Silas spürt zu dem Pferd eine unerklärbare Verbindung – es ist wiederholt so, dass Pony die Führung zu übernehmen scheint, weiß, wie es weitergehen muss. Und auch Mittenwool hilft dem Jungen in brenzligen Situationen immer wieder weiter.

Die Figuren in „Pony“ sind vielschichtig, haben so einige Ecken und Kanten. Das gilt zum Beispiel für Silas‘ Vater, der im Verdacht steht, früher unter anderem Namen ein berüchtigtes Leben geführt zu haben. Auch des Sheriffs Gehilfe wäre da zu nennen: ein beleibter Kompagnon, der mit dem Sheriff ein gutes Team bildet, Silas aber unsympathisch ist (was sich später jedoch ändert). Das gilt auch für Marshal Farmer, den Silas auf der Suche nach seinem Vater begegnet, und dem er sich einige Zeit anschließt – eine rätselhafte Figur, die Silas gegenüber ruppig auftritt, aber irgendwo tief im Inneren doch ein gutes Herz zu haben scheint.

Was J. R. Palacios Buch ausmacht, ist eine düstere Gesamtstimmung: Es gibt dunkle Wälder, in denen Geister herumspuken (die aber nur von Silas gesehen werden), es gibt Schurken, die skrupellos sind, es wird geschossen, Menschen werden verletzt. Die Autorin scheut sich auch nicht davor, dass wichtige Buchfiguren ums Leben kommen – aber das alles wird so erzählt, dass es meiner Meinung nach für Leser/innen ab 12 Jahren gut zu verdauen ist. Im Buch gibt es zugleich Wärme, die unter anderem aus der fürsorglichen Art des Vaters resultiert, später auch vom Sheriff ausgeht, der sich als herzensguter Mensch entpuppt.

Was zu der altmodischen Anlage des Buchs sehr gut passt, ist der unauffällige, aber stilsichere Erzählstil von J. R. Palacio; sie hält sich als Autorin im Hintergrund und lässt die Geschichte für sich sprechen. Silas, der als Ich-Erzähler fungiert, berichtet auf eine für sein Alter glaubhafte Art von allem, was passiert. Rückblenden in frühere Zeiten (vor allem über das Aufwachsen bei seinem Vater) sind da schon die einzigen Besonderheiten, die erzähltechnisch zu bemerken sind. Doch das alles ist stimmig und liest sich auch flüssig.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. J. R. Palacio holt in „Pony“ eine fast vergessene Zeit zurück: das Amerika des Westerns, das freilich im Filmgenre voller Klischees war. „Pony“ mag da in einigem näher an der Lebenswirklichkeit vor gut 150 Jahren liegen, aber trotzdem ist es ein fiktives Buch, in dem für den Plot passende Figuren und Ereignisse zusammengestellt wurden. Das alles funktioniert. „Pony“ erzählt gekonnt eine Abenteuergeschichte mit geheimnisvoll-mystischen Elementen. Sie entfaltet, obwohl es nicht vor Spannung knistert, durchaus einen Lesesog.

Das Buch lebt maßgeblich auch von der Figur des 12-jährigen Silas. Er ist ein Junge mit besonderen Fähigkeiten, er begibt sich trotz seines behüteten Aufwachsens in schwierige Situationen, die eigentlich seine Kräfte übersteigen. Silas ist ein Außenseiter, ein Junge, der aber im Abenteuer viel über sich selbst lernt; und weil sich dann am Ende alles fügt (wenn auch anders, als er erhofft hatte), kommt er im Leben weiter. „Pony“ erzählt eine zeitlose Geschichte und ist damit irgendwie kurios, aber genau deswegen auch einzigartig. Ich habe in den letzten Jahren kein Kinder-/Jugendbuch gelesen, das sich so wenig um Modethemen kümmert, und gerade dadurch seinen ganz besonderen Reiz entfaltet.

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(Ulf Cronenberg, 24.05.2024)


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