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Buchbesprechung: Tamara Bach „Von da weg“

Cover: Tamara Bach „Von da weg“Lesealter 13+(Carlsen-Verlag 2024, 171 Seiten)

Alle Jahre wieder im Januar oder Februar klingelt sozusagen das Glöckchen und es gibt einen neuen Jugendroman von Tamara Bach. Man kann sich darauf freuen, denn was man bekommt, ist keine Stangenware (auch wenn der regelmäßige Veröffentlichungstakt das vermuten lassen könnte); nein, man liest immer ganz besondere Bücher. Die Gemeinsamkeit der Bücher ist, dass es meist um die innere Befindlichkeit von Mädchen im Jugendalter geht, die besondere Alltagssituationen erleben … Das ist in „Von da weg“ nicht anders.

Inhalt:

Kaija ist mit ihren Eltern und ihrer Tante Josepha neu in den Ort gezogen, in dem ihre Mutter und Josepha aufgewachsen sind. Zurücklassen musste Kaija ihre bisherigen Freundinnen, und es macht ihr viel aus, dass die sich gar nicht über die üblichen Handy-Kanäle bei ihr melden oder auf ihre Posts reagieren. Nein, es herrscht seltsames Stillschweigen, und Kaija fühlt sich einsam.

In der Schule geht es Kaija auch nicht gut. Sie wird von den anderen kritisch beäugt, traut sich aber auch nicht, auf sie zuzugehen. Hinzu kommt, dass ihre Mutter Lehrerin an der Schule ist – das bekommen manche Lehrkräfte schnell mit. Kaija verhält sich allerdings auch seltsam: Wenn andere auf sie zugehen, lässt sie sie abblitzen und hält sich von ihnen fern. Das ist auch mit der verquasselten Emily so, die aber nicht lockerlässt.

Emily ist die Tochter einer früheren Freundin von Kaijas Mutter. Überhaupt scheinen viele am Ort Kaijas Mutter und Tante Josepha zu kennen – doch auch die Begegnungen mit den früheren Bekannten und Freundinnen verlaufen seltsam. Kaijas Mutter sucht wie die Tochter keinen Kontakt zu anderen – und das hat seine Gründe …

Bewertung:

Das Cover des neuen Tamara-Bach-Romans ist recht blass in Pastelltönen gehalten, nichts für meinen Geschmack; aber es passt dazu, wie ich das Buch am Anfang auch erlebt habe. Die Geschichte beginnt relativ schmucklos, man erfährt als Leser/in, dass Kaija mit ihren Eltern (ihr Vater ist Amerikaner) und Tante Josepha ins alte Haus von Kaijas Eltern eingezogen ist, dass Kaija ihre Freunde vermisst, dass sie sich der neuen Situation nicht richtig stellen will. Es ist irgendwie nicht viel los zu Beginn, und Tamara Bach verwendet wie in früheren Büchern (wenn auch nicht so extrem wie in „Honig mit Salz“) eher einfache und prägnante Sätze, um in die Situation einzuführen.

Das geht irgendwie etwas lange, und ich habe schon ein bisschen von meiner Weiterlese-Lust verloren – doch dann tut sich in dem Buch gottseidank etwas. Was sich anfangs als eine typische Umzugsgeschichte präsentiert (ein Mädchen kommt in der neuen Umgebung nicht zurecht), wird dann doch deutlich raffinierter. Das sechste Kapitel (wir sind da schon auf Seite 67) ist nämlich mit „Ruth“ überschrieben – dem Namen von Kaijas Mutter. Auf einmal liest man deren Geschichte rund um die Zeit des Abiturs, die viele Jahre zurückliegt; und es wird plötzlich spannend. Denn was Kaijas Mutter damals erlebt hat, spielt in Kaijas Gegenwart hinein.

Ruth, die bald das Abi in der Tasche hat, hat nämlich Reiselust. Es gibt Pläne, mit einer Freundin gemeinsam loszuziehen, es gibt andere Versprechungen, die sie und Freundinnen sich geben; da ist auch ein Junge, der sich für Ruth zu interessieren scheint (und sie auch für ihn) … Aber es kommt anders, und Ruth zieht alleine los. Von den Freundschaft scheint bei der Rückkehr von den Reisen nicht wirklich viel übrig geblieben zu sein … Und später passiert etwas Schlimmes in Ruths Leben.

Einige Kapitel später geht die Geschichte noch einmal weg von Kaija, und diesmal zu Josephas Vergangenheit in dem Dorf. Josepha ist in dem Buch eine schillernde, eine anfangs sehr mysteriöse Figur Figur. Sie sitzt tagein, tagaus untätig und rauchend auf der Terrasse oder im Garten, man kann sich keinen Reim auf sie machen … Aber wenn man liest, was ihr in der Jugend widerfahren ist, versteht man sie deutlich besser. Am Ende wird sie einem sogar sympathisch. Wie sie selbst einmal zu Emily meint: Sie belle, aber beiße nicht …

Was Tamara Bach in „Von da weg“ aufblättert, ist inklusive eines weiteren Vergangenheitsrückblicks ganz am Ende nach dem anfänglichen Stillstand eine packende Familiengeschichte, die psychologisch dicht und lesenswert ist. Die Rückschauen lassen einen Kaijas Gegenwart, die man anfangs nicht so ganz versteht, durch eine andere Brille sehen. Warum verhält sich Kaijas Mutter so seltsam? Was ist mit Josepha los? Und irgendwann wird sogar Kaijas anfängliches Vermissen der alten Freundinnen in Frage gestellt. Es war wohl auch am alten Wohnort vieles nicht gut, eher schlimm.

Mir gefällt die raffinierte Art, mit der sich die Geschichte entwickelt, extrem gut – man ahnt das alles angesichts der anfänglichen Beschaulichkeit nicht; aber mich hat das Buch irgendwann so richtig gepackt. Dass Tamara Bach das Buch wieder in ihrem ganz eigenen Stil erzählt, knapp präzise, mit sehr bewusst eingestreuten sprachlichen Bildern, die dann eine große Wirkung entfalten, macht den Roman zu einer intensiven Leseerfahrung, sofern man sich auf die Geschichte einlässt. Tamara Bach macht das sehr geschickt: Sie interpretiert nichts, sondern sie beschreibt, was passiert (ist) – allerdings so, dass man sich als Leser/in auf alles einen Reim machen kann.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Für mich ist „Von da weg“, obwohl ich das nach den ersten 50 Seiten nicht so erwartet hatte, das beste Buch, das Tamara Bach in den letzten Jahren geschrieben hat. Wie die Familiengeschichte hinter dem, was Kaija erlebt, Stück für Stück aufgedeckt wird, hat mich beeindruckt. Ich war der Geschichte irgendwann verfallen und konnte mich dem Buch dann irgendwann nicht mehr entziehen. Der Roman, das bemerkt man erst in der zweiten Hälfte, spielt geschickt mit Geheimnissen, die hinter dem, was in der Gegenwart passiert, stehen. Das Buch deckt sie auf eine sachte, aber zugleich wuchtige Art auf. Am Ende steht ein schlüssiges Gesamtbild.

„Von da weg“ erzählt auch die Geschichte, wie ein Mädchen, das beschädigt ist, wieder heil zu werden beginnt. Kaija gelingt das jedoch nicht aus eigener Kraft – im Gegenteil, sie verbaut sich mit ihren Vorerfahrungen und dem, was sie daraus ableitet, lange viel. Es ist Emily, die nicht lockerlässt und damit Kaija zurück auf einen guten Weg bringt. Glück gehabt, kann man da sagen – es hätte auch anders weitergehen können … Für mich ist „Von da weg“ ein besonderes Buch, das zeigt, dass man auch im Jahresrhythmus gute Bücher schreiben kann. Das gelingt aber sicher nicht jedem/jeder Autor/in.

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(Ulf Cronenberg, 22.04.2024)


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