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Buchbesprechung: Karen Köhler „Himmelwärts“

Cover: Karen Köhler „Himmelwärts“Lesealter 10+(Hanser-Verlag 2024, 187 Seiten)

Wahrscheinlich wäre ich an dem Buch im Laden vorbeigegangen, hätte das Buch im Verlagsprospekt überblättert, hauptsächlich deswegen, weil ich meist nach Jugendromanen für Leser/innen ab 12 Jahren suche. Doch manchmal gibt mir die Buchhändlerin meines Vertrauens einen Tipp, und das war einer, den ich beherzigt habe. Das war gut so, denn beim Kinderbuch-Debüt von Karen Köhler hätte ich eindeutig etwas verpasst. So viel sei schon mal verraten …

Inhalt:

Tonis Mutter ist gestorben – an Krebs. Seitdem kämpft sie mit ihrem Vater darum, wieder im Leben Fuß zu fassen. Ihr Vater trinkt seit dem Tod seiner Frau jedenfalls eindeutig zu viel Wein, bestreitet zwar, dass er viel weint, kehrt aber mit roten Augen immer wieder aus dem Klo zurück. Auch Toni kämpft mit ihrer Trauer, und gut, dass sie eine beste Freundin hat, die ihr Halt gibt: Yumyum.

Gemeinsam planen sie einen ganz besonderen Abend: Yumyum mit ihrem Superhirn hat unter anderem aus einem Regenschirmgestell ein Funkgerät gebaut, und damit hoffen die beiden nachts Kontakt zu Tonis Mutter im Himmel aufbauen zu können. Doch niemand darf davon wissen – weder Yumyums hyperängstliche Mutter noch Tonis Vater. Der Plan ist, dass die beiden im Garten von Toni zelten – und sie bereiten sich ordentlich darauf vor.

Sie schmuggeln wochenlang gesammelte Süßigkeiten und Chips nach draußen ins Zelt – gar nicht so einfach. Doch noch schwieriger wird es, das Funkgerät zu verwenden, weil Tonis Vater immer wieder nach ihnen schaut. Der hat ständig Yumyums Mutter am Telefon, die das Zelten niemals erlaubt hätte. Doch irgendwann können sie das Funkgerät hinter dem Zelt aufbauen. Nach ersten Fehlversuchen bekommen sie tatsächlich ein Signal … Aber natürlich ist es nicht Tonis Mutter, die sie hören, sondern sie werden von etwas anderem überrascht.

Bewertung:

„Himmelwärts“, das habe ich aber erst im Nachwort erfahren, war ursprünglich ein Theaterstück, das Karen Köhler für das Theater Ingolstadt geschrieben hatte. Daraus ein Kinderbuch zu machen, war eine Idee, die von einigen Personen angeregt und unterstützt worden war; und die Pandemiezeit war eine gute Gelegenheit dafür, das umzusetzen.

Das Thema Tod eines Elternteils ist nicht neu im Kinderbuch – mir kamen da sofort die „Maulina“-Bücher von Finn-Ole Heinrich in den Sinn, die für mich nach wie vor zu den besten und kreativsten Kinderbüchern zählen, die ich gelesen habe. Während bei Maulina die Zeit bis zum Tod ihrer Mutter beschrieben wird, geht es bei Toni um die Zeit danach: um die Erinnerungen und um die Trauer, die ständig hochkommen.

Doppelseite aus: Karen Köhler „Himmelwärts“ – Seite 24/25

Was man so alles zum Zelten braucht … | Doppelseite aus: Karen Köhler (Text), Bea Davis (Illustration): „Himmelwärts“, © Hanser-Verlag

Toni, oft reimend Toni-Peperoni genannt, schwankt jedenfalls ständig zwischen der versuchten Normalität des Lebens, zu dem auch Freuden gehören, und der Trauer, die sie in vielen Situationen überkommt. Es sind oft Kleinigkeiten, die sie an die tote Mutter erinnern. Tonis Vater versucht tapfer zu sein, aber man hat als Leser/in den Eindruck, dass er mindestens genauso schlecht mit der Situation zurechtkommt wie seine Tochter.

Yumyum hat von daher für Toni eine besondere Bedeutung. Die beiden Mädchen sind ziemlich unterschiedlich – Yumyum, eine kleine Hochbegabte, die über alles Bescheid weiß, insbesondere über alles, was mit dem Weltall zusammenhängt, die zugleich mit ihrer Unbekümmertheit und ihrem Elan Toni genau das gibt, was diese braucht. Woher der Name von Tonis Freundin kommt? Man ahnt es schon: von der Fertigsuppe gleichen Namens. Yumyum verdrückt sie gerne zerkrümelt – ohne Wasser!

Und damit sind wir schon bei einer Sache, die „Himmelwärts“ besonders auszeichnet: Das Buch sprüht vor kreativen Ideen, die jedoch nicht einfach eingestreut sind, sondern sich nahtlos in die Geschichte einfügen, ja, sie weiterführen. Diese Kreativität findet man in der Erzählweise der Geschichte – immer wieder wird das Geschehen zum Beispiel mit Erinnerungen aus Tonis Notizbuch, die Situationen mit ihrer Mutter beschreiben, unterbrochen. Man findet sie aber auch in den vielen Einfällen, die Toni und Yumyum haben. Und die Wendungen, die die Geschichte immer wieder nimmt, zeigen auch, wie einfallsreich Karen Köhler zu erzählen weiß.

Doppelseite aus: Karen Köhler „Himmelwärts“ – Seite 46/47

Eine riesige Sternschnuppe sehen Toni und Yumyum und fragen sich, ob Tonis Mutter sie geschickt hat. | Doppelseite aus: Karen Köhler (Text), Bea Davis (Illustration): „Himmelwärts“, © Hanser-Verlag

Toni ist eine unbekümmerte Erzählerin, nicht, weil ihr Leben unbekümmert verläuft, sondern weil sie sich alles sagen traut, was in ihr vorgeht. Das funktioniert, weil sie eine gute Beobachterin ist; außerdem kann sie gut beschreiben, wie es ihr geht und was in ihr vorgeht. Und wenn Toni mal nicht weiter weiß und in der Traurigkeit feststeckt, ist Yumyum da und holt sie aus der Trauer raus.

Trotz des ernsten Hintergrunds bringt einen das Buch ziemlich oft zum Schmunzeln, oft zum Staunen. Es sind die zahllosen Kleinigkeiten, bei denen man nicht umhin kann, als sie zu bewundern – zum Beispiel beim Abendessen vor dem Zelten mit Tonis Vater am Tisch:

»Ich habe dich was gefragt.« [Das sagt der Vater.]
»Nicht zugehört, Tschuldigung, was?«
»Ob du satt bist?«
»Ja, ich platze!«
»Das hab ich auch gesagt!« Yumyum und ich klatschen uns ab.
»Dann will hier wohl niemand mehr Nachtisch?«
»DOCH!«
»Nachtisch!«
»Lieber nicht, geplatzte Kinder bekommt man so schwer aus dem Teppich wieder raus.«
»Ich habe einen Nachtischmagen, der ist nur für Nachtisch da. Wie bei einer Kuh. Guck, Papa, hier, da ist mein Nachtischmagen.«
»Im Gefrierfach ist Eis.« Er lächelt ein bisschen, wir sprinten in die Küche und sind in weniger als einem Augenzwingern zurück. (S. 20)

An solchen Dialogen spürt man Karen Köhlers Gespür für Dialoge, die sicher auch aus ihrer Erfahrung mit Theaterstücken resultieren. Gespür ist überhaupt das, was dieses Buch auszeichnet, das so einfühlsam von einem trauernden Mädchen erzählt. Hier stimmt einfach alles.

Doppelseite aus: Karen Köhler „Himmelwärts“ – Seite 64/65

Mit dem Funkgerät wollen sie Kontakt zu Tonis Mutter aufnehmen … | Doppelseite aus: Karen Köhler (Text), Bea Davis (Illustration): „Himmelwärts“, © Hanser-Verlag

Hinzu kommen die genialen Illustrationen von Bea Davis, die auf vielen Doppelseiten zu finden sind – manchmal ist der Text um sie herumgebaut, ab und zu zieren sie eine einzelne Seite, ein paar Mal auch eine ganze Doppelseite. Bea Davis‘ Zeichnungen illustrieren nicht nur den Text, ab und zu erweitern sie ihn, und sie steuern alles in allem das bei, was das Buch neben dem poetischen Text endgültig zum Kunstwerk macht.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Was für ein Buch! „Himmelwärts“ – das klingt vielleicht etwas kitschig – habe ich jedenfalls beseelt aus der Hand gelegt. Das Buch hat alles, was ein gutes Kinderbuch ausmacht: Es ist abwechslungsreich, verbindet Tiefe und Tragik, schenkt einem dennoch heitere Momente; es sprüht vor sprachlicher Kreativität, ist voller gewitzter Ideen. An diesem Buch stimmt einfach alles.

Für mich hat Karen Köhler, deren Wunschillustratorin Bea Davis vorab war (und sie hat sie dann auch für das Projekt gewinnen können), eines der Bücher geschrieben, von denen ich schon jetzt Anfang April sagen kann, dass es eines der Highlights dieses Lesejahres sein wird. Lest das Buch; ihr werdet viel mehr entdecken, als ich hier schreiben kann und will – man darf in Buchbesprechungen ja nicht alles verraten …

blau.giflila.gifrot.gifgelb.gifgruen.gif

(Ulf Cronenberg, 04.04.2024)

Abdruck der Buchseiten mit freundlicher Genehmigung des Hanser-Verlags, Hamburg – herzlichen Dank! Die Bild- und Text-Rechte liegen bei Karen Köhler und Bea Davis sowie dem Verlag.


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