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Buchbesprechung: Julya Rabinowich „Der Geruch von Ruß und Rosen“

Cover: Julya Rabinowich „Der Geruch von Ruß und Rosen“Lesealter 14+(Hanser-Verlag 2023, 235 Seiten)

„Der Geruch von Ruß und Rosen“ ist der dritte Band, in dem es um Madina, ein Mädchen, das mit seiner Familie aus einem nicht genau benannten Kriegsgebiet nach Mitteleuropa geflohen ist. Seltsam, dass der Band weder vom Titel noch vom Cover her zu den vorhergehenden Bänden passt. „Dazwischen: Ich“ und „Dazwischen: Wir“ hießen nicht nur anders, sondern waren auch in einem tagebuchähnlichem Layout veröffentlicht worden. Man muss über das neue Buch von Julya Rabinowich schon ein bisschen was wissen, um es als Fortsetzung zu erkennen …

Inhalt:

Madina ist im letzten Schuljahr, sie treibt die Sorge um, dass sie den Abschluss nicht schaffen könnte. Ein Ziel hat sie auch schon vor Augen: Sie möchte Medizin studieren. Madinas Vater ist immer noch verschollen, er war schon vor längerer Zeit in die Heimat zurückgekehrt, um dort alles in Ordnung zu bringen – doch seitdem hat die Familie nichts mehr von ihm gehört. Seit kurzem ist Frieden in Madinas Herkunftsland eingekehrt, doch vom Vater fehlt weiter jegliche Spur.

Tante Amina, die mit Madinas Familie nach Deutschland geflohen ist, plant etwas Verrücktes, was Madina eher durch Zufall mitbekommt. Amina möchte, weil nun Frieden herrscht, in den Heimatort reisen, um dort auch Frieden mit der eigenen Verwandtschaft zu schließen. Sie hält es nicht gut aus, dass sie von ihrer Familie zu Beginn des Krieges verstoßen wurde. Madina möchte gerne wissen, was genau damals passiert ist, aber Amina rückt nicht damit heraus. Weil Madina Aminas Vorhaben kennt, will sie Amina begleiten und nach ihrem Vater suchen.

Dass ihre Mutter damit einverstanden ist, kann Madina vergessen. Das wissen sie und Amina ganz genau und planen deshalb alles heimlich und brechen dann an einem Tag in aller Früh auf. Nach längerer Reise kommen beide wirklich in ihrem Herkunftsort an; vieles ist vom Krieg verwüstet, im Haus der Familie lebt nun jemand anderes. Und von den im Ort Verbliebenen werden sie fast durchgängig alles andere als freundlich aufgenommen. Niemand will auch etwas darüber sagen, ob Madinas Vater noch lebt und falls ja, wo er sich befindet.

Bewertung:

Mir haben die beiden erste Bände – „Dazwischen: Ich“ und „Dazwischen: Wir“ – richtig gut gefallen, weil sie sehr einfühlsam erzählen, wie es einem Mädchen geht, das aus einem Kriegsgebiet nach Mitteleuropa geflohen ist. Madina steht irgendwann zwischen den Kulturen, weiß die neue Freiheit, die es in ihrem Herkunftsland für Mädchen nicht gibt, zu schätzen, wird aber vor allem vom Vater kleingehalten. Erst als dieser weg ist, kann Madina zum Beispiel Jeans anziehen oder sich schminken. Was sich auch geändert hat, ist, dass sich die Rollen zwischen den Eltern und dem Mädchen in vielem umgekehrt haben. Madina, die viel schneller Deutsch lernt, muss auf einmal vieles für die Eltern regeln, ja auch deren Unzufriedenheit und Depression angesichts der Flucht auffangen.

Die Situation in „Der Geruch von Ruß und Rosen“ ist unverändert, Madina ist auf der einen Seite freier als je zuvor, die Last der Verantwortung für die Familie lastet auf der anderen Seite jedoch weiterhin stark auf ihr. Und als dann der Krieg in ihrem Herkunftsland beendet ist, kommt bei Madina mit zunehmender Vehemenz die Frage nach dem Verbleib des Vaters auf. Auch hier ist Madina hin und her geworfen: Einerseits vermisst sie ihren Vater, dem sie viel zu verdanken hat, andererseits fürchtet sie um ihre gewonnene Freiheit, sollte er zurückkehren. Doch das hindert Madina nicht daran, sich mit ihrer Tante auf die Suche nach dem Vater zu machen.

Dass der dritte Band die Leser/innen in das nicht benannte Herkunftsland führt (ich habe immer Syrien vor Augen), ist natürlich ein gewagter wie kluger Schachzug. Das Land und die Situation dort ein wenig kennenzulernen, füllt eine Leerstelle aus, die die ersten Bände hinterlassen haben. Ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen: Die Erfahrungen, die Madina und ihre Tante Amina machen, sind größtenteils schrecklich; ja, es wird richtig tragisch. Vor allem Madinas Tante schlägt ein unbändiger Hass entgegen, als sie ihrer Stiefmutter begegnet.

Die Spur des Vaters zu finden, entpuppt sich ebenfalls als schwierig – ein Teppich des Schweigens wird darüber ausgebreitet; niemand will etwas mit Madinas Vater, der für etwas Schlimmes verantwortlich gemacht wird, zu tun haben. Doch am Ende findet Madina ihn (das muss hier leider vorweggenommen werden) – einen gebrochenen Mann, der völlig am Ende ist. Doch ein nicht minder großes Drama beginnt, als Madinas Vater wirklich wieder mit nach Hause gebracht wird.

Wie Julya Rabinowich all das beschreibt, ist nicht nur gelungen, sondern auch psychologisch plausibel. Madina, ihre Mutter und ihr jüngerer Bruder Rami müssen Heftiges aushalten, und die Familie ihrer Freundin Laura, in deren Haus sie wohnen, muss auch einiges mitmachen. Im Nachwort schreibt die aus Russland stammende österreichische Autorin, dass sie zur Vorbereitung für das Buch viele Gespräche mit Flüchtlingen geführt hat und sich dadurch ein umfassendes Bild über das zu machen versucht hat, was in dem Buch geschildert wird: die Heimkehr ins Heimatland und die Rückkehr in die Familie eines vom Krieg gebrochenen Manns.

Bewundernswert ist, wie einfühlsam Julya Rabinowich all das aus der Sicht Madinas darstellt. Sie findet die passende Mischung aus einer Deutlichkeit in der Darstellung bei dem, was passiert, und aus einer Zurückhaltung, was die Zielgruppe des Buchs (Leser/innen ab 14 Jahren) angeht. Geschickt gemacht ist das, gerade auch in Hinblick darauf, was Amina im Heimatland widerfährt.

Passend wird alles auch auf sprachlicher Ebene abgebildet: Julya Rabinowich erzählt behutsam, sie weiß die Gefühle ihrer Figuren darzustellen, und sie weiß in einer immer wieder auch bildreichen und trotzdem nie gestelzt wirkenden Sprache zu schreiben. „Der Geruch von Ruß und Rosen“ liest sich so flüssig, dass man das Lesen genießt – und das ist angesichts der doch schweren Thematik nicht selbstverständlich. Einen kleinen Clou kennt der Roman außerdem kurz vor dem Ende: Dort tritt die Autorin selbst in einer Szene auf …

Fazit:

5 von 5 Punkten. Was es heißt, sich in eine anderen Kultur zu begeben, gerade wenn man aus einer restriktiveren Land kommt, wird in „Der Geruch von Ruß und Rosen“ wie schon in den beiden Vorgängerbänden sehr gut herausgearbeitet. Ich finde es wichtig, dass wir solche Bücher haben, denn sie zeigen den Leser/inne/n auf einer emotional erfassbaren Ebene einen Weg zum Verständnis. Die Bücher zeigen außerdem, was Flüchtlinge brauchen, um gut integriert zu werden: Menschen wie Madinas Lehrerin King oder Lauras Familie, die für Madina und ihre Familie da sind. Ich kann für dieses Buch und für die beiden Vorgängerbände nur eine Lanze brechen: Sie sind lesenswert, auf allen Ebenen, und verdienen viele Leser/innen.

Eine Sache, die die Plausibilität betrifft, bleibt auch in Band 3 der einzige Punkt, den ich fragwürdig finde. In welcher Sprache schreibt Madina ihr Tagebuch? In ihrer Herkunftssprache ist das wohl eher nicht möglich (und dann hätte das Buch auch einen Hinweis darauf benötigt, wie es übersetzt wurde); fürs Deutsch ist Madina noch nicht lang genug in Mitteleuropa. Allerdings sehe ich auch ein, dass dieses Problem nicht einfach zu lösen ist … Und der Wert dessen, dass man in das Erleben eines Flüchtlingsmädchens so intensiv hineinschauen darf, ist so groß, dass man diese Bedenken ohne Skrupel ausblenden kann.

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(Ulf Cronenberg, 05.01.2024)

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