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Buchbesprechung: Katya Balen „October, October“

Cover: Katya Balen „October, October“Lesealter 11+(Hanser-Verlag 2023, 215 Seiten)

Warum nicht gleich damit rausrücken? Ich frage mich, wie man einem Buch ein so dermaßen kitschiges Cover geben kann … Wer die Geschichte kennt, stellt sich die Hauptfigur jedenfalls ganz sicher anders vor; dass sie so gestriegelt vor einem Baum sitzt und mit elfengleichen Zügen nach vorne guckt, passt einfach überhaupt nicht. Warum ich das Buch trotzdem gelesen habe? Mir wurde gesagt, dass Inhalt und Cover nicht zusammenpassen. Und das kann ich nach der Lektüre zumindest schon mal bestätigen.

Inhalt:

Man kann sich vorstellen, warum ein Kind October genannt wird: weil es in dem entsprechenden Monat geboren wurde. October wird bald 11 Jahre alt und hat ein sehr ungewöhnliches Leben. Mit ihrem Vater lebt das Mädchen in einem Holzhaus, weit weg von jeglicher Zivilisation. Die beiden sind ein eingespieltes Team. Ab und zu müssen die beiden zwar ins nahegelegene Städtchen, um ein paar Sachen zu kaufen, aber ansonsten versuchen sie so autark (also unabhängig) wie möglich zu leben.

Octobers Mutter hatte anfangs versucht, mit den beiden in der Wildnis zu leben; aber irgendwann hat sie es dort nicht mehr ausgehalten und ist zurück nach London gezogen. Sie versucht den Kontakt zu October zu halten, allerdings ist diese richtig schlecht auf ihre Mutter zu sprechen und will nichts mit ihr zu tun haben. Als Octobers Mutter zu ihrem 11. Geburtstag im Wald erscheint, rennt das Mädchen weg. Und das hat schlimme Folgen.

October klettert auf einen Baum, höher als sie sollte, denn die Äste werden immer dünner. Ihr Vater versucht auf sie einzureden, klettert ihr dann hinterher. Und dann passiert es: Ein Ast bricht, der Vater fällt nach unten und bewegt sich dann nicht mehr. Octobers Mutter ruft mit ihrem Handy die Sanitäter, mit einen Hubschrauber wird der bewusstlose Vater in ein Krankenhaus gebracht und mehrmals operiert. Und October bleibt nichts anderes übrig, als mit ihrer Mutter nach London zu kommen – eine richtig schlimme Vorstellung für das Mädchen.

Bewertung:

„October, October“ (Übersetzung: Birgitt Kollmann; englischer Originaltitel: „October, October“), das den Untertitel „Die weite, wilde Welt wartet auf mich“ trägt (auf diesen Untertitel hätte man nun wirklich auch verzichten können), beginnt ziemlich beschaulich. Man erfährt viel über das Leben von Vater und Tochter in der Wildnis: wovon sie leben, wie ihr Leben organisiert ist, wie October das alles erlebt. October ist ein sehr empfindsames Mädchen, das seine Umgebung genau wahrnimmt, auch Kleinigkeiten sieht und schätzt und in der Natur aufgeht. Die Besorgungsfahrten ins Städtchen findet sie immer anstrengend, vor allem, weil es dort so laut ist und die Luft verbraucht riecht.

Als October im Wald ein kleines Eulenjunges findet, will sie es unbedingt behalten: Der Vater ist dagegen. Doch am Ende setzt sich October durch. Die kleine Eule wird nach längerer Namenssuche Stig genannt, und October kümmert sich rührend um sie. In der Stadt kaufen sie für das Tier tiefgefrorene Mäuse. October findet es anfangs gruselig, Stig damit zu füttern, aber gewöhnt sich daran.

Als ich schon kurz davor war, das Buch aus der Hand zu legen, weil ich schon dachte, die Geschichte bleibt in der einsamen Wildnis und kommt nicht richtig in Fahrt, nahm die Geschichte jedoch eine Wendung. Durch den Unfall des Vaters, durch das Auftauchen der Mutter, die October schließlich nach London mitnimmt, passiert endlich was; und das Buch hat dann endlich auch sein Hauptthema gefunden.

Für October ist es furchtbar, in der großen lärmenden Stadt zu leben, bei einer Mutter, die das Mädchen rundherum ablehnt und schrecklich findet. October lässt das ihre Mutter auch äußerst deutlich spüren. Zugleich vergeht October vor Sorgen um ihren Vater, der zur besseren Heilung im künstlichen Koma gehalten wird. Außerdem plagen October große Gewissensbisse, weil sie sich für dessen Unfall verantwortlich fühlt; ja, sie fürchtet, dass er nach dem Erwachsen aus dem Koma nichts mehr mit ihr zu tun haben will. Das alles wird von zwei weiteren Zumutungen für October begleitet: Sie muss Stig an ein Tierheim abgeben und sie muss in die Schule gehen.

Was dem Buch hier richtig gut gelingt, ist, das Innenleben von October darzustellen. Das Mädchen ist voller Angst, und es reagiert darauf störrisch, wo immer es auftritt: sei es in der Schule oder bei ihrer Mutter, die von October konsequent auch immer nur „die Frau, die meine Mutter ist“ genannt wird. Als Leser/in empfindet man irgendwann Mitgefühl für die Mutter. Die Geschichte ist aus der Sicht von October als Ich-Erzählerin geschrieben, aber man kann sich gut vorstellen, wie schrecklich das für ihre Mutter sein muss.

Das Buch erzählt im weiteren Verlauf mit großem Bedacht, wie October doch nach und nach in der neuen Welt ankommt und sich nicht nur anpasst, sondern Fuß fasst. Was ihr dabei hilft, sind im Prinzip drei Dinge: ein Mitschüler, eine neue Leidenschaft und die liebevolle Beharrlichkeit von Octobers Mutter. October kommt irgendwann nicht umhin zu sehen, dass ihre Mutter und sie einiges verbindet, auch wenn sie das anfangs abblockt und nicht wahrhaben will. Wie nachvollziehbar diese Annäherung im Buch beschrieben wird, ist, finde ich, das Faszinierende an diesem Kinderroman.

Fazit:

4 von 5 Punkten. Das erste Drittel des Buchs kommt ein wenig träge daher, ist zwar einfühlsam geschrieben, schildert sehr genau die Wildnis-Welt von October und ihrem Vater, hat mit der Eule Stig ein bisschen was Eigenes – aber richtig fasziniert hat mich dieser Einstieg nicht. Er bekommt erst seine Bedeutung als Kontrapunkt zu der Veränderung, die October nach dem schweren Unfall des Vaters verkraften muss. Das freie Leben in der Wildnis im Einklang mit der Natur steht dem hektischen Leben in London gegenüber.

Was das Buch anfangs vermuten lassen könnte, ist, dass das Großstadtleben negativ gesehen wird. Doch dem ist nicht so. Es ist eben ganz anders, und beides – das ist das, was October nach und nach lernt – hat seine Berechtigung, seine Vor- und Nachteile. Darüber hinaus handelt „October, October“ davon, wie ein verletztes Kind sich wieder mit der Mutter versöhnt – ein Prozess, der lange dauert. Katya Balen hat eine ruhige Geschichte geschrieben, eine mit vielen, oft widerstrebenden Gefühlen. Man kann das, was in October vorgeht, sehr gut nachvollziehen. Unterm Strich ist „October, October“ alles andere als ein Mainstream-Buch für jedermann, es ist vielmehr ein Kinderroman für Leser/innen, die ruhige und wahrhaftige Geschichten mit emotionaler Tiefe mögen.

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(Ulf Cronenberg, 23.12.2023)

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