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Buchbesprechung: Yasmin Shakarami „Tokioregen“

Cover: Yasmin Shakarami „Tokioregen“Lesealter 15+(cbj 2023, 394 Seiten)

Vielleicht ist es ungewöhnlich, dass ich dieses Buch gelesen habe – aber mich haben Cover und Titel angesprochen. Es gibt viele tolle Nacht-Fotos von pulsierenden asiatischen Großstädten im Regen, das Cover finde ich jedenfalls mit seiner Stimmung sehr reizvoll. Die Autorin Yasmin Shakarami ist, auch wenn der Name ziemlich japanisch klingt, die Tochter einer Ungarin und eines Iraners und hat mit der Hauptfigur des Romans einiges gemeinsam. Sie war selbst direkt nach dem Abitur in Japan und erlebte dort im März 2011 das große Tohoku-Erdbeben, das die Stadt stark in Mitleidenschaft gezogen hat.

Inhalt:

Malu hat einen guten Grund, München, ihrer Heimatstadt, für längere Zeit den Rücken zuzukehren: Sie versucht einem traumatischen Erlebnis zu entfliehen, und nach Tokio in eine ganz andere Kultur zu kommen, ist für sie herausfordernd, aber reizvoll. Auf die Reise hat sie sich vorbereitet, indem sie etwas Japanisch gelernt hat, aber sich richtig auf Japanisch zu verständigen, bleibt schwierig. Von ihrer Gastfamilie wird Malu herzlich aufgenommen – außer von der gleichaltrigen Aya, die ihr gegenüber reserviert bis feindselig auftritt.

Das ist ein Grund, warum Malu das Sich-Einleben in Tokio alles andere als leicht fällt. Aya nimmt sie mit in die Schule, stellt sie ihren Freund/inn/en vor, aber auch hier reagieren alle eher zurückhaltend. Allerdings ist Malu auch sehr schüchtern. Nach einiger Zeit ändert sich jedoch die Beziehung zu Aya, weil Malu ihr quasi in einer Situation das Leben rettet. Von dem Moment an ist die Eiszeit zwischen den beiden vorbei, ja, sie sehen sich auf einmal als Schwestern an.

Schon länger ist Aya in Kentaro verliebt, einen ziemlich verrückten Typen, der in die gleiche Klasse geht und der ziemlich unnahbar wirkt. Malu findet Kentaro anfangs auch seltsam: Mit seinen vielen Tattoos und der extravaganten Kleidung wirkt er arrogant. Dass die Klassenlehrerin Malu für die erste Schulwoche neben Kentaro setzt, weil dessen Mutter Deutsche ist, er von daher Deutsch kann, gefällt Malu (und auch Kentaro) nur begrenzt. Doch durch all sein zurückweisendes Verhalten hindurch ist auch zu spüren, dass Kentaro an Malu interessiert ist …

Bewertung:

Ich war selbst noch nie in Japan, weiß aber von Menschen, die dorthin gereist sind oder sogar dort gelebt haben, dass das Leben in vielem anders als in Deutschland ist. Yasmin Shakarami fängt das sehr schön ein, und man bekommt durch das Buch viele dieser Kulturunterschiede mit: dass die Menschen ganz anders miteinander umgehen – vor allem höflicher und rücksichtsvoller, insbesondere wenn man sich noch nicht gut kennt. Allerdings erfährt man auch, dass es in der japanischen Kultur und Lebensweise durchaus Bereiche gibt, die alles andere als positiv zu bewerten sind: Mafiöse Gruppierungen haben zum Beispiel durchaus viel Einfluss in dem Land.

Wie Malu sich bei der Ankunft in Japan fühlt – fremd und verloren vor allem –, bekommt man von der ersten Seite an mit. Angedeutet wird auch recht bald, dass Malu ein Geheimnis mit sich er herumträgt – das oben schon erwähnte traumatische Erlebnis; worum genau es geht, wird aber erst recht spät benannt. Allerdings war nicht wirklich schwer zu erraten, worin Malus Trauma besteht – die Fährten sind leicht dechiffrierbar gelegt …

Viele der Figuren im Buch gefallen mir gut: Die anfangs so widerborstige Aya, die sich später als verlässliche Freundin entpuppt, ist gut gezeichnet; ihr jüngerer Bruder Haruto ist trotz seiner 10 Jahre eine faszinierende Figur: aufmerksam, immer unterstützend, mutig und mit einem groß ausgebildeten eigenen Willen. Die Eltern von Aya und Haruto entsprechen eher der Erwartung von stets höflichen und zuvorkommenden Japanern, die der Gastschülerin alles recht machen wollen; die Eltern spielen allerdings in dem Buch auch keine tragende Rolle. Bei den anderen Figuren, die Malu im weiteren Verlauf des Romans kennenlernt, gibt es viele stark ausgeprägte Persönlichkeiten. Da kann man vor allem den uralten Ladenbesitzer Akamura nennen und Kentaros Mafia-Freunde anführen, die alle nur so von Eigenheiten strotzen.

Was Kentaro angeht, so finde ich ihn jedoch deutlich überzeichnet: Ein Junge aus extrem reichem Elternhaus, aber völlig über Kreuz mit seinem erfolgreichen Vater, mit Beziehungen zur japanischen Mafia, tätowiert am ganzen Körper, und mit einer eigenartigen Mischung aus Unnahbarkeit auf der einen Seite, mit einer intensiven Zuwendungsfähigkeit auf der anderen Seite, wenn es später um die Beziehung zu Malu geht. Mir ist der Spagat in seiner Persönlichkeit einfach zu groß – das wirkt unglaubwürdig, gerade auch weil Kentaro, wie der Zufall es will, Deutsch spricht.

Daran schließt letztendlich auch das an, was mir an dem Buch am wenigsten gefallen hat: Die Liebesgeschichte zwischen Kentaro und Malu ist an vielen Stellen überkitschig inszeniert. Die Liebesgeschichte mag für manche Leser/innen einen Leseanreiz bieten, doch der Schwärmereien sind es mir dann doch einige zu viele. Ein Beispiel, wo das Buch dann leider wirklich in Richtung Kitschroman abdriftet, sei angeführt – Malu steht am vereinbarten Treffpunkt und wartet auf Kentaro. Ihr innerer Dialog wird so beschrieben:

„Okay, Malu, konzentrier dich. Du hast Beine. Dreh dich einfach um und nimm den ersten Zug nach Hause. Es ist ganz simpel.
Was machst du?
Warum gehst du weiter über die Kreuzung?
Nein.
Geh zurück! Mayday, Mayday! SOS! Alarmstufe Dunkelrot!“ (S.116)

Das sind deutlich zu simple Ausführungen zu widerstrebenden Gefühlen, die auch nicht zum Rest des Buchs passen.

Aus meiner Sicht nimmt der Jugendroman am Ende auch eine nicht so ganz glückliche Wendung. Auslöser ist das große Erdbeben, das zu Beginn des letzten Drittels beschrieben wird. Neben der Suche nach Haruto geht es um Kentaro, der verschollen ist. Warum hier auf einmal so viel Action (mit Verfolgungsjagd) ins Buch getragen werden musste, ist mir ein Rätsel. Das ist alles auf einen Showdown hingeschrieben, auf ein dramatisches Finale für die Liebesgeschichte, das im Buch ein Fremdkörper bleibt und übertrieben wirkt. Gewünscht hätte ich mir vielmehr, dass die Situation in Tokio nach Erdbeben und Tsunami (den das Seebeben auch ausgelöst hat) genauer beschrieben wird. Doch hier bleibt der Roman leider zu oberflächlich, in meinem Kopf sind keine Bilder entstanden.

Fazit:

3 von 5 Punkten. „Tokioregen“ hat wirklich beeindruckende Seiten, wenn es um die Darstellung der für uns unbekannten japanischen Kultur geht, auf die ein junges Mädchen trifft. Manches ist etwas überzeichnet, aber es finden sich hier auch viele gut beobachtete Details. Jedoch wirkt meiner Meinung nach das Buch alles in allem fahrig und unausgegoren, weil es auch noch Liebesgeschichte und am Ende Actionroman sein will. Das wertet das, was ich am reizvollsten finde, leider ab. Und ich verstehe ehrlich gesagt auch nicht, warum das Lektorat an einigen Stellen, wenn der Kitsch der Liebesgeschichte zu groß wird, nicht eingegriffen hat.

So bleibt für mich, dass „Tokioregen“ seine guten Ansätze nicht wirklich ausreizt, an einigen Stellen falsche Wege einschlägt. Das ist schade, denn hinter dem Roman stehen, so vermute ich, viele persönliche Erfahrungen der Autorin aus ihrer Austauschzeit in Japan. Dass darauf noch diese überdimensionierte Liebesgeschichte und der Showdown draufgesetzt werden, hätte es nicht gebraucht und hat dem Buch nicht gut getan.

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(Ulf Cronenberg, 13.10.2023)

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