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Buchbesprechung: Isaac Blum „Ruhm und Verbrechen des Hoodie Rosen“

Cover: Isaac Blum „Ruhm und Verbrechen des Hoodie Rosen“Lesealter 14+(Beltz & Gelberg 2023, 217 Seiten)

Ich hatte schon mehrere sehr lobenswerte Besprechungen über „Ruhm und Verbrechen des Hoodie Rosen“ gelesen, aber das Buch dann trotzdem immer auf meinem Lesestapel liegen lassen. Das lag vielleicht auch am Cover, das zwar gut zum Buch passt (was man nur weiß, wenn man es gelesen hat), aber mir persönlich nicht so richtig gut gefallen hat. Aber dann hat mir die Buchhändlerin meines Vertrauens vor kurzem noch mal einen Schubs gegeben und gemeint, dass ich den Jugendroman unbedingt lesen sollte … Also gut.

Inhalt:

Hoodie Rosen heißt eigentlich Jehuda und ist das zweitälteste Kind in einer strenggläubigen jüdisch-orthodoxen Familie. Weil er der einzige Junge ist, lasten auf ihm auch besondere Erwartungen; und die zahlreichen Schwestern, die Jehuda noch hat, sind bis auf Zippy alle zum Teil deutlich jünger. Sehr beengt lebt die Familie nach einem Umzug aus einer anderen Stadt seit einiger Zeit in einem Haus im Städtchen Tregaron, wo Hoodies Vater eine neue jüdische Gemeinde aufbauen will. Doch willkommen sind die jüdischen Familien in der kleinen Stadt nicht.

Eines Tages sieht Hoodie ein Mädchen mit seinem Hund spazieren gehen. Er ist irgendwie fasziniert von ihm, weiß aber auch, dass er sich einer Nichtjüdin eigentlich nicht nähern darf. Und trotzdem kommen die beiden in Kontakt, auch weil es am Friedhof des Städtchens judenfeindliche Schmierereien auf Grabsteinen gibt. Anna-Marie, wie das Mädchen heißt, hilft ihm, die Schmierereien zu entfernen. Doch Hoodie bekommt Schwierigkeiten, weil Rabbi Moritz, sein Lehrer, ihn mit Anna-Marie dabei gesehen hat.

Obwohl Hoodie deswegen einiges zu hören bekommt, will er sich nicht von Anna-Marie, bei der er sich wohlfühlt, fernhalten. Sie treffen sich immer wieder, und die Situation spitzt sich für Hoodie immer mehr zu. Er bekommt von seinem Vater großen Druck, auch die Freunde aus der Schule wenden sich von ihm ab, letztendlich will niemand in der Gemeinde mehr etwas mit ihm zu tun haben …

Bewertung:

Wenn man als Mitteleuropäer liest, wie das Leben in einer jüdisch-orthodoxen Familie aussieht, ist man doch etwas schockiert. Dass man die ganzen Begriffe (Kleidungsstücke, Gebetsutensilien, Feiertage etc.) meist nicht kennt, ist noch das Harmloseste. Es ist das extrem gemaßregelte Leben, von dem ich grundsätzlich wusste, aber das dann doch in seinen Einzelheiten erschreckend ist. „Ruhm und Verbrechen des Hoodie Rosen“ (Übersetzung: Gundula Schiffer; amerikanischer Originaltitel: „The Life and Crimes of Hoodie Rosen“) zeichnet das alles ziemlich deutlich nach.

Immerhin gibt es ein paar wenige Leute, die da auch im Maßen ausbrechen – dazu zählte der oberste Rabiner, ein uralter Mann, der sich kaum auf den Beinen halten kann und Hoodie Rosen am Ende den Rücken stärkt. Und dazu gehört auch Hoodies ältere Schwester Zippy, eine faszinierende junge Frau, die zwar nicht nominell das Familienoberhaupt ist, aber die Familie irgendwie praktisch zusammenhält, da beide Eltern ständig arbeiten und beschäftigt sind. Zippy beweist oft Weitblick und traut sich vieles, was man streng genommen als orthodoxe Jüdin eher nicht tun sollte.

Der Roman zeichnet sehr genau nach, wie Hoodie ständig hin- und hergeworfen wird: zwischen seinem Interesse an Anna-Marie, in die er sich verguckt hat, auf der einen Seite und der ganzen jüdischen Glaubenstradition und den Werten dahinter auf der anderen Seite. Letztendlich kann er Anna-Marie und ihre Beweggründe und Handlungsweisen gar nicht verstehen, deutet vieles, was sie macht, falsch – das Fiese daran ist, dass ihm irgendwann auch von Anna-Marie gesagt wird, dass vieles sowieso ganz anders ist, als es scheint. Anna-Marie ist zudem – das macht alles noch vertrackter – die Tochter der Bürgermeisterin, die nicht unbedingt eine Befürworterin der Ansiedlung weiterer jüdischer Familien ist.

Bevölkert ist das Buch von einigen sehr skurrilen Figuren: Mosche Zvi, der besten Freund von Hoodie, ist da zu nennen. Er ist im Talmud sehr bewandert und zeigt das dem Rabbiner im Unterricht auch – allerdings, indem er ständig provoziert, aus seinem Wissen gewagte bis freche Thesen ableitet und damit den Rabbiner aus der Reserve zu locken versucht. Das gelingt Mosche Zvi auch oft. Oder da ist Hoodies Schwester Chana, die ständig aus dem ersten Stock auf die Familienmitglieder, die das Haus betreten wollen, irgendwelche Sachen wirft: Kartons sind da noch die harmlosesten Utensilien. Solche Figuren bringen ein wenig Slapstick ins Buch und lockern die Geschichte auf.

Hoodie als Leser/in zu folgen, entspricht oft einer gewissen Gratwanderung: Mal ist man voller Mitleid und Mitgefühl angesichts seiner Situation; dann wieder fragt man sich, was in dem Jungen eigentlich vorgeht und wie er auf so seltsame Gedanken kommen kann. Man muss sich dann bewusst machen, dass er letztendlich ja in einem engen orthodoxen System großgeworden ist, was das eigene Empfinden und Wahrnehmen massiv beeinflusst und einschränkt. Und letztendlich kommt man dann nicht umhin, ihn für seinen Mut zu bewundern. Der Titel des Buchs fängt das ja auch sehr schön ein: Hoodie verdient gerühmt zu werden, auch wenn die orthodoxe Gemeinde sein Verhalten als Verbrechen ansieht.

Weil alles so authentisch wirkt, habe ich mich immer wieder gefragt, wie autobiografisch der Jugendroman eigentlich ist. Bei den Informationen zum Autor bei Beltz & Gelberg erfährt man aber nur: „Isaac Blum hat Kreatives Schreiben studiert und an verschiedenen Universitäten sowie jüdisch-orthodoxen und öffentlichen Schulen Englisch unterrichtet.“ In einem englischsprachigen Interview habe ich aber erfahren, dass es wohl eher orthodoxe Schüler, die er unterrichtet hat, waren, die Isaac Blum die Details über das jüdische Leben nahegebracht haben.

Was bisher nicht angesprochen wurde, ist, dass das Buch auf eine große Katastrophe, ein schlimmes Ereignis zusteuert. Ich scheue mich mehr darüber zu schreiben, denn wer das Buch nicht kennt, dem wäre einiges an Spannung genommen. Für Hoodie ist das, was passiert, traumatisch; aber es führt zugleich am Ende dazu, dass er sich weiter freischwimmen kann. Das, was er da übersteht, gibt ihm den Mut, seinen Weg weiterzugehen. Und damit ist „Ruhm und Verbrechen des Hoodie Rosen“ ein Buch, das trotz vieler schlimmer Dinge, die man liest, am Ende doch auch Hoffnung verbreitet.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Ein besonderes Buch ist „Ruhm und Verbrechen des Hoodie Rosen“ in jedem Fall. Noch nirgends habe ich so bedrängend die Zwänge des orthodoxen Judentums beschrieben bekommen. Und wir reden hier nicht von Menschen, die im Nahen Osten ein strenggläubiges Leben führen, sondern von Menschen, die in einer Gemeinde in den USA leben. Isaac Blum hat all das sehr genau nachgezeichnet, noch dazu literarisch durchaus gekonnt, denn die Mischung aus Ernsthaftigkeit, Humor, besonderen Figuren und einem durchdachten Plot stimmt.

Ein Buch zum Wohlfühlen ist „Ruhm und Verbrechen des Hoodie Rosen“ sicher nicht – nein, es ist eher ein Buch, das den eigenen Horizont erweitert, das einem eine andere Lebensweise nahebringt. Für mich ist das ein wichtiges Motiv beim Lesen: dass man in andere Lebenswelten hineinschauen kann; und dass ich mich doch noch auf Isaac Blums Jugendroman eingelassen habe, darüber bin ich froh. Wer mal ein bisschen was anderes lesen will, der ist mit dem Buch ohne Zweifel gut beraten.

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(Ulf Cronenberg, 06.08.2023)

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