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Buchbesprechung: Martin Muser „Weil.“

Cover: Martin Muser „Weil.“Lesealter 14+(Carlsen-Verlag 2023, 123 Seiten)

Also einen besonders stilvollen Buchumschlag hat „Weil.“ (die Schreibung mit dem Punkt am Ende ist Absicht) ja schon – das fällt einem sofort auf, wenn man das Buch in der Hand hält: grauer Karton, darauf ein symbolisierter Zauberwürfel wie mit ausgeschnittenen Kartoffeln aufgedruckt, schließlich noch der Name des Autors und Buchtitel – neben dem Grau alles Gedruckte in Rostbraun. Ich mag solche Cover, die sich aus der Masse abheben und ein großes Gespür für Design erkennen lassen. Ob die Buchstory da mithalten kann, wird zu sehen sein …

Inhalt:

Ihr Abi steht an – als nächste Prüfung Ethik. Und um das Lernen erträglicher zu machen, beschließen Knut, Esther, Selin, Philip und Manuel am Wochenende im Ferienhaus von Esthers Eltern zu lernen und zugleich eine schöne Zeit zu verbringen. Eigentlich sollte noch Leonie mit dabei sein, doch die hat sich kurz zuvor von Manuel getrennt. Knut hat von seinen Eltern den VW Bus bekommen und er gabelt alle auf, bevor sie zum Ferienhaus fahren.

Auf der Fahrt nehmen sie einen anderen Jungen, der am Straßenrand steht und eine Mitfahrgelegenheit sucht, mit. Doch der Junge verhält sich so seltsam, dass sie es bald bereuen, ihn ins Auto geholt zu haben. Vor allem seine politisch wenig korrekten, teils rassistischen Sprüche finden die anderen unmöglich. Als sie an einer Tankstelle halten, lassen sie den Jungen kurzerhand einfach stehen und fahren ohne ihn weiter.

Nach einigen Kilometern bemerken sie allerdings, dass die Tasche des Jungen noch im VW Bus liegt. Am Ende einer kurzen Diskussion beschließen sie (Esther ist nicht einverstanden), die Tasche einfach aus dem Fenster in den Straßengraben zu schmeißen. Doch das hat Folgen. Denn am nächsten Morgen steht der Junge mit seinen beiden großen Brüdern vor der Haustür und die drei verschaffen sich Zutritt ins Haus. Der große Bruder hat ein Gewehr in der Hand und es beginnt ein Albtraum …

Bewertung:

Wer das Buch ganz unbedarft in die Hand nimmt und liest, meint anfangs, eine harmlose Geschichte mit fünf Jugendlichen vor sich zu haben, die sich beim Lernen ein schönes Wochenende machen wollen. Es dauert etwas, bis sich die Situation, in die Knut und Esther, Selin und Philip sowie Manuel (zwei Paare sowie Manuel, der vor kurzem von seiner Freundin abserviert wurde) geraten, als alles andere als harmlos entpuppt. Das, was dann passiert, kann man als Extremsituation ansehen, und „Weil.“ wird kurz vor der Hälfte zum Thriller.

Der hat es durchaus in sich, denn irgendwann verliert man als Leser/in die Gewissheit, dass die Geschichte gut ausgehen könnte. Was Henk und Arne, die großen Brüder von Liam, dessen Tasche die fünf aus dem Auto geschmissen haben, da an Vehemenz und Brutalität auffahren, entspricht einem gnadenlosen Rachefeldzug. Und das Schlimme daran ist: Sie fühlen sich dazu legitimiert – nur, weil dem kleinen Bruder übel mitgespielt wurde.

Was Martin Muser geschickt gemacht hat, ist das Spiel um den Themenbereich Ethik. Zufall ist es nicht, dass die fünf angehenden Abiturient/inn/en fürs Ethik-Abi lernen – das ist vielmehr eine wohlgesetzte Idee. Henk provoziert die fünf Gymnasiasten auch immer wieder, indem er ihnen unmoralisches Verhalten dem Bruder gegenüber vorwirft und ihre moralische Integrität in Frage stellt. Ja, er geht sogar so weit, dass er damit ein perfides Spiel treibt. Da geht es dann z. B. darum, dass Henk wissen will, wer eigentlich die Tasche aus dem Fenster geworfen hat, und er scheut sich nicht damit zu drohen, jemand werde erschossen, wenn die fünf nicht bald damit rausrücken. Das sind Momente, wo einem vor dem inneren Auge so etwas wie Filmbilder in den Kopf kommen – „Weil.“ gäbe durchaus einen spannenden Film ab.

Knut, Esther, Selin, Philip und Manuel sind angesichts der Situation vollkommen hilflos, sie fühlen sich in einen Albtraum katapultiert, und alle Versuche, Hilfe zu bekommen, scheitern kläglich. Sehr schön herausgearbeitet sind dabei auch die verschiedenen Charaktere: Esther ist am ehesten eine integre Person, Selin dagegen hat zum Beispiel große Schwierigkeiten, sich zurückzuhalten, sie lässt sich provozieren. Sie will sich absolut nichts gefallen lassen und ist bald die größte Zielscheibe von Henk.

Apropos Henk. Das Buch lebt von dessen radikal-nihilistischer Gewalttätigkeit, die er ohne Skrupel ausübt. Das ist für mich vielleicht auch die einzige Schwäche an diesem Buch: dass Henk, wie er im Buch konstruiert ist, nicht so ganz glaubwürdig ist. Er steht den angehenden Abiturienten, was das Gebiet der Ethik angeht, in nichts nach, kennt sich bestens aus – und das passt einfach nicht zu seiner Brutalität und den nicht gerade schlau rüberkommenden Brüdern, die er hat.

Was man in jedem Fall bewundern kann, ist, wie es Martin Muser gelingt, die Spannung kontinuierlich in die Höhe zu schrauben; und wer sich nun fragt, wie das Buch enden mag, der sei auf das Buch verwiesen. Der Schluss ist vielleicht ein bisschen künstlich angelegt; aber wie will man eine solche Story auch anders enden lassen.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. Was Martin Muser dazu gebracht hat, dieses Buch zu schreiben, verrät er in seinem Nachwort: „Dieses Buch ist eine Geschichte der Angst. Vor allem auch meiner Angst. Der Angst vor Gewalt, Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein. […] Der Angst vor dem radikalen Bösen, das keinen Grund braucht zu tun, was es tut, sondern es einfach tut, weil es es kann.“ Das erklärt, wie es zu diesem gnadenlosen Jugendroman gekommen ist; und wer sich mit dem Thema Gewalt intensiver beschäftigt, kommt unweigerlich darauf, dass es Mensch gibt, die keine Skrupel kennen, anderen wehzutun und sie zu quälen, die einfach nur die Macht über andere genießen.

In „Weil.“ ist es eine nicht gerade nette Begebenheit von fünf jungen Erwachsenen, die die Gewaltspirale in Schwung kommen lässt. Was Henk und sein Bruder da durchziehen, ist aber keineswegs gerechtfertigt. Die Provokation, die von der Geschichte ausgeht, ist damit durchaus etwas, was zum Nachdenken und Diskutieren anregt. Man kommt unweigerlich zu der Frage, warum Menschen sich so verhalten, wie sie zu so gewaltbereiten Menschen geworden sind. Und ich frage mich dabei auch, ob in unserer in vielem verwöhnten Gesellschaft, in der viele sich selbst die Nächsten sind, solche Überreaktionen nicht immer häufiger auftreten werden. Darauf muss man keine Antwort zu geben wissen; es ist schon etwas gewonnen, wenn man darüber nachdenkt, und von daher bin ich Martin Muser für seinen Jugendroman dankbar.

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(Ulf Cronenberg, 18.07.2023)


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