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Buchbesprechung: Zoran Drvenkar „Kai zieht in den Krieg und kommt mit Opa zurück“

Cover: Zoran Drvenkar „Kai zieht in den Krieg und kommt mit Opa zurück“Lesealter 12+(Hanser-Verlag 2023, 159 Seiten)

Das letzte Buch, das ich von Zoran Drvenkar gelesen habe (und das ist noch gar nicht so lange her), war ein Thriller für Jugendliche ab 16 Jahren. Sein neuer Roman ist dagegen ein Kinderbuch – also etwas ganz anderes – und trägt einen schon fast poetisch klingenden Titel. Im März 2023 hat Zoran Drvenkars Kinderroman auch gleich den Luchs von Radio Bremen und der Wochenzeitung Die Zeit bekommen – und schwups, schon war kaum noch ein Cover im Internet ohne die Luchs-Plakette zu bekommen. Da musste ich etwas suchen.

Inhalt:

Kai ist 11 Jahre alt und hat seinen inzwischen 100-jährigen Großvater schon immer bewundert; und der Großvater hat dem Jungen vom Krieg so einige Heldengeschichten erzählt: Wie er fast die ganze Kompanie gerettet, alle Feinde überlistet hat und letztendlich sogar dafür verantwortlich war, dass der Krieg beendet wurde. Doch nun, als der Großvater immer älter wird, lässt sein Gedächtnis nach – ja manchmal weiß er nicht mal mehr, wer der Junge ist, der ihn da immer wieder besucht.

Aus diesem Grund ersinnt Kai einen Plan: Er tritt mit seinem Großvater eine Reise in die Vergangenheit an – gemeinsam erleben sie Seite an Seite noch einmal, was sich im Krieg zugetragen hat. Kai hilft seinem Großvater dabei immer wieder auf die Sprünge (er gibt sich als dessen Gedächtnis aus). Und so sind sie gemeinsam umzingelt von Feinden, werden von der stark dezimierten Kompanie getrennt und geraten später sogar in Gefangenschaft.

Doch das gemeinsame Durchleben bringt etwas zutage, was Kai nicht für möglich gehalten hat: Sein Großvater war nicht der Kriegsheld, als der er sich ausgegeben hat. Anstatt zum Beispiel fast die ganze Kompanie gerettet zu haben, hat sich sei Opa totgestellt, um zu überleben … Und so war noch einiges mehr anders. Für Kai ist das erstmal schlimm, aber er versteht zugleich auch immer besser, dass der Krieg kein Schauplatz für Helden ist.

Bewertung:

Ich weiß noch: Mein Opa – er ist schon mehrere Jahrzehnte tot – hat uns als Kindern fast gar nichts vom Zweiten Weltkrieg erzählt. Es waren nur wenige Dinge, die wir als Kinder erfahren haben: zum Beispiel, dass er in Kriegsgefangenschaft in Ägypten war. Und wenn er aus dieser Zeit etwas berichtet hatte, waren es lustige Geschichten. Als Kind habe ich das nicht weiter hinterfragt, aber dass die Kriegszeit für ihn bestimmt nicht nur aus Anekdoten, die man Kindern erzählen kann, bestanden hat, dürfte klar sein. Leider habe ich nie mehr erfahren. Als ich alt genug für solche Fragen war, war er krank und nicht mehr gut ansprechbar.

Kai geht es genauso: Sein Opa hat ihm viel vorgeflunkert, sich zu einem Helden stilisiert, der er nicht war. Doch was Kai erst mal zu schaffen macht, ist, dass sein Opa zunehmend sein Gedächtnis verliert und damit irgendwie auf Raten verschwindet. Sein Großvater soll deswegen in ein Pflegeheim umziehen – ein notwendiger Schritt. Was die wachsende Demenz des Großvaters für Kai bedeutet, wird im Buch mit Verwendung des Sisyphos-Mythos sehr anschaulich beschrieben:

„Jedes Mal, wenn er seinen Großvater besucht, ist es, als würden sie zusammen einen Berg besteigen und dabei einen Stein vor sich herrollen. Und immer, kurz bevor sie den Gipfel erreichen, macht Opa eine Verschnaufpause und kann den Stein nicht mehr allein halten, und so rollt dieses blöde Ding wieder runter und alles beginnt von vorne. Der Stein ist Opas Gedächtnis und Kai fürchtet sich davor, dass der Stein irgendwann zu schwer wird und sie es nicht mehr bis zum Berggipfel schaffen. Zwischendurch gib es auch Tage, an denen sein Großvater alles weiß und nichts vergisst.“ (S. 21)

In die Geschichte wird man als Leser/in recht schnell hineingezogen, und das liegt zum einen daran, dass die Eingangssituation recht skurril ist. Kai sitzt im Wohnzimmer seines Opas geknebelt und gefesselt auf dem Boden. Wie es dazu gekommen ist, erfährt man nicht. Haben die beiden etwas gespielt und der Opa hat dann vergessen, Kai wieder loszubinden? Oder hat der Großvater den Enkel wirklich für seinen früheren General gehalten und ihn in vollem Ernst gefangen genommen? Aufgelöst wird das nicht …

Was einen zum anderen in die Geschichte hineinzieht, ist der Tiefgang mit der die Beziehung zwischen Kai und seinem Opa von der ersten Seite an in wunderbaren Dialogen beschrieben wird. Man spürt in den Gesprächen zwischen beiden, dass sie sich mögen, dass sie auf einer Wellenlänge liegen – vieles ist ernst, aber oft gehen sie auch mit Witz und Humor miteinander um. Das liest sich dann zum Beispiel so:

„Sag mal, wie alt bin ich überhaupt?“
„Hundert.“
Opa lässt die Hände erschrocken sinken.
„Mensch, wann bin ich denn hundert geworden?!“
„Ich würde mal sagen, die letzten hundert Jahre über.“
Auch wenn er nicht will, muss Opa lachen.
„Junge, warst du immer so witzig?“
„Erst seitdem du mein Großvater bist“, antwortet Kai und endlich lachen sie gemeinsam. Eine ganze Minute lang […].“ (S. 17)

Der Opa wechselt dabei – und das ist das Tragische – in Minutenschnelle von „ich kann mich an nichts erinnern“ zu großer geistiger Klarheit und zurück. Für Kai ist das nicht gerade einfach, aber er geht bewundernswert verständnisvoll damit um.

Erzählt wird der Kinderroman personal, wobei er immer mal wieder ins Auktoriale springt, wenn Gedanken und Gefühle von Kai oder seinem Großvater dargestellt werden. Und obwohl „Kai zieht in den Krieg und kommt mit Opa zurück“ ohne die Ich-Form auskommt, hat man das Gefühl, als Leser/in sehr nah an den Figuren zu sein, was unter anderem an den bereits erwähnten gelungenen Dialogen liegt.

Was Zoran Drvenkar besonders geschickt macht, ist, dass er die Schrecken des Krieges durch den Kunstgriff des Nachspielens für Kinder gut verkraftbar macht. Da wird eben nicht erzählt, was der Großvater Schlimmes und Traumatisches erlebt hat, sondern Kai durchlebt alles mit seinem Großvater aus großer Distanz und schaut mit kindlichem Blick auf die Schrecken. Kai lässt alles nur so nah an sich ran, wie es für ihn passt, wie er es begreifen kann; und das gilt eben auch für alle Leser/innen, die dadurch nicht überfordert werden.

Überhaupt kann man nur festhalten, dass Zoran Drvenkar das Kinderbuch mit viel Einfühlungsvermögen geschrieben hat. Seine Wortgewandtheit kennt man aus seinen anderen Büchern, aber in „Kai zieht in den Krieg und kommt mit Opa zurück“ weiß er sie gut zu zügeln, sie im Sinne der Geschichte zurückzunehmen, dann aber auch an den richtigen Stelle gekonnt einzusetzen, um Stimmungen und Gefühle eindrücklich zu beschreiben. Einfach mal aus der ersten Buchseite zitiert, weiß man, was ich meine:

„Die Sonnenstrahlen kriechen über das Fensterbrett, schlängeln sich am Vorhang vorbei und lassen sich in das Wohnzimmer fallen. Sie schauen sich um und entdecken einen Sessel, eine Leselampe und zwei Koffer, die neben der Haustür stehen. […] Die Sonnenstahlen wandern den Rücken des Jungen hoch und vollführen einen kleinen Stepptanz auf seinen Schultern, ehe sie mitten der Bewegung erstarren, als Schritte aus dem oberen Stockwerk zu hören sind.“ (S. 7)

Fazit:

5 von 5 Punkten. „Kai zieht in den Krieg und kommt mit Opa zurück“ ist ein ganz besonderes Buch, ein Roman für Kinder, der zwei wichtige und nicht gerade einfache Themen zusammen behandelt: die Schrecken des Krieges und die Demenz eines Großvaters. Beides sind Themen, die Kinder beschäftigen, die Erwachsene aber durchaus in Erklärungsnot bringen können. Zoran Drvenkar greift beide Themen einfühlsam auf, verharmlost nichts, weiß sie aber so darzustellen, dass man das Buch bedenkenlos Kindern in die Hand geben kann.

Der Rahmen der Geschichte ist nicht so ganz einfach nachzuvollziehen: Ja, was machen Kai und sein Opa da eigentlich? Eine Gedankenreise? Ein Spiel? Oder ist alles nur ein Spazierganggespräch, das szenisch beschrieben wird? Ich habe keine Ahnung … Aber genau das macht den Reiz des Buches aus: Das Wiederdurchleben des Krieges hat etwas Geheimnisvolles. Darüber hinaus ist Zoran Drvenkars Kinderroman, so empfinde ich das, eine Ode an die Großväter. Man wünscht sich, dass es auf der Welt viele solcher Großväter gibt, die wie der von Kai ihre Erfahrungen und Erlebnisse an ihre Enkel weitergeben …

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(Ulf Cronenberg, 10.04.2023)


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