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Buchbesprechung: Johannes Herwig „Halber Löwe“

Cover: Johannes Herwig „Halber Löwe“Lesealter 14+(Gerstenberg-Verlag 2023, 234 Seiten)

Manchmal bedauere ich, eine Buch nicht gelesen zu haben – so geht es mir zum Beispiel mit „Bis die Sterne zittern“ von Johannes Herwig. Denn dessen Erstlingswerk, das von der Jugendjury auch gleich für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert worden war, habe ich verpasst. Und als ich dann vom zweiten Jugendroman „Scherbenhelden“ recht angetan war, habe ich das bereut … Warum ich den Debütroman nicht jetzt noch lese? Meine Lesezeit ist begrenzt, und dann greife ich eben doch lieber zu aktuellen Büchern; und immerhin ist nun „Halber Löwe“, Herwigs dritter Roman, erschienen.

Inhalt:

Saschas Schulabschluss ist nicht mehr allzu fern, aber was er aus seinem Leben machen will, weiß er noch gar nicht. Das Wichtigste ist ihm im Moment, dass er mit seinen drei Freunden Engel, Timo und Jarno rumhängt. Sie treffen sich in einem alten Haus in einer verlassenen Wohnung, hängen gemeinsam ab und meist hat auch jemand Bier oder härtere Sachen zum Trinken dabei.

Was die vier schon einige Zeit am Laufen haben, sind gegenseitige Aufgaben, die sie sich geben. Immer der Reihe nach sind sie dran, und das Ganze hat sich etwas verselbständigt: aus kleinen einfachen Mutproben sind ziemlich heftige Dinge geworden. Die letzte Aufgabe für Engel wäre auch fast schiefgegangen, als er auf dem Hof einer Polizeiwache ein Polizeiauto knacken und damit fortfahren sollte. Nur knapp sind sie der Polizei entkommen.

Als Marcel in Saschas Klasse kommt, nimmt sich dieser dem neuen Schüler anfangs eher aus Mitleid als aus Sympathie an. Marcel ist ein seltsamer Typ mit hoher Stimme; und trotzdem freunden die beiden sich etwas an. Sascha hat schließlich die Idee, Marcel mit zu seiner Clique zu nehmen. Die anderen sind einverstanden, dass Marcel dazukommt, allerdings muss er eine Mutprobe absolvieren, um wirklich dabei zu sein. Doch dabei läuft etwas gründlich schief – und nichts mehr ist wie zuvor.

Bewertung:

Wie schon „Scherbenhelden“ spielt auch „Halber Löwe“ irgendwann in der Zeit nicht allzu lange nach der Wiedervereinigung in Ostdeutschland. Für die Menschen in der ehemaligen DDR war das eine schwierige und oft auch widersprüchliche Zeit, und Johannes Herwig, der 1979 geboren ist, hat seine Jugendjahre dort verbracht und dürfte einiges der Stimmung damals auch in seine Bücher packen. „Halber Löwe“ durchzieht jedenfalls ein Ton, der nach irgendwas zwischen trostlos, orientierungslos und desillusioniert klingt.

Sascha, der Erzähler, ist eine Figur, die viele widerstrebende Gefühle kennt; er ist sich seiner Gefühle oft gar nicht bewusst. Was er mit seinem Leben anfangen will, weiß er noch nicht und lebt so in den Tag hinein. Einerseits ist Sascha als Bruder pflichtbewusst und kümmert sich rührend um seine noch den Kindergarten besuchende Schwester; andererseits macht er mit seinen Kumpels viel Blödsinn, manches davon so gefährlich und unüberlegt, dass man als Leser/in befürchtet, er könne sich mit einer blöden Aktion sein Leben versauen.

Was Sascha Halt gibt, ist neben der kleinen Schwester seine kettenrauchende Mutter, die im Schichtdienst als Pflegerin arbeitet und immer wieder drauf besteht, dass Sascha mit ihr spricht. Sie spürt, dass in Saschas Leben gerade etwas ordentlich schiefläuft, aber anstatt alles zu erzählen, rückt er immer nur mit Kleinigkeiten, die ihn beschäftigen, raus. Dass Sascha sein bei einem Verkehrsunfall gestorbener Vater fehlt und dieser ein großes Loch hinterlassen hat, bekommt man am Rande mit.

„Halber Löwe“ ist – das ahnt man von Beginn an – auf eine Katastrophe, ein schlimmes Ereignis hingeschrieben. Ein paar Mal finden sich im Buch vorab Andeutungen, dass noch etwas Schlimmes passieren wird und dass es hierbei um Marcel, Saschas neuen Klassenkameraden, geht – man ahnt bald, dass bei der Mutprobe zur Aufnahme in die Clique etwas schiefgehen wird. Das, was dann wirklich passiert (ich will nicht zu viel verraten), wirft Sascha gehörig aus der Bahn.

Das Buch von Johannes Herwig ist vieles: das Soziogramm eines Jungen, der im Leben schwimmt – konsequent aus dessen Sicht erzählt; eine Beschreibung der Gesellschaft in der ehemaligen DDR kurz nach der Wiedervereinigung; eine Darstellung der ziellosen Jugend in der damaligen Zeit; und die tragische Geschichte eines Jungen – gemeint ist Marcel –, der anders als die meisten Gleichaltrigen ist und bei dem viele meinen, dass etwas nicht mit ihm stimmt.

Das alles wird treffsicher mit passendem Ton vorgetragen, so dass sich diese Stimmung auch auf den Leser bzw. die Leserin überträgt. Das Lebensgefühl, das da immer mitschwingt, hat mich persönlich fast etwas nervös gemacht hat, weil ich diese Unorientiertheit schwer auszuhalten finde – das war und ist einfach nicht mein Lebensgefühl … Ich kann mir allerdings vorstellen, dass jugendliche Leser (in dem Fall wohl wirklich mal eher Jungen als Mädchen) in dem Buch einen Teil ihres eigenen Lebensgefühls wiederfinden.

Fazit:

4 von 5 Punkten. Ich habe mich schon lange nicht mehr so schwer mit einer Buchbesprechung getan – ich habe „Halber Löwe“ gerne gelesen, aber finde es nicht einfach, etwas über das Buch zu schreiben. Woran das liegt? So richtig rausgefunden habe ich das nicht … Für mich ist „Halber Löwe“ jedenfalls vor allem psychologisch und historisch interessant, weil darin eine Stimmung und eine Zeit beschrieben werden, die mir beide fremd sind. Wie es dem Lebensgefühl in der damaligen Zeit entspricht, wird das Buch dazu passend nicht gerade temporeich, sondern eher beschaulich erzählt – das wird nicht jedem Leser bzw. jeder Leserin zusagen.

Es bleibt festzuhalten, dass „Halber Löwe“ authentisch und mit viel Gespür für seine Hauptfigur geschrieben ist, dass man Saschas Lebensgefühl als Leser/in sehr gut nachspüren kann, auch wenn es nicht das eigene sein sollte. Herausfordernd war das Buch für mich trotzdem, weil ich innerlich nicht so richtig andocken konnte – anders als bei „Scherbenhelden“, obwohl Johannes Herwigs vorheriger Roman etwa zur gleichen Zeit spielen dürfte. „Scherbenhelden“ ist allerdings auch ein wenig raffinierter mit ausgefeilterem Spannungsbogen erzählt.

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(Ulf Cronenberg, 11.02.2023)

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