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Buchbesprechung: Siobhan Vivian „We are the Wildcats“

Cover: Siobhan Vivian „We are the Wildcats“Lesealter 14+(Hanser-Verlag 2022, 382 Seiten)

So richtig was unter dem Buchtitel vorstellen konnte ich mir nicht. Von daher weiß ich gar nicht mehr, wie ich auf das Buch von Siobhan Vivian gekommen bin – wahrscheinlich war „We are the Wildcats“ einer der Schwerpunkttitel von Hanser für den Herbst 2022. Man kann zumindest verraten, dass die Wildcats keine Mädchenbande sind, sondern ein Hockeyteam – dazu passt dann ja auch das Cover. Die Autorin Siobhan Vivian kannte ich bisher nicht, obwohl die Amerikanerin schon mehrere Jugendromane veröffentlicht hat – ins Deutsche übersetzt ist vor allem eine Trilogie, die sie mit Jenny Han zusammen verfasst hat.

Inhalt:

Die neue Hockey-Saison steht bald davor, und auf den eigentlich erfolgsverwöhnten Wildcats, dem Mädchen-Hockeyteam der West Essex Highschool, lastet einiger Druck. Denn die bis kurz vor Ende gut gelaufene letzte Saison haben sie im allerletzten Spiel gegen die Erzrivalen Bulldogs von der Oak Knolls Highschool vergeigt und nach mehreren Jahren erstmals nicht die Meisterschaft verteidigt. Ihr junger ehrgeiziger Coach war mehr als enttäuscht, er war sauer, es gab Hinweise, dass er seinen Job bei den Wildcats aufgeben und bei einem erfolgreichen Erwachsenenverein unterkommen will. Doch dann steht er unerwartet wieder für die Wildcats bereit.

Bevor die neue Saison beginnt, steht ein Freundschaftsspiel gegen die Bulldogs an; die Mädchen der Wildcats wollen die Schmach vom letzten Jahr vergessen machen und in der Revanche als Siegerinnen vom Platz gehen. Mel, die neue Mannschaftskapitänin, sieht ihre Verantwortung, und wie jede Saison soll auch diese am Vorabend des ersten Spiels mit einer der legendären Cat Nights beginnen. Das Team hat der gnadenlos agierende Coach vorher in einem harten Auswahltraining zusammengestellt.

Die Cat Night beginnt im Haus von Mel, doch als Kapitänin hat sie an dem Abend noch einiges andere vor – immer mit Blick darauf, den Teamgeist zu verbessern. Doch dann läuft an dem eigentlich gut geplanten Abend so einiges schief. Zunächst hält der Coach eine Rede, die alles andere als motivierend ist – er zieht vom Leder und hält dem Team vor, nicht gut genug zu sein. Als später in einem feierlichen Akt nachts den Spielerinnen (der Coach ist schon nach Hause gegangen) von Mel die neuen Trikots überreicht werden sollen, stellt Mel fest, dass sich in dem Trikotkoffer nur alte Trainingsleibchen befinden. Die Vermutung liegt nahe, dass der Coach die Trikots mit Absicht durch die Leibchen ersetzt hat. Und plötzlich bekommt die Nacht eine ganz andere Dynamik …

Bewertung:

Ein typisches Buch für mich ist „We are the Wildcats“ (Übersetzung: Jessika Komina und Sandra Knuffinke; identischer amerikanischer Originaltitel) nicht unbedingt. Das liegt einfach schon daran, dass die Hauptfiguren, vom Coach abgesehen, nur Mädchen sind. Es sind sechs der Wildcats, die in dem Roman im Fokus stehen (auch wenn das Team mehr Spielerinnen hat): Mel, Phoebe, Ali, Luci, Grace und Kearson. Alle anderen Figuren wie Mels Eltern und Mels Freund Gordy spielen nur am Rande ein Rolle.

Erzählt wird die Geschichte mit einem seltsam distanzierten Ton, an den ich mich erst gewöhnen musste. Der Erzählstil ist wirklich ungewöhnlich für ein Jugendbuch: Man folgt in jedem Kapitel einer der sechs Spielerinnen, die aber nicht in der Ich-Form berichten, sondern man folgt ihnen mit einer Mischung aus personaler und auktorialer Erzählweise – oft verschwindet der Erzähler hinter den Figuren, aber ab und zu nimmt er auch einen allwisssenden Außenblick ein. Ich habe mich damit anfangs, weil es nicht einladend wirkt, etwas schwer getan; doch je weiter man im Buch kommt, desto mehr verschwand diese Anfangsirritation bei mir.

Wie man dann nach und nach in die Geschichte hinter den Wildcats und dem Coach eingeführt wird, wie Stück für Stück die Dynamik zwischen den Figuren aufgedeckt wird, ist gekonnt gemacht. Man dringt ähnlich Zwiebelschalen, die man eine nach der anderen entfernt, immer tiefer in die Komplexität der Beziehung zwischen den Figuren ein; und in dem Team gibt es einiges an Konflikten, die aus der Vergangenheit resultieren. Phoebe zum Beispiel, eine der Leistungsträgerinnen, war wegen einer langwierigen Knieverletzung durch Kearson ersetzt worden – doch Kearson spielte alles andere als gut. Daran hatte, wie man später erfährt, Phoebe durchaus ihren Anteil, weil sie jede Bewegung von Kearson verfolgt hat, was diese zusätzlich nervös machte.

Was aber vor allem nach und nach deutlich wird, ist, welch perfide Rolle der Coach in dem ganzen System spielt. Wird er anfangs von den Mädchen im Buch fast als Heilsfigur beschrieben, weil er so viel für das Team tut, sich aufopfert und alles zu geben scheint, so bekommt seine Integrität zunehmend Risse. Während die Mädchen lange zu ihm halten, seine Taten so interpretieren, als wolle er nur das Beste fürs Team, auch wenn es schmerzhaft ist, so spürt man als Leser/in schon deutlich früher ein Unbehagen. Als Coach kommt er den Mädchen zu nahe, er spielt mit ihnen, er schmiedet Ränke und lügt letztendlich, wie die Teamspielerinnen irgendwann feststellen … Ich habe ja darauf gewartet, dass hier noch ein sexueller Missbrauch beschrieben wird – aber soweit geht das Buch dann doch nicht.

Dennoch: Was der Coach da treibt – und das ist für mich das eigentlich Erschreckende in dem Buch – hat mich stark daran erinnert, wie Sporttrainer gerade im Leistungssport Mädchen immer wieder schikaniert und manchmal sogar missbraucht haben. Wie die Mechanismen dahinter funktionieren, wird in „We are the Wildcats“ sehr eindrücklich beschrieben: Mel zum Beispiel wird vom Coach gelobt, weil sie einzigartig sei, der Coach weiht sie in vermeintliche Geheimnisse ein, er nutzt das Chatten übers Handy, um mit ihr im Geheimen Kontakt zu halten, und alles wird immer privater. Schließlich kümmert er sich darum, dass Mel einen Stipendiumsplatz bekommt. Mel ist, auch wenn sie es sich lange nicht richtig eingesteht, verliebt in ihn, und der Coach spielt mit ihr ein doppeltes Spiel, macht sie von sich abhängig – auf verschiedenen Ebenen.

Das Buch bleibt gottseidank nicht dabei stehen, sondern indem der Coach im Verlauf der Handlung von den Mädchen entlarvt wird, lernen sie irgendwann, sich von ihm abzugrenzen und sich gegen seine miesen und selbstbezogenen Machenschaften zu wehren. Von daher thematisiert das Buch auch, wie man aus einem so fiesen Spiel eines Trainers aussteigen und wieder zu sich selbst finden kann. Aber einfach ist das nicht, und es gelingt nur, weil die Mädchen an dem Abend miteinander zu reden beginnen und sich so ihrer Lage bewusst werden.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Psychologisch ist „We are the Wildcats“ hochinteressant. Es zeigt die Mechanismen im Leistungssport, in denen Trainer ihre Macht ausnutzen, um Mädchen zu manipulieren und dabei selbst Macht zu spüren. Wie die Beschreibung dieser Machenschaften bei jugendlichen Leserinnen ankommt, kann ich schlecht beurteilen – aber man fiebert mit den Mädchen irgendwann mit. Dass Jungen dieses Buch lesen, kann ich mehr eher nicht vorstellen. Der Coach als einzige männliche Hauptfigur kommt im Buch jedenfalls sehr schlecht weg; und daneben gibt es gerade mal noch einen weiteren Jungen, der in dem Buch auftaucht. Immerhin ist er sympathisch.

Was für den Inhalt gilt, betrifft auch den Erzählstil, der ungewöhnlich und nicht unbedingt zugänglich ist. Ich finde es ja gut, wenn ein Buch mal völlig anders geschrieben ist, auch wenn ich selbst mich erst daran gewöhnen musste. Wie jugendliche Leserinnen mit dem Erzählstil zurechtkommen, kann ich nicht einschätzen … Und schließlich: Bezüglich des Spannungsbogens muss man bei dem Jugendroman ein wenig Geduld mitbringen, denn die Dynamik, die das Buch so interessant macht, wird langsam, aber kontinuierlich aufgebaut. Anfangs braucht man einen längeren Atem, um bei dem anzukommen, was das Buch dann richtig packend macht.

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(Ulf Cronenberg, 21.01.2023)


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