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Buchbesprechung: Gabriele Clima „Der Geruch von Wut”

Cover: Gabriele Clima „Der Geruch von Wut”Lesealter 14+(Hanser-Verlag 2022, 187 Seiten)

Italienische Jugendbücher sind in Deutschland eher eine Rarität. Ich hadere zum Beispiel damit, dass neue Bücher von Christian Frascella nach drei Romanen nun nicht mehr ins Deutsche übersetzt werden. Christian Frascella war einfach ein toller Autor, von dem ich gerne mehr gelesen hätte. Von Gabriele Clima wurden laut Hanser-Verlag in Italien bereits mehr als 50 Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht, in Deutschland ist nach „Der Sonne nach“ nun mit „Der Geruch von Wut“ ein zweiter Jugendroman erschienen.

Inhalt:

Die Familie von Alex war in einen schweren Autounfall verwickelt; sein Vater ist dabei ums Leben gekommen, die Mutter wurde schwer verletzt und Alex lag längere Zeit im Koma. Inzwischen ist er aber wieder auf den Beinen und führt ein einigermaßen normales Leben. Doch was zurückgeblieben ist, ist eine riesige Wut auf den Fahrer des Lastwagens, der das Familienauto abgedrängt hatte. Als er herausfindet, wie der Fahrer heißt und dass dieser ein Schwarzer ist, beschließt er, ihn zu suchen und sich zu rächen.

Doch das ist nicht so einfach und lange sucht er vergeblich. Es ist Teo, den er aus der Schule kennt, der ihn mit Ferenc bekannt macht, und Ferenc verspricht Alex Unterstützung. Doch Ferenc, der Anführer einer rechtsradikalen Gruppe namens „Black Boys“ verlangt Gegenleistungen für die Hilfe. Alex soll sich bewähren und bei Aktionen gegen Ausländer und Flüchtlinge mitmachen.

Bei der ersten Aktion, bei der Alex dabei ist, verliert ein Ausländer fast das Leben; Alex hat große Angst, dass er, Teo und Ferenc dabei beobachtet wurden. Ferenc lässt jedoch nicht locker und fordert, dass es weitergeht … Und so gelangt Alex immer weiter in die Fänge der Black Boys – sein Empfinden, dass er da etwas Falsches macht, drückt er weg, weil er weiterhin den Lastwagenfahrer finden will.

Bewertung:

In Italien ist das Thema Rechtsradikalismus nach der letzten Wahl sehr aktuell. Gabriele Climas Buch „Der Geruch von Wut“ (Übersetzung: Barbara Neeb und Katharina Schmidt; italienischer Originaltitel: „Black Boys“) ist auf Italienisch allerdings schon 2020 erschienen; aber der Aufschwung rechtsnationaler Politik kommt ja nicht von heute auf morgen. Von daher hat Gabriele Clima sicher schon damals bewusst das brisante Thema gewählt.

Dass Alex, der seinen lebensfrohen Vater sehr vermisst, eine Wut auf den Fahrer des LKWs entwickelt, ist nachvollziehbar. Sein ganzes Leben wurde durch den Autounfall auf den Kopf gestellt. Wie Alex deswegen auf die schiefe Bahn und in ausländerfeindliche Kreise gerät, ist auf der einen Seite nachvollziehbar, auf der anderen Seite für meinen Geschmack ein wenig zu plakativ inszeniert. Eine solche Entwicklung mag sich so abspielen, wenn jemand vorher schon gegen Ausländer und Migranten eingestellt war, aber bei Alex und seiner Familie gibt es dafür keinerlei Anzeichen.

Von dieser kleinen Schwäche abgesehen wird dieses Abdriften gut dargestellt. Das Situation kippt dann irgendwann, und Alex merkt innerlich, dass er eigentlich nicht für Gewalt gegen Ausländer bereit ist. Er kann sich aber nicht davon lösen, weil Ferenc ihn anfangs geschickt steuert und mit dem Versprechen, ihm beim Suchen des Unfallfahrers zu helfen, weiter auf seine Seite zieht. Als Alex immer mehr Unbehagen spürt, reagiert Ferenc heftig und bedroht Alex, ja, setzt auch Gewalt ein. Diese Methoden von rechtsradikalen Gruppierungen, wie neue Mitglieder rekrutiert und dann mit Drohungen zum Weitermachen gebracht werden, werden in dem Roman für jugendliche Leser/innen anschaulich dargestellt.

Warum Alex‘ Mutter allerdings so lange wegschaut – denn sie ist alles andere als ausländerfeindlich –, ist dann erneut etwas, was meiner Meinung nach leicht unglaubwürdig ist. Aber gut, Alex‘ Mutter glaubt an ihren Sohn, sie merkt nur, dass etwas nicht stimmt, hat aber gute Gründe zu glauben, dass die Veränderung ihres Sohnes mit dem Unfalltod des Vaters zu tun hat.

Dass das Buch im letzten Drittel noch einen Paukenschlag bereithält, eine unerwartete Wendung, macht die Geschichte noch mal interessanter. Doch auch hier frage ich mich einmal mehr, wie wahrscheinlich das, was da geschieht, eigentlich ist – dramaturgisch ist es aber gut gesetzt. Gabriele Clima spielt allerdings ein bisschen zu sehr mit der Geschichte, und das stört mich doch.

Dass das Ende des Romans nicht rosenrot ist, dass nicht einfach alles gut wird, kann man verraten – mehr aber auch nicht. Das ist der Part der Geschichte, den Gabriele Clima gut hinbekommen hat. Und was man dem Autor auch zugutehalten muss, ist, dass er das, was in Alex vorgeht – seine widerstreitenden Gefühle, seine Wut, seine Zweifel und seine Verzweiflung –, sehr genau darzustellen weiß.

Fazit:

4 von 5 Punkten. Mir gefällt vieles an „Der Geruch von Wut“, von daher sind die oben genannten Kritikpunkte vielleicht etwas zu ausführlich dargestellt. Abgesehen davon, dass manche Punkte des Plots für mich nicht so ganz plausibel sind, aber nichts davon ein grober Schnitzer ist, erzählt der Roman eine für Jugendliche packende und zugleich auch wertvolle Geschichte. Es werden die Mechanismen aufgedeckt, wie jemand in die Klauen Rechtsradikaler kommt und dann nur schwer wieder den Absprung schafft. Der fragwürdigste Punkt des Romans ist für mich, dass Alex bezüglich Ausländerfeindlichkeit absolut unbescholten ist, was seiner Wandlung ein Stück Glaubwürdigkeit nimmt.

Gabriele Clima ist seinem Ich-Erzähler Alex jedenfalls sehr nah, und auch die anderen Figuren im Buch sind gut beschrieben: von Ferenc, dem Rädelsführer der Black Boys, über Alex‘ Mutter bis hin zu Nebenfiguren wie Alex‘ großer Schwester. Unterm Strich ist „Der Geruch von Wut“ ein gutes Buch, dessen Mischung aus Spannung, brisantem Thema und einfühlsamer Erzählweise stimmt.

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(Ulf Cronenberg, 11.10.2022)

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