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Buchbesprechung: Oliver Reps „Der Tag, der nie kommt“

Cover: Oliver Reps „Der Tag, der nie kommt“Lesealter 14+(360-Grad-Verlag 2022, 201 Seiten)

Einen interessanten Lebenslauf hat Oliver Reps, der mit „Der Tag, der nie kommt“ seinen in den Niederlanden gleich prämierten Debütroman vorgelegt hat: Mit sechs Jahren ist er mit seinen Eltern aus Deutschland nach Holland umgezogen, hat dort studiert und längere Zeit unter anderem fürs Verkehrsministerium gearbeitet. 2010 hat er dann eine Kinderbuchhandlung eröffnet – irgendwo muss da also ein Faible für Kinder- und Jugendbücher gewesen sein. Dass er dann selbst einen Jugendroman schreibt, ist nicht zwingend logisch, aber passt dazu.

Inhalt:

Elias ist 17 Jahre alt und ein großer Film-Fan. Außerdem spielt er gerne Gitarre. Einerseits ist Elias schüchtern, andererseits aber auch oft voller Wut, und dann wird er aggressiv. Schon öfter hat er sich deswegen Probleme eingehandelt; er wurde sogar schon einmal von der Schule verwiesen. Seit zwei Jahren ist er deswegen in Psychotherapie bei Henry, der für ihn jemand ist, mit dem er alles besprechen kann. Seitdem geht es ihm besser und er ist ruhiger geworden.

Als Elias mit 5 Jahren eine Schwester bekommen hat, war er anfangs extrem eifersüchtig. Doch nach der Geburt war er wie ausgewechselt und liebt seitdem seine Schwester Evi über alles. Die hat es nicht leicht. Als Frühchen hat sie gerade überlebt und kämpft seitdem mit einem extrem schwachen Immunsystem. Weil sich bei ihr auch Krebs in einem Bein entwickelt hat, der durch Chemotherapie und Operation nicht ganz entfernt werden konnte, musste ihr ein Bein amputiert werden.

Als Elias Polly kennenlernt, ist er sofort in das Mädchen verliebt; doch er glaubt nicht, dass sie sich für ihn interessieren könnte. Es kommt jedoch anders. Bald verbringen die beiden viel Zeit miteinander, die Gespräche zwischen ihnen sind immer bereichernd; und mit Elias‘ Familie, insbesondere mit Evi, kommt Polly auch bestens aus. Das Leben scheint immer besser zu laufen; doch das bleibt nicht so …

Bewertung:

Wer sich über das Cover wundert, dem sei erklärt, dass ein Baumast in dem Buch eine besondere Rolle spielt. Denn Elias und Evi entdecken im Wald gut versteckt einen Bach mit einer tiefen Stelle, über den ein Ast hängt. Dorthin ziehen die beiden sich öfter zurück, baden und springen von dem Ast ins Wasser. Später wird dann auch Polly mit dabei sein.

„Der Tag, der nie kommt“ (Übersetzung: Ulrich Faure; niederländischer Originaltitel: „De dag, die nooit komt“) ist eine Ich-Erzählung, und auch wenn das explizit nirgendwo im Buch steht, so hat Elias wohl seine Erlebnisse in einer Art Tagebuch zusammengefasst. Die drei Hauptteile des Romans, abgesehen von einem kurzen Einstieg und einem längerem Endkapitel, sind mit den drei Hauptfiguren überschrieben: Erst stellt Elias sich selbst und sein Leben in den Mittelpunkt, dann geht es um Evi und schließlich um Polly.

Erzählt ist die Geschichte eher assoziativ – es sind viele kleine Episoden, von denen Elias berichtet. Man könnte fast meinen, es gibt in dem Roman keinen roten Faden, aber das stimmt nicht so ganz. Es ist jedenfalls eine ganz besondere, oft etwas lakonisch und abgeklärt wirkende Art des Erzählens, die aber ihren Reiz hat. Was manchen Leser oder manche Leserin stören oder gar abschrecken könnte, ist, dass das Buch nicht auf Spannung hin angelegt ist.

Sehr subtil ist für aufmerksame Leser/innen ein leicht bedrohlichen Unterton zu spüren, der das Buch durchzieht; wenn man genau liest, dann stolpert man auf Seite 31 über eine Bemerkung, die das untermauert und einem klar macht, dass das Buch nicht unbedingt gut ausgehen wird. Zwischendrin lässt man sich von dem Plauderton jedoch etwas ablenken, und als dann die Geschichte kippt, ist man fast überrascht.

Was mir an „Der Tag, der nie kommt“ eindeutig gefallen hat, ist die sehr authentisch wirkende Erzählerfigur Elias‘. Er wirkt wie ein Junge aus dem richtigen Leben – mit Schattenseiten, mit Selbstzweifeln, aber auch mit viel Mitgefühl für andere. Man spürt auch, wie er oft durchs Leben schlingert, es aber zu ordnen versucht; und Henry als Psychiater ist ihm eine große Hilfe dabei. Dass eine Psychotherapie in einem Jugendbuch auch mal gut wegkommt, finde ich passend – Psychologen und Psychotherapeuten werden leider oft ganz anders dargestellt.

Gut gezeichnet sind auch alle anderen Figuren im Buch: Polly ist ein Mädchen, das man mit ihrer lebensfreudigen und unbestechlichen Art nicht nur liebgewinnen, sondern bewundern muss. Evi, der so viel Schlimmes widerfahren ist, geht ziemlich tapfer mit allem um, hat außerdem ein sehr gutes intuitives Gespür dafür, wie es Elias geht. Elias‘ Eltern (das waren dann schon alle wesentlichen Figuren im Buch) sind ein bisschen blasser gezeichnet, aber sie sind eben einfach ganz normale Eltern.

Die Tragik der Geschichte am Ende führt dazu, dass das Buch einen Nachhall hat – „Der Tag, der nie kommt“ legt man nicht einfach mit einem „Aha“ aus der Hand. Und ein bisschen lässt es einen mit seinem offenen Ende als Leser bzw. Leserin auch desillusioniert zurück.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Ein Buch für Leser/innen, die gerne Happy Ends haben, ist „Der Tag, der nie kommt“ nicht – das sei, ohne mehr zu verraten, als kleine Warnung ausgesprochen. Der Roman erzählt eine tragische Geschichte, was man nach einer Andeutung zu Beginn im Verlauf des Buches aber bereitwillig erst mal wieder vergisst. Warum Oliver Reps da ein ganz besonderes Buch geschrieben hat, lässt sich benennen: Es ist ein Buch, das fast ohne Übertreibungen, gekünstelte Situationen und überzeichnete Figuren auskommt. Romane neigen sonst oft dazu, gerade in der Figurenzeichnung überplakativ zu sein; doch „Der Tag, der nie kommt“ erliegt dieser Versuchung nicht. Das ist fast etwas altmodisch, aber sehr angenehm.

Rätselhaft finde ich den Titel des Romans (er ist wörtlich aus dem Niederländischen übersetzt). Für mich drückt er am ehesten aus, dass das Leben oft so dahinplätschert – wobei das im Buch dann irgendwann vorbei ist. Aber auch wenn ich den Buchtitel nicht so ganz verstehe: Oliver Reps hat ein Buch geschrieben, das einen länger beschäftigt, das so ganz nebenbei viele Fragen aufwirft und sehr intensiv erzählt ist, obwohl es vordergründig manchmal abgeklärt rüberkommt. Das alles ergibt eine Mischung, die einzigartig wahrhaftig wirkt.

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(Ulf Cronenberg, 31.08.2022)

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