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Buchbesprechung: Frank Maria Reifenberg „Identity X – Wer ist Boston Coleman?“

Cover: Frank Maria Reifenberg „Identity X – Wer ist Boston Coleman?“Lesealter 12+(dtv 2022, 252 Seiten)

Das Cover von Frank Maria Reifenbergs neuem Jugendroman zeigt ja schon, wohin die Richtung geht: Ein schwarzer Junge, der vor einem explodierendem Pickup wegläuft, darüber noch ein Hubschrauber – die Hinweise darauf, dass man da einen spannenden Roman vor sich hat, sind erdrückend. Frank Maria Reifenberg hat sich die letzten Jahre allerdings auch der Leseförderung verschrieben, und gerade auch bei einer Zielgruppe, die inzwischen leider eher selten zu Büchern greift: Jungen, die der Kindheit entwachsen sind.

Inhalt:

Boston Coleman wächst bei Adoptiveltern auf, die ihn – nur wenige Tage alt – an einer Bushaltestelle in einem Körbchen gefunden haben. Wer seine leiblichen Eltern sind, hat Boston nie interessiert. Doch sein bisher eher beschauliches Leben hat ein Ende, weil eines Tages ein FBI-Kommando das Haus umzingelt und ihn festnimmt. Womit er konfrontiert wird und was ihm zur Last gelegt wird, versteht er überhaupt nicht.

Boston soll einen Geldtransporter überfallen haben – ausgerechnet er, der noch nie eine Waffe in der Hand gehalten hat, soll vorher auch noch ein Sturmgewehr gekauft haben. Das Problem ist, dass es Videos vom Überfall und vom Waffenkauf gibt, auf denen eindeutig er zu erkennen ist. Allerdings gibt es Zeugen, die bestätigen, dass Boston sich zur fraglichen Zeit in einem weit entfernten Feriencamp aufgehalten hat. Und das bringt die Ermittler in Erklärungsnot.

Für Boston wird es noch abstruser, als sich ein Doppelgänger namens Asher bei ihm meldet. Asher und seine Begleiter/innen behaupten, dass sie aus der Zukunft kämen und dringend die Unterstützung von Boston benötigen würden. Denn nur er könne die Welt vor einer schlimmen Virenepidemie retten. Was Boston dafür tun muss, ist, in die Zukunft reisen. Boston glaubt das alles absolut nicht und will sich auf gar keinen Fall darauf einlassen …

Bewertung:

Die Geschichte des Buchs nachzuerzählen, ist alles andere als einfach, denn „Identity X – Wer ist Boston Coleman?“ ist recht komplex angelegt. Das Buch hat zwei Erzählstränge, die zu unterschiedlichen Zeiten spielen und sich ständig abwechseln. Im ersten Erzählstrang hat sich Boston auf der Flucht im tief verschneiten Winter in einer einsamen Berghütte verschanzt – völlig abgeschnitten von jeglicher Zivilisation. In der Hütte findet Boston ein uraltes Tonbandgerät, auf dem er seine Geschichte nacherzählt; er selbst kann nicht glauben, was da passiert ist. Als Leser/in liest man die Transkription der Tonbandaufnahmen.

Der andere Erzählstrang beschreibt die Ermittlungen einer FBI-Ermittlerin namens Rosalind Casey, die Boston als mutmaßlichem Täter des Geldüberfalls auf der Spur ist. Unterstützt von ihrem Kollegen Peter Gionelli will sie Boston dingfest machen, doch Rosalinds Gespür lässt sie trotz aller Beweise zweifeln, dass Boston wirklich der Täter ist. Aber Erklärungen, wie sonst alles abgelaufen sein könnte, haben die beiden Ermittler nicht.

Aufgezogen wird die Geschichte so, dass man als Leser/in recht lange im Dunkeln tappt, was jenseits der Figur Bostons die Verbindung zwischen den beiden Erzählsträngen ist. Und weil da bald ein Trupp junger Menschen aus der Zukunft auftaucht, die Boston mit Hilfe einer zu schluckenden Kapsel („Matrix“ lässt grüßen!) eine Zeitreise machen lassen wollen, wird die Geschichte noch mal komplexer.

Spannung stellt sich in beiden Erzählsträngen ein, und sie resultiert zusätzlich daraus, dass man wissen will, wie genau sie miteinander verknüpft sind. Für mich war „Identity X – Wer ist Boston Coleman?“ deswegen ein Buch, das mich vom Anfang bis zum Ende gepackt hat. Warum Frank Maria Reifenberg die Geschichte in die USA verlegt hat, habe ich mich gefragt … Mag sein, dass sie dadurch einen zusätzlichen Reiz bekommt, man aber eventuell als Autor auch etwas freier mit manchen Dingen umgehen kann.

So spannend der Roman ist, am Ende hat er mich ein bisschen unbefriedigt zurückgelassen, weil einige Fragen bzw. Dinge, die man gerne erfahren hätte, offen bleiben. Ich hätte zum Beispiel gerne mehr über die Zukunft erfahren, aus der Asher und seine Begleiter/innen stammen. Die fünf Menschen aus der Zukunft halten sich da aber ziemlich bedeckt. Warum Boston selbst nicht mehr nachfragt, bleibt mir ein wenig ein Rätsel, das man vielleicht am ehesten damit zu erklären vermag, dass er die Geschichte mit der Reise in die Zukunft sowieso nicht wahrhaben will. Aber meine Neugierde war geweckt.

Die stärksten Momente im Buch sind für mich die Buchkapitel mit Ermittlerin Rosalind Casey. Mit ihrem intuitiven Gespür, ihrer ganz und gar nicht leichtgläubigen Art ist sie eine typische Polizistin, wie man sie aus guten Krimis kennt. Hier wird der Roman fast zum Erwachsenenkrimi, weil Figuren wie Rosalind und ihr Kollege ein typisches Krimi-Paar sind, wie sie in den besten Büchern des Genres vorkommen.

Fazit:

4 von 5 Punkten. Die Zutaten in „Identity X – Wer ist Boston Coleman?“ passen für jugendliche Lesemuffel: Zeitreisen, Actionszenen, Abenteuer in der verschneiten Wildnis, Polizeiermittlungen, Showdown am Ende – was will man mehr … Der Mix ist einzigartig, Frank Maria Reifenberg hat Neues ausgelotet, aber mein Eindruck ist, dass das Buch insgesamt ein bisschen zu ambitioniert konstruiert ist. Einfach zu verstehen ist die Geschichte in ihrer Komplexität jedenfalls nicht, und das könnte Lesemuffel wiederum irgendwann abschrecken.

Kurzweilig ist der Roman aber in jedem Fall und er schließt irgendwie fast nahtlos an Themen an, die man aus Netflix- und anderen Streaming-Serien mit mysteriösen Geschehnissen kennt. Da ist das Buch ganz modern. Vielleicht täusche ich mich also doch mit meiner Einschätzung, dass die Komplexität Leser/innen fernhalten könnte. Leser/innen ab 12 Jahren, die auf die genannten Themen stehen, sollten es mit „Identity X – Wer ist Boston Coleman?“ einfach mal probieren …

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(Ulf Cronenberg, 24.08.2022)

Kommentar (1)

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