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Buchbesprechung: Lise Villadsen „Sowas wie Sommer, sowas wie Glück“

Cover: Lise Villadsen „Sowas wie Sommer, sowas wie Glück“Lesealter 14+(Oetinger-Verlag 2022, 250 Seiten)

Geht es nur mir so, dass ich bei dem Cover eher an ein Kinderbuch als an einen Jugendroman denke? Mir ist die Zeichnung zu kindlich gehalten … Hätte ich nicht irgendwo etwas über das Jugendbuch gelesen, wäre es mir wohl nicht aufgefallen, und im Buchladen hätte ich wohl daran vorbeigeguckt. Gut, dass man manchmal auf anderem Weg auf ein Buch aufmerksam wird. „Sowas wie Sommer, sowas wie Glück“ ist übrigens der Debütroman der 1985 geborenen Dänin Lise Villadsen. Es kommt ja nicht oft vor, dass man Jugendromane aus Dänemark liest …

Inhalt:

Noch gut zwei Jahre, dann wird Astrid die Schule abschließen und Abitur machen. Jetzt ist jedoch erst mal ihre größere Schwester Cecilie an der Reihe, doch Cecilie geht es schon länger sehr schlecht. Sie leidet an einer massiven Angststörung, ist außerdem oft depressiv, so dass sie es immer häufiger nicht schafft, in die Schule zu gehen und dem Unterricht zu folgen. Als ihr Abitur immer näher rückt, kann sie sich noch schlechter aufs Lernen konzentrieren, so dass zu befürchten ist, dass sie die Prüfungen nicht schaffen wird.

Für Astrid und ihre Eltern ist die psychische Erkrankung Cecilies ziemlich anstrengend. Fast alles dreht sich um Cecilie, und wenn es ihr – wie so oft – nicht gutgeht, muss jemand bei ihr zu Hause bleiben. Astrids Mutter versucht deswegen, so viel wie möglich im Homeoffice zu arbeiten. Ihr Vater zieht sich dagegen zunehmend zurück und geht der schlechten Stimmung aus dem Weg. Er findet, dass Cecilie sich endlich zusammenreißen und nicht so anstellen sollte …

Astrid hat nach dem Schuljahr erst mal vor, mit ihrem besten Freund Jonas eine Interrail-Tour zu machen. Doch als die beiden eigentlich an die Planung gehen wollen, beginnt es auch zwischen Jonas und Astrid zu kriseln. Grund ist, dass Jonas den Vorschlag macht, ihre neue Klassenkameradin Veronica könne doch mitkommen. Astrid will das auf gar keinen Fall. Außerdem ist Astrid an Kristoffer, den sie schon aus dem Kindergarten kennt, der aber die letzten Jahre auf Grönland gelebt hat, interessiert – obwohl sie ihn anfangs eher nervig und anstrengend findet.

Bewertung:

Lise Villadsens „Sowas wie Sommer, sowas wie Glück“ (Übersetzung: Meike Blatzheim; Titel des dänischen Originals: „Kvantespring“) ist – das muss man gleich mal festhalten – ein erfrischend geschriebenes Buch, das aus der Sicht Astrids frei von der Leber von den Jugendjahren eines Mädchens berichtet. Astrid hat eine lebendige Art zu erzählen, sie nimmt kein Blatt vor den Mund, man merkt ihr aber auch an, dass sie in Bezug auf einige Dinge in ihrem Leben schwimmt.

Das Buch hat neben Astrid weitere Hauptpersonen, die das Geschehen bestimmen, und dabei ist vor allem Astrids Schwester Cecilie zu nennen, deren psychische Erkrankung die Familie ganz schön beeinträchtigt. Alles dreht sich darum, wie es Cecilie geht – kann sie sich zu etwas aufraffen, atmen alle auf; doch oft kommt sie kaum aus dem Bett, geschweige denn aus dem Haus, und damit legt sich eine lähmende Bleischwere über alle Familienmitglieder. Der Vater geht in die innere Emigration; die Mutter versucht, möglichst viel abzufedern; und Astrid versucht, einerseits ein eigenes Leben zu führen, andererseits aber auch für die Schwester da zu sein, was ihr aber zunehmend schwerfällt.

Die Schwere, die Cecilies Erkrankung in ihre Familie bringt, überträgt sich auch auf einen als Leser. So wie die Angehörigen Cecilie gegenüber zwischen Mitleid, Mitgefühl und Enttäuschung bis hin zu Genervtsein schwanken, geht es einem auch als Leser. Es wird jedenfalls sehr gut veranschaulicht, welche Bürde ein psychisch kranker Mensch für eine Familie ist – und gerade die Unberechenbarkeit, wie es Cecilie geht (und das kann schnell wechseln), ist schwer wegzustecken. Astrid hat da eine richtig blöde Position. Sie will eigentlich ein eigenes, ein glückliches Leben führen, aber sie fühlt sich immer auch etwas schuldig, wenn es ihr selbst gut geht, ihrer Schwester aber schlecht.

Das zweite Thema von Lise Villadsens Jugendroman ist das erste Verliebtsein, und auch hier ist nicht gerade alles einfach. Astrid weiß nicht so recht, was sie von Kristoffer halten soll. Sie fühlt Hummeln im Bauch, wenn sie ihn sieht, sie mag aber seine Freunde nicht; und weil Astrid von Cecilie vor Kristoffer gewarnt wird, dass er quasi nur Mädchen abschleppen will, sucht Astrid auch immer wieder nach negativen Seiten bei ihm. Das alles resultiert in einem Auf und Ab, das Astrid verwirrt.

Hinzu kommt, dass die Freundschaft mit Jonas, ihrem besten Freund, zu bröckeln beginnt, weil Veronika ins Spiel kommt, aber auch weil Cecilie Astrid so viel Kraft und Zeit kostet. Der Packen, den Astrid zu tragen hat, ist wirklich groß, das macht es auch schwer für Astrid, zu sich selbst zu finden und einen eigenen Weg zu gehen. Dass sie ihn am Ende sucht und zumindest in Ansätzen findet, kann man an dieser Stelle, ohne zu viel zu verraten, allgemein vorwegnehmen. Dieser Umschwung am Ende – das ist für mich die größte Schwachstelle im Buch – wird jedoch nicht ganz nachvollziehbar begründet und passiert ein wenig schnell.

Fazit:

4 von 5 Punkten. „Für alle Fans von John Green“ steht auf der Coverrückseite als Werbespruch für „Sowas wie Sommer, sowas wie Glück“. Das soll sicher die Verkaufszahlen ankurbeln, aber so richtig passend ist der Bezug auf den amerikanischen Autor nicht. John Green schreibt anders, auch wenn er in Büchern ebenfalls das Thema Angststörung aufgegriffen hat.

Auch wenn diese Werbesatz übertrieben ist: Das ändert nichts daran, dass Lise Villadsens Debütroman erfrischend und authentisch geschrieben ist, vor allem aber auch ein Thema aufgreift, das in eher wenigen Jugendromanen auf diese Art zu finden ist: Es ist in Lise Villadsen Jugendroman nicht – wie sonst oft – die Erzählerin und Hauptperson, die psychisch erkrankt ist, sondern die Schwester – und was das für eine Familie bedeutet, wie das das Leben der Schwester im Jugendalter beeinträchtigt, kann man in „Sowas wie Sommer, sowas wie Glück“ hautnah erfahren.

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(Ulf Cronenberg, 21.07.2022)

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