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Buchbesprechung: Julya Rabinowich „Dazwischen: Wir“

Cover: Julya Rabinowich „Dazwischen: Wir“Lesealter 14+(Hanser-Verlag 2022, 255 Seiten)

„Dazwischen: Ich“ war auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle aus Syrien der meines Wissens erste Jugendroman, der sich intensiv damit auseinandergesetzt hat, wie es einem Flüchtlingsmädchen geht, das nach Mitteleuropa kommt. Seitdem sind 5-einhalb Jahre vergangen, und mit „Dazwischen: Wir“ erzählt Julya Rabinowich die Geschichte von Madina weiter – allerdings nicht fünf Jahre, sondern ein Jahr später. Dass der Roman durch den Ukraine-Krieg und die Flüchtlinge aus der Ukraine eine ganz neue und schlimme Aktualität bekommt, war beim Entstehen nicht zu ahnen …

Inhalt:

Madinas Vater ist ins Kriegsgebiet seines Heimatlandes zurückgekehrt, um Verwandten zur Seite zu stehen. Ob er lebt, wie es ihm geht, weiß die Familie nicht – seit längerem haben sie nichts von ihm gehört. Für Madina und den Rest der Familie, Madinas Mutter, Tante Amina sowie den jüngeren Bruder Rami, hat sich inzwischen einiges verändert: Die Familie konnte mit ins Haus von Lauras Familie einziehen. Lauras Mutter ist alleinerziehend, lebt dort mit Laura und derem Bruder Markus und hatte genug Platz für Madinas Familie.

So langsam hat sich Madina in dem Kleinstädtchen eingewöhnt, auch wenn sie schulisch zu kämpfen hat. Und weil ihr strenger Vater weg ist, hat sie sich auch einige neue Freiheiten erkämpfen können. Ihre erschöpfte, manchmal depressive Mutter hatte Madinas Freiheitswillen nichts entgegenzusetzen. So geht Madina mit Laura auf den Jahrmarkt, was ihr Vater nie erlaubt hätte. Doch das neue Freiheitsgefühl ist weg, als Laura von einem betrunkenen Jungen angemacht wird, dieser dann, als die beiden Mädchen sich wehren, Madina als „Kameltreiberin“ beschimpft, die in dem Land nichts zu suchen hätte.

Das bleibt leider nicht die einzige solche Erfahrung, die Madina macht. Im Gegenteil, in der Stadt fangen anfangs einzelne Menschen an, gegen die Aufnahme von Flüchtlingen zu protestieren – jeden Donnerstag. Und weil Madina an diesem Tag zur gleichen Zeit immer bei ihrer Therapeutin einen Termin hat, fährt sich mit dem Bus dort vorbei und bekommt mit, dass von Woche zu Woche mehr Menschen gegen die Flüchtlinge demonstrieren. Madina fühlt sich zunehmend bedroht.

Bewertung:

Dass die Geschichte von Madina weitererzählt wird, ist folgerichtig – mich hat eher gewundert, dass es über 5 Jahre gedauert hat, bis Julya Rabinowich den Schritt gegangen ist. „Dazwischen: Ich“ war damals für mich wirklich ein wichtiges und gutes Buch, in dem Leser/inne/n gut verdeutlicht wurde, was es für eine Jugendliche bedeutet, aus dem eigenen Land, in dem Krieg herrscht, geflohen zu sein und in einer ganz anderen Kultur Fuß zu fassen.

„Dazwischen: Wir“ setzt hier an und beschreibt, wie es weitergeht – Madina hat sich eingelebt, fühlt sich nur noch in manchem fremd, und sie kommt schulisch einigermaßen zurecht. Was ihr aber zu schaffen macht, ist, dass ihr Vater wieder ins Kriegsgebiet zurückgegangen ist und dass die Familie seitdem nichts von ihm gehört hat. Madina ist, weil der Vater weg ist, in eine Rolle gekommen, die man heute als „young carer“ einstufen würde: Madina kümmert sich mehr um ihre depressive Mutter, als diese sich um ihre Tochter.

Gründe dafür gibt es einige: Madinas Mutter kann nach wie vor so gut wie kein Deutsch (Tante Amina hat sich dagegen bei einem Deutschkurs angemeldet), sie leidet massiv unter der Abwesenheit ihres Mannes mit all den Sorgen, die sie sich um ihn macht; und sie kommt letztendlich mit der Kultur in Mitteleuropa nur schlecht zurecht – ihr ist alles fremd. Erst gegen Ende des Buchs tut sich hier langsam etwas, Madinas Mutter beginnt sich auch etwas anzupassen – aber in kleinen Trippelschritten.

„Dazwischen: Wir“ beschreibt in Form von Tagebucheinträgen Madinas Leben. Diese Ich-Perspektive ist zwar eine Kunstform, weil sie vom Schreibstil und von den Gedanken her recht mitteleuropäisch angelegt ist. Aber über dieses Dilemma, dass man schwer originaltreu ein Flüchtlingsmädchen zu Wort kommen lassen kann, sollte man hinwegsehen.

Julya Rabinowich geht es ansonsten sehr geschickt an, wie sie Madinas Erleben und Gefühle darstellt. Da gibt es auch mal Tage, die in nur einem Satz abgehandelt werden, indem Madina lediglich erwähnt, dass sie keine Zeit zum Schreiben gefunden hat, weil so viel los war. Anderes wird dann sehr ausführlich erzählt, und zwar so, dass man sich sehr gut in Madina hineinversetzen kann. „Dazwischen: Wir“ ist eine Annäherung an das, was ein Flüchtlingsmädchen erlebt und empfindet. Mehr geht da kaum, außer man lässt eine geflüchtete Jugendliche selbst zu Wort kommen.

Madinas im Vergleich zum ersten Buch schon verringerte Zerrissenheit zwischen ihrem alten und ihrem neuen Leben wird nach wie vor deutlich. Jedoch steht im zweiten Band mehr das Thema Angst, die Madina empfindet, als sie die zunehmenden „Ausländer-raus!“-Proteste mitbekommt, im Vordergrund. Dass Madina das aushält, hat damit zu tun, dass sie von vielen Menschen – vor allem auch von Laura und ihrer Familie, aber auch von anderen – Unterstützung bekommt. Und als sich der Mob gegen Ende sogar formiert und Madinas Familie direkt bedroht ist, bekommt sie von unerwarteter Seite Hilfe.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Wie schon der erste Band ist auch „Dazwischen: Wir“ ein rundum gelungenes Buch, das einen als Leser/in erleben lässt, wie sich ein Flüchtlingsmädchen in Deutschland oder Österreich (das wird in dem Buch nie explizit gesagt, genauso wenig wie das Herkunftsland – vermutlich Syrien – erwähnt wird) fühlt. Julya Rabinowich schafft es, Madina eine authentische Stimme zu geben, die sehr genau auslotet, was das Mädchen alles bewältigen muss und wie es sich dabei fühlt. Mutig ist Madina – das kann man nicht anders sagen –, denn Madina muss vieles schultern.

Da gibt es viele Sorgen, schlimme Erinnerungen, die schon etwas verblasst sind, aber wieder hochkommen können, wenn es daran erinnernde Erlebnisse gibt; es gibt den großen Wunsch nach mehr Freiheit, danach sich wie ein Mädchen fühlen zu können, das in Mitteleuropa aufgewachsen ist – doch sich hier freizumachen von der eigenen Familie, von den eigenen Prägungen fällt Madina eben doch nicht immer leicht. Wie Madina das alles bewältigt, ist bewundernswert, überhaupt ist sie eine sympathische Figur … Und was man lesend am Ende angekommen sagen muss, ist: Eigentlich verlangt die Geschichte danach, weitergeschrieben zu werden. Ich bin gespannt, ob es noch ein „Dazwischen: …“ geben wird.

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(Ulf Cronenberg, 13.04.2022)


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