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Buchbesprechung: Simon van der Geest „Der Urwald hat meinen Vater verschluckt“

Cover: Simon van der Geest „Der Urwald hat meinen Vater verschluckt“Lesealter 10+(Thienemann-Verlag 2021, 429 Seiten)

Ein witziger Buchtitel ist das ja schon – auf Deutsch sogar besser als auf Niederländisch; denn frei ins Deutsche übersetzt würde das Buch „Die Projektarbeit darüber, wie ich im Dschungel verschwunden bin“ heißen. Simon van der Geest ist in Holland kein unbekannter Kinder- und Jugendbuchautor, auf Deutsch sind von ihm allerdings auch schon mehrere Bücher erschienen (darunter „Krasshüpfer“, das ich mal begonnen, aber nicht zu Ende gelesen habe). Bei seinem neuen Roman habe ich aber durchgehalten …

Inhalt:

Eva muss in der Schule eine Projektarbeit erstellen; die Vorgabe ist, dass sich die Schüler/innen ein Thema suchen, das sie interessiert. Und da kommt Eva die Idee, dass sie etwas über biologische Väter schreiben könnte, denn ihren Vater kennt sie nicht. Die Lehrerin ist davon nicht so richtig begeistert, weil sie befürchtet, dass das Thema für Eva zu belastend sein könnte, aber das Mädchen beißt sich daran fest.

Doch so viel Eva ihre Mutter, eine in Holland bekannte Sängerin, auch über ihren Vater fragt, so bedeckt hält sich diese. Sie will einfach nicht damit rausrücken, wer genau Evas Vater ist und wie Eva ihn finden könnte. Doch dann entdeckt Eva durch Zufall bei ihrem Opa unter alten Sachen ihrer Mutter eine Kassette, auf die ihr Vater etwas zu ihr als Baby gesprochen und auf der er ihr ein Lied gesungen hat. Das bestärkt Eva darin, dass sie ihren Vater suchen muss. Dass er inzwischen in Suriname lebt, weiß sie zumindest.

Weil ihre Mutter weiterhin nicht mitspielt, hat Eva eine perfide Idee: Sie nimmt Kontakt mit der Redaktion von „Verlorene Zeit“, einer Fernsehsendung, auf und erzählt, dass sie ihren Vater suchen will. Doch das Vorgespräch mit der Redaktion, von dem Evas Mutter nichts weiß, läuft ernüchternd, bis Eva spontan einen letzten Trumpf auspackt: Sie erzählt, wer ihre Mutter ist. Sofort wird Evas Anliegen, ihren Vater kennenlernen zu wollen, ernstgenommen. Eine bekannte Sängerin verspricht natürlich hohe Einschaltquoten. Es dauert nicht lange, da macht sie sich mit dem Filmteam auf, um ihn in Suriname zu finden.

Bewertung:

Für ein Kinderbuch ist „Der Urwald hat meinen Vater verschluckt“ (Übersetzung: Andrea Kluitman; niederländisches Original: „Het werkstuk of hoe ik verdween in de jungle“) ganz schön lang – das heißt, dass man die Leser/innen bei der Stange halten muss, damit sie auf den gut 400 Seiten nicht verlorengehen. Dass Simon van der Geests Geschichte erst in Holland, dann in Suriname spielt, ist schon mal eine gute Voraussetzung dafür. Für Abwechslung ist gesorgt.

Eva ist eine gute Hauptfigur für ein Kinderbuch: Sie ist neugierig, sie will viel wissen; wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, hält sie daran fest und lässt sich nicht davon abbringen. Für die Geschichte, den nie kennengelernten Vater zu treffen, ist das auch wichtig. Denn ihre Mutter will absolut nichts über ihren früheren Freund preisgeben, und wäre Eva nicht so hartnäckig, wäre das einfach unter den Tisch gekehrt worden. So beißt sich Eva daran fest, und weil sie nicht lockerlässt, schafft sie es sogar nach Suriname, um dort ihren Vater zu suchen. Man schließt Eva als Leser/in jedenfalls schnell ins Herz und fiebert mit ihr mit. Und es gibt einiges, woran sie am Verzweifeln ist.

Der Kinderroman ist letztendlich zweigeteilt: Die erste Hälfte trägt sich in Holland zu, die zweite in Suriname, und das ist meiner Meinung nach der völlig anderen Welt und Kultur wegen auch der interessantere Teil des Buchs. Was vor der Reise nach Suriname in Holland passiert, habe ich an einigen Stellen auch als ein bisschen nervig erlebt – zwischendrin habe ich fast die Geduld für die Geschichte verloren, weil das Filmteam und Evas Mutter, die bekannte Sängerin, so überdreht rüberkommen. Das sind für mich jedenfalls die fragwürdigsten Momente in dem Buch: einerseits die Konstruktion mit der in Holland allseits bekannten Mutter, die in der Öffentlichkeit steht, andererseits die Idee mit dem Filmteam. Eins davon hätte vielleicht gereicht.

Sobald man als Leser/in jedoch mit Eva in Suriname ankommt, ist das meiste davon vergessen: Es tut sich einem eine andere Welt auf. Evas lernt ihre bis dahin nicht bekannte Tante kennen, reist später auf eigene Faust in den Dschungel des Binnenlandes und ist plötzlich auf sich allein gestellt, findet aber Unterstützung bei einem einheimischen Jungen. Die verzweifelte Suche nach ihrem Vater mit so vielen Hindernissen – das alles steht für Abenteuer, die von vielen zweiflerischen und verzweifelten Gedanken Evas begleitet werden. Man leidet mit Eva, die tapfer bleibt, mit.

„Der Urwald hat meinen Vater verschluckt“ wäre kein Kinderbuch, wenn es nicht zumindest in Teilbereichen so was wie ein Happy End geben würde. Da hält sich der Kinderroman durchaus an die Gepflogenheiten – dass all das jedoch sehr differenziert dargestellt wird, zeichnet die Geschichte, die Simon van der Geest erzählt, aus. Und gerade am Ende gibt es einige wohltuende Überraschungen.

Fazit:

4 von 5 Punkten. „Der Urwald hat meinen Vater verschluckt“ ist eine größtenteils kurzweilige Geschichte, deren Trumpf es ist, dass ihre zweite Hälfte in einem Land spielt, das man zumindest in Deutschland so gut wie gar nicht kennt. (Das mag in Holland ein bisschen anders sein, weil Suriname bis 1975 eine Kolonialland der Niederlande war; Suriname, das nördlich von Brasilien in Südamerika liegt, ist übrigens fast halb so groß wie Deutschland, hat aber nur knapp 600.000 Einwohner.) Die Geschichte von Evas Suche nach ihrem verschollenen Vater ist abwechslungsreich geschrieben, denn sie enthält Ausschnitte aus schulischen Projektarbeiten, zwischendrin E-Mails zwischen Eva und ihrem besten Freund Luuk – das hat Simon van der Geest alles gekonnt und abwechslungsreich inszeniert.

Das Buch lebt jedoch vor allem durch Eva: Das Mädchen ist wie geschaffen für eine Hauptfigur, weil sie so sympathisch ist. Eva kann sich freuen, sie kann verzweifeln, sie will den Dingen auf den Grund gehen, sie schreckt nicht davor zurück, selbst Erwachsene gegeneinander auszuspielen. Kurz: Sie ist eine herzerfrischende Erzählerin und hält die Geschichte am Laufen. Dass sie nebenbei noch über Eltern und Erwachsene philosophiert, dass sie das, was sie erlebt, unverblümt anspricht und reflektiert, macht das Buch aus. Schade nur, dass der Roman in der Mitte durch die Überdrehtheit seine Wahrhaftigkeit ein wenig verliert. Das ist aber auch der einzige Makel an dem ansonsten erfrischend erzählten Buch.

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(Ulf Cronenberg, 01.03.2022)

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