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Buchbesprechung: Kirsten Miller „Hörst du, wie der Himmel singt?“

Cover: Kirsten Miller „Hörst du, wie der Himmel singt?“Lesealter 15+(Baobab-Verlag 2021, 279 Seiten)

Der Baobab-Verlag bringt wenige Bücher pro Jahr heraus, und nicht immer sind Jugendromane dabei. Wenn sich unter den Neuerscheinungen jedoch ein Jugendbuch befindet, schaue ich es mir gerne an – denn zum Programm von Baobab gehört es, ursprüngliche Literatur aus anderen Ländern, die es nicht in andere Verlagsprogramme schafft, herauszugeben. Kisten Millers Roman spielt in Südafrika, wo die Autorin auch lebt; und es geht um zwei Jugendliche, die plötzlich auf sich allein gestellt sind und sich durchkämpfen müssen.

Inhalt:

Der bald volljährige Ash hat nach dem Tod seiner Mutter die Verantwortung für seinen 8 Jahre jüngeren Bruder Zuko. Viel haben die beiden mitgemacht. Erst ist ihre Schwester Honey gestorben, dann hat ihre Mutter zu husten angefangen, und es wurde immer schlimmer, bis sie tot im Bett lag. Schon vier Jahre zuvor hatte sie der Freund ihrer Mutter, der allerdings immer nur in den Sommermonaten da war und der wahrscheinlich auch ihr Vater ist, die Familie verlassen.

Von ihrer Mutter hat Ash einen Zettel bekommen, auf dem die Adresse ihres vermeintlichen Vaters, der in einer weit entfernten großen Stadt lebt, steht. Dorthin brechen die beiden mit kaum Geld auf – zu Fuß, denn Busfahrten können sie sich nicht leisten. Auf dem weiten Weg passiert viel; immer wieder leiden sie Hunger und Durst, sie machen gute und schlechte Erfahrungen mit den Menschen, die ihnen begegnen. Nur langsam kommen die beiden voran und nähern sich der Stadt.

Zuko wird dabei immer besonders kritisch von den Menschen beäugt, denn der Junge spricht nicht und verhält sich seltsam. Für Ash ist das einerseits normal, andererseits stellt es auch eine große Belastung für ihn dar. Was in Zuko vorgeht, ob er mit etwas einverstanden ist oder sich plötzlich weigert, etwas mitzumachen, weiß man vorher nie.

Bewertung:

Mit „Hörst du, wie der Himmel singt?“ (Übersetzung: Barbara Brennwald; englischer Originaltitel: „The Hum of the Sun“) hält man eindeutig ein herausforderndes Buch in den Händen. Kirsten Miller erzählt eine sehr eigenwillige Geschichte, die Durchhaltevermögen erfordert. Bei mir hat es über 50 Seiten gedauert, bis ich in das Buch etwas abtauchen konnte; denn erst als Ash und Zuko einige Zeit auf dem Weg in die Stadt sind, stellt sich ein kleines Abenteuerflair ein und man begreift den Ernst ihrer Lage.

Erzählt wird der Roman in drei Teilen, die in recht unterschiedlich lange Kapitel eingeteilt sind: von einer Seite bis einiges über zehn Seiten. Gewöhnungsbedürftig ist außerdem, wie die personale Erzählperspektive zwischen Ash und Zuko hin- und herspringt. Größtenteils folgt man Ash, zwischendrin findet man aber auch leicht sperrige Beschreibungen des Innenlebens und Erlebens von Zuko. Manchmal wechselt sogar innerhalb eines Kapitels die Erzählperspektive. Das ist eher ungewöhnlich.

Auch wenn der Begriff erst recht spät im Buch auftaucht: Wer sich damit etwas auskennt, ahnt schon bald, dass Zuko ein autistischer Junge ist. Er kann kaum mit anderen kommunizieren, er hält an Ritualen fest, versteht Anweisungen und Aufforderungen oft schlecht und stellt sich nicht gerne auf neue Umstände ein. Kein Wunder also, dass die Reise mit seinem Bruder für Ash anstrengend ist; aber es ist rührend, wie er sich mit dem Bruder arrangieren lernt, wie er sich um ihn kümmert und dabei selbst oft zurücksteckt.

Was die beiden auf dem Fußweg in die Stadt mitmachen, lässt einen nicht kalt. Ständig leiden sie Hunger und haben Durst; sie werden bestohlen, sie werden verscheucht; und sie werden oft für nicht ganz voll genommen und für verrückt erklärt. Ab und zu begegnen ihnen allerdings auch Menschen, die sie unterstützen, ihnen etwas zu essen geben oder ihnen zu helfen versuchen. In der Mitte des Romans treffen sie auf eine ganz besondere Figur: Ela, eine junge Frau, die auf einer Farm lebt und sie für einige Zeit aufnimmt.

So bezaubernd dieser Teil der Geschichte ist, weil Ela eine Person ist, die Ash und Zuko aufrichtet und sie annimmt, wie sie sind – an einer Stelle wird es hier zu klischeehaft. Was sich zwischen Ela und Ash entwickelt ist eine Liebesgeschichte, die unglaubwürdig dargestellt wird – mehr will ich hier aber gar nicht ausführen … Immerhin steht am Ende dieser Episode nicht ein unpassendes Happy End – im Gegenteil, dieser positive Teil von Ashs und Zukos Reise endet abrupt und tragisch.

Aber noch mal zurück zu den Schilderungen von Zukos Erleben: Was Kirsten Miller hier versucht, ist, sich in einen frühkindlichen Autisten hineinzuversetzen und sein Erleben darzustellen – die Autorin arbeitet mit einer assoziativen Sprache und mit vielen sprachlichen Bildern. Vieles wird hier sehr poetisch beschrieben; man könnte meinen, man liest in Träumen. Dass Kirsten Miller sich mit dem Thema auskennt, erfährt man in den Ausführungen über die Autorin am Ende des Buchs: Sie leitet in Durban ein Zentrum zur Frühförderung von Kinder mit Autismus. Dass die Darstellung von Zukos Innenleben eine Annäherung bleibt, ist klar; aber die Ausführungen haben ihren Reiz, sofern man sich darauf einlassen kann.

Ja, sich darauf einlassen können: Das ist meiner Meinung nach nicht so ganz einfach bei dem Buch. So heftig manche Erlebnisse von Ash und Zuko sind, sie sind nie auf Spannung hin erzählt, sondern wollen realistisch-wahrhaftig bleiben. Man muss also jenseits der Spannung eine andere Motivation mitbringen, um dieses Buch lesen zu wollen. Und das dürfte nicht jedem Leser / jeder Leserin leichtfallen.

Fazit:

4 von 5 Punkten. Ich habe für „Hörst du, wie der Himmel singt?“ recht lange gebraucht – aus unterschiedlichen Gründen. Es lag nicht nur an fehlender Lesezeit, sondern auch daran, dass ich nie so richtig in die Geschichte eintauchen konnte. Kirsten Millers Roman ist trotzdem ein gelungener Roman, denn er ist zum einen ein Buch, in dem man einiges über das Leben in Südafrika erfährt (z. B. wie unterschiedlich die Lebenssituation verschiedener Menschen ist). Zum anderen bringt es Leser/inne/n das Thema Autismus näher.

Auch wenn es in dem Buch an knisternder Spannung fehlt, man fiebert trotzdem mit Ash und Zuko mit. Was sie erleben, ist nicht voraussehbar – das gilt auch für den dritten Teil des Buchs, den Höhepunkt des Romans, als sie in der Stadt ankommen und ihren vermeintlichen Vater treffen. „Hörst du, wie der Himmel singt?“ ist ein ungewöhnliches Buch, das abseits des Mainstreams anzusiedeln ist, und von daher wohl nicht so ganz leicht zugänglich ist, wie sich das viele Jugendliche wahrscheinlich wünschen würden. Aber es ist gut, dass es solche Bücher gibt.

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(Ulf Cronenberg, 05.01.2022)

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