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Buchbesprechung: Kevin Brooks „Bad Castro“

Cover: Kevin Brooks „Bad Castro“Lesealter 15+(dtv-Verlag 2021, 203 Seiten)

Den Takt, mit dem Kevin Brooks früher Jugendromane veröffentlicht hat, hat er die letzten Jahre nicht mehr gehalten. Aus dem jährlichen Rhythmus sind inzwischen eher zwei bis drei Jahre geworden – „Deathland Dogs“, das letzte Jugendbuch, ist im Frühjahr 2019 erschienen. Allerdings hat meine früher sehr große Begeisterung angesichts der Romane in den letzten Jahren auch etwas gelitten. Für meinen Geschmack waren die Jahre um 2010 die mit den besten Büchern von Kevin Brooks. Trotzdem ist ein neuer Kevin Brooks – in diesem Fall mit dem ungewöhnlichen Titel „Bad Castro“ – für mich Pflicht.

Inhalt:

Unruhen und Bandenkriege in London – Autos und Häuser brennen, Läden werden geplündert, auf den Straßen ist man nicht sicher. Nicht mal in einem Polizeiauto. Judy, eine junge Polizistin, sitzt mit zwei älteren Kollegen in einem Polizeiwagen; mit an Bord ist außerdem Bad Castro, ein jugendlichen Bandenanführer, der berüchtigt ist. Angeblich hat er Vidious, den Anführer der Cane Town Kills, meist kurz nur CTK genannt, umgebracht, um selbst die Macht zu übernehmen. Durch einen verdeckten Hinweis konnte Castro gefangengenommen werden.

Doch plötzlich wird der Polizeiwagen von einem anderen Auto gerammt. Judy bekommt kaum mit, was passiert, weil sie am Kopf verletzt wird. Als sie wieder bei Bewusstsein ist, erklärt ihr Castro, was geschehen ist: Nur sie beide sind noch am Leben, die beiden Kollegen von Judy, die vorne saßen, wurden erschossen. Castro und Judy gelingt es, aus dem Auto zu kommen, obwohl um sie herum einiges los ist und sie weiterhin in Gefahr sind. Schließlich können sie sich in einen geschlossenen Kiosk retten und dort verbarrikadieren.

Die Situation ist bizarr: Judy, die junge Polizistin, versteckt sich mit Castro, dem gesuchten Verbrecher, dem mehrere Morde zur Last gelegt werden. Und was Judy nicht versteht ist, warum Castro sie nicht einfach zurücklässt oder gar tötet, um zu entkommen. Doch klar denken kann sie gerade angesichts ihrer Verletzung, der Bedrohung und der schwierigen Lage sowieso nicht. Castro jedenfalls meint, dass die CTK hinter ihnen her sei, was Judy wiederum nicht so ganz nachvollziehen kann …

Bewertung:

Das Lesen von „Bad Castro“ (Übersetzung: Uwe-Michael Gutzschhahn; englischer Originaltitel: „Bad Castro“) war ein bisschen wie Nach-Hause-kommen … Mit den letzten Jugendbüchern von Kevin Brooks war ich nicht so richtig warm geworden. „Deathland Dogs“ zum Beispiel hatte eine interessante Grundidee, fand ich aber an einigen Stellen fragwürdig, weil die Action mit Rettungsszenen und anderen brenzligen Situationen einfach unglaubwürdig dargestellt wurde. Und der Vorvorgänger „Born Scared“ erzählte eine fahrige Geschichte, die viele Fragezeichen hinterlassen hat.

Da ist „Bad Castro“ ganz anders: ein packender Thriller, der keine Umwege macht, der sich aufs Notwendigste beschränkt. Das geht schon mit den Figuren los. Letztendlich bestimmen nur Judy und Castro das Geschehen, die anderen Figuren sind Beiwerk, fast durchgehend Gegner, die eine Bedrohung darstellen, aber im Großen und Ganzen unbekannt bleiben, oft keine Namen haben.

In Judy und Castro treffen zwei Welten aufeinander: Judy als Polizistin mit hehren Zielen der Gerechtigkeit, Castro der skrupellose Gangster, der auch Menschen tötet, wenn es sein muss. Dass sich die moralische Grenze zwischen den beiden zunehmend auflöst, gehört zum Plot des Buchs. Castro ist eben doch anders als das in Gerüchten verbreitete Klischee von ihm; und Judy beginnt auch manches in Frage zu stellen und sich einzugestehen, dass in der Polizei Korruption verbreitet ist.

Meist lese ich ja, bevor ich mit Büchern beginne, weder den Klappentext noch irgendwelche Buchbesprechungen. Bei „Bad Castro“ führte das zu einer besonderen Überraschung, die leider den Leser/inne/n dieser Rezension verwehrt bleiben wird. Bis zur Seite 48, als erstmals der Name Judy auftaucht, dachte ich, dass die Hauptfigur und der Ich-Erzähler ein junger Polizist ist (tja, Klischees sind auch in meinem Kopf). Ich gehe mal davon aus, dass das von Kevin Brooks mit Absicht so gemacht wurde. Eine Idee, die mir gefällt.

Wer Bücher von Kevin Brooks kennt, weiß, dass man nicht um grausame bis brutale Szenen herumkommt. Das ist in „Bad Castro“ nicht anders. Judy und Castro überleben nur, weil sie sich auch gegen Angreifer wehren, und das heißt auch, dass es Tote gibt. Von einem Beobachtungsposten aus sehen sie auch zu, wie im Bandenkrieg brutal jemand umgebracht wird. Zimperlich ist Kevin Brooks da nicht – doch weiden kann man sich daran nicht: Das sind Szenen, die man als Leser/in eher in Kauf nimmt, als dass man sie gerne liest. Das ist wie bei den Filmen von Quentin Tarantino.

Die Spannung im Buch lebt nicht nur von den immer wieder auftauchenden brenzligen Situation, in die Judy und Castro geraten, sondern auch davon, dass sich im Laufe der Geschichte zwischen Judy und Castro eine Verbindung aufbaut. Von Judy, der Ich-Erzählerin, wird sie nur hier und da angedeutet; lange bleibt sie geheimnisvoll. Auch Judy versteht nicht, was da abläuft – und kurz vor dem Ende gibt es für diese Verbindung eine Erklärung, die man dann doch nicht erwartet. Damit wird dann auch das Finale eingeläutet, und das kann man durchaus als filmreich und gelungen bezeichnen.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Ich habe lange darauf gewartet, dass sich Kevin Brooks wieder auf seine Stärken besinnt. Mit „Bad Castro“ ist ihm das endlich gelungen. Der Jugendroman ist ein packender Thriller, den man nicht aus der Hand legen will, die Geschichte ist raffiniert aufgebaut, lüftet in ihrem Verlauf unerwartete Geheimnisse; und sie beschreibt gekonnt die Dynamik zwischen zwei unterschiedlichen Charakteren, die unter der Oberfläche viele Gemeinsamkeiten haben, aber sich in unterschiedlichen Lebenswelten und damit moralischen Räumen eingerichtet haben.

„Bad Castro“ ist wie alle Romane von Kevin Brooks kein Buch für zartbesaitete Leser/innen – man muss damit leben können, dass es Gewalt gibt, dass Menschen getötet werden. Doch solche Szenen sind nie Selbstzweck, sie sind harte Bewährungsmomente für die Hauptfiguren. Klar, einiges im Buch ist übertrieben, manches mag Realitätsüberprüfungen nicht standhalten (Kevin Brooks‘ Figuren überleben immer zu viele aussichtslose Situationen). Aber darum geht es ja auch nicht. „Bad Castro“ zeigt zwei Menschen in einer Extremsituation und wirft die Frage auf, wofür man eigentlich lebt. Judy und Castro geben da unterschiedliche Antworten, zumindest anfangs. Später nähern sie sich an. Spannend ist „Bad Castro“ somit jedenfalls auf mehreren Ebenen …

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(Ulf Cronenberg, 17.10.2021)

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