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Buchbesprechung: Elisabeth Steinkellner „Esther und Salomon“

Cover: Elisabeth Steinkellner „Esther und Salomon“Lesealter 14+(Tyrolia-Verlag 2021, 334 Seiten)

Elisabeth Steinkellner hat in den letzten Jahren einige ganz besondere Jugendbücher geschrieben – besonders beeindruckend fand ich „Papierklavier“, bei dem ich nach wie vor sehr gespannt bin, ob es am Ende als eines der sechs für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominierten Jugendbüchern das Rennen macht. Die Nominierung hat es in jedem Fall verdient. Mit ihrem neuen Buch setzt die Österreicherin fort, was sie in Papierklavier begonnen hat: weg vom Epischen hin zum sprachbewussten Schreiben; denn „Esther und Salomon“ ist ein Versroman.

Inhalt:

Im Urlaub am Meer treffen sie quasi aus Versehen aufeinander, weil sie beide jüngere Schwestern haben: Esther und Salomon, beide 14 Jahre alt. Esther kümmert sich viel um ihre Schwester Flippa, denn die Eltern haben gerade anderes zu tun: Der Haussegen hängt schief, sie streiten sich viel. Salomon ist dagegen viel mit seiner Schwester Aisha unterwegs, weil seine Mutter im Ferienort arbeitet.

Zwischen Esther und Salomon knistert es; nach anfangs heimlichen Blicken kommen sie sich langsam näher und treffen sich nicht mehr nur zufällig. Esther stiehlt sich, wenn alle schlafen, aus der Ferienwohnung und verbringt nachts mehrere Stunden mit Salomon am Meer. Doch irgendwann wacht Flippa nachts auf, ist panisch, weil ihre Schwester weg ist, und als Esther zurückkommt, gibt es ein großes Donnerwetter. Die Mutter überlegt sogar, ob sie nach Hause fahren sollen.

Doch die gemeinsame Zeit von Esther und Salomon ist sowieso bald zu Ende, denn das Urlaubsende naht, und beide wohnen sehr weit auseinander in verschiedenen Städten. Mit unbeholfenen Sehnsuchtsbriefen halten sie aber weiterhin sporadisch Kontakt – allerdings ohne zu wissen, ob ihr Verliebtsein das lange Nichtsehen überstehen wird.

Bewertung:

Ich konnte Versromanen schon immer was abgewinnen, und so ist es auch bei „Esther und Salomon“. Die ersten Seiten haben mich sofort in den Bann gezogen, weil sie sehr eindrücklich geschrieben sind und man sich sofort in Esther und ihre Situation hineinversetzen kann. Gute erste Sätze von Romanen haben eine Magie, und der von Elisabeth Steinkellner hier ist ein Paradebeispiel dafür. So beginnt das Buch:

Nichts stimmt hier.

Und weiter geht es mit:

Papa und Mama
haben ein Zimmer mit Doppelbett,
aber Papa schläft auf der Couch daneben.
Flippa und ich
haben ein Zimmer mit zwei Einzelbetten,
aber keinen Fernseher.
Valerie ist meine beste Freundin,
aber sie hat sich seit meiner Abreise
nicht mehr gemeldet.
»Es ist langweilig hier«, sage ich.
aber Mama meint:
»Unternimmt doch was
mit deiner Schwester!«

Mit Flippa was unternehmen?

Sie ist FÜNF!

Das ist einfach ein genialer Einstieg, der die Familiensituation mit wenigen Zeilen umreißt. Und mit dieser Intensität wird die Geschichte auf den nächsten Seiten fortgesetzt.

Elisabeth Steinkellners Versroman ist grundsätzlich zweigeteilt: Die erste Hälfte wird aus der Sicht von Esther geschrieben – hier geht es hauptsächlich um den Urlaub, in dem sie Salomon kennenlernt. Die zweite Hälfte kommt Salomon zu Wort und behandelt die Zeit nach dem Urlaub; und beim Übergang zwischen diesen Teilen wartet ein unerwarteter Paukenschlag auf den Leser bzw. die Leserin. Vermittelt wird er über ein Polaroid-Foto – mehr will ich nicht vorwegnehmen. Aber was für eine kreativ-originelle Idee!

Polaroids mit Bildunterschriften – fotografiert von Elisabeth Steinkellner – erweitern Esthers Text immer wieder; das ist noch etwas, was das Buch zu etwas Besonderem macht. Salomons Text dagegen wird nicht durch Fotos, sondern durch Zeichnungen (er sitzt gerne auf einem Fensterbrett und malt) ergänzt. Die einfach gehaltenen Zeichnungen stammen von Michael Roher – von ihnen war ich nicht ganz so begeistert.

Durch den Paukenschlag in der Mitte des Buchs kommt außer den familiären Problemen und der Liebesgeschichte noch etwas anderes in das Buch: Es geht auch um ein Flüchtlingsdrama, das am Rande, aber sehr eindrücklich erzählt wird. Auch hier schafft die Spärlichkeit der Worte eine dichte Atmosphäre; und dass das Buch nicht eindimensional bleibt, tut ihm gut. Später kommt noch einmal durch einen anderen Vorfall Abwechslung in den Versroman – aber auch hier bleibe ich mal lieber kryptisch, um nicht zu viel zu verraten.

So vielschichtig und packend das Buch ist, gegen Ende ging es mir trotzdem so, dass ich den über weite Teile sehr getragenen Ton etwas kitschig fand. Er korrespondiert zwar einerseits mit der Liebesgeschichte, andererseits ist mir das zusammen mit dem glücklichen Ende doch einen Ticken zu viel des Guten. Dem Buch hätte ein doch leicht nüchternerer Schluss meiner Meinung nach gut getan.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. Dass Elisabeth Steinkellner derzeit immer wieder auf Besten- und Nominierungslisten auftaucht, ist mehr als verdient. Sie erzählt und schreibt nicht nur gut, sondern sie probiert vieles aus. „Esther und Salomon“ kann vielleicht nicht ganz mit „Papierklavier“ mithalten, aber es kommt dem Vorgängerbuch nahe: Man liest einen Versroman, sprachlich verdichtet, der eine ungewöhnliche Liebesgeschichte erzählt, die nach einer baldigen Annäherung auch tragische Momente hat; dass alles so intensiv beschrieben wird, ist der Trumpf des Buchs.

Dass der Schluss für meinen Geschmack ein bisschen zu rührselig daherkommt, mag vor allem ich als erwachsener Leser so empfinden … Das ändert jedoch nichts daran, dass „Esther und Salomon“ lesenswert ist. Mir hat darin vor allem die gut platzierte Flüchtlingsgeschichte gefallen, auch wenn sie hier und da nicht so 100-prozentig stimmig eingebaut wird und ein klein wenig schemenhaft bleibt.

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(Ulf Cronenberg, 21.09.2021)

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