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Buchbesprechung: Jason Reynolds „Asphalthelden“

Cover: Jason Reynolds „Asphalthelden“Lesealter 13+(dtv 2021, 187 Seiten)

Es ist beeindruckend, wie viele Bücher Jason Reynolds in den letzten Jahren geschrieben hat; einige davon habe auch gelesen: unter anderem die Reihe über das Läuferteam (z. B. Band 1 „Ghost“); und zuletzt „Long way down“, das für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert war. Trotz dieser Massenproduktion hatte ich bisher nie den Eindruck, dass die Bücher flache Massenware sind; nein, Jason Reynolds lässt sich immer wieder etwas Neues einfallen. Und das gilt auch für „Asphalthelden“, einem Buch, das zehn Kurzgeschichten über Kinder und Jugendliche beinhaltet, die nach dem Ende des Unterrichts nach Hause gehen.

„Eigentlich sollte diese Geschichte ja so anfangen wie alle supergenialen Geschichten: mit einem Schulbus, der vom Himmel fällt.“ (S. 7) So beginnt die erste Kurzgeschichte, und damit wird auch gleich das Leitmotiv, das in jeder Geschichte von „Asphalthelden“ auftaucht, eingeführt: der vom Himmel fallende Schulbus. Doch wovon die erste Kurzgeschichte handelt, ist etwas ganz anderes: Jasmine und ihr bester Freund TJ laufen von der Schule nach Hause, Jasmine beschwert sich liebevoll über TJs fetten Popel in der Nase. Und auch wenn sie kurz über metaphysische Themen schwadronieren, dann Begebenheiten aus der Schule Revue passieren lassen, es irgendwann über die Trennung von Jasmines Eltern geht: Immer wieder landen sie bei TJs verstopfter Nase und dessen Popeln … „Wasser, Popel, Bären“ ist – das suggeriert ja auch schon der Titel – eine ziemlich abstruse Geschichte; sie macht aber auch klar, dass Jason Reynolds keine gewöhnlichen Geschichten erzählt.

Oder nehmen wir ein andere Geschichte: die von der Superkurzhaar-Gang, bestehend aus John John, Francy, Trista und Bit. Die Superkurzhaargang versteht sich aufs Klauen, so lassen die vier keinen einzigen Penny zurück, wenn sie eine Kleingeldsammeldose auf einer Ladentheke entdecken. Aber was sie da machen, ist nicht Stehlen im großen Stil, sondern sie wollen mit dem Kleingeld, das sie klauen, etwas Gutes tun – was genau, das erfährt man erst kurz vor dem Ende der Geschichte. Wie die Gang entstanden ist, wird dagegen gleich am Anfang erklärt: Sie haben alle vier einen Elternteil, der Krebs hatte, und waren von der Beratungslehrerin der Schule in eine Gesprächsgruppe gesteckt worden, um über die schwere Zeit zu kommen. Und aus Solidarität zu ihren Eltern haben sie sich auch alle die Haare abrasieren lassen … Wie Jason Reynolds die Geschichte vorträgt, zeigt seine stilistische Brillanz. Da wird unter anderem angedeutet, dass die Familien wegen der Krebsbehandlungen in finanziellen Nöte geraten sind; wie die Fragen danach von den Eltern der Kinder abgetan werden, liest sich so (S. 27):

„Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen“, sagte John Johns Mutter. Brustkrebs.
„Wer hat dir das gesagt?“, fragte Francys Vater. Prostatakrebs.
„Ich … Wir wollen dich nicht anlügen“, erklärte Tristas Vater. Magenkrebs.
Es war alles wahr. Wahr. Wahr. Wahr.

Das ist lakonisch wie pointiert zugleich geschrieben – und unterstreicht, dass man in Kurzgeschichten Dinge einfach auf eine ganze besondere, verdichtete Art und Weise erzählen kann.

Der Ton, den Jason Reynolds in seinen Geschichten anschlägt, ist sehr vielfältig: Jede Geschichte ist anders, hat ihren eigenen Stil. Bei Fatima, die Angst vor dem Schulweg hat, findet sich eine Liste mit 50 Punkten, in denen beschrieben wird, wie das Mädchen auf dem Weg alles abcheckt, um sich sicher zu fühlen. Um Angst geht es auch in der vielleicht raffiniertesten Geschichte des Bands: „Der Besenhund“. Sie erzählt, wie Canton mit Hilfe des Schulhausmeisters ein Trauma verarbeitet, und das hat wiederum mit einem Schulbus zu tun. Vor seinen Augen wurde nämlich Cantons Mutter, die als Schullotsin arbeitet, angefahren und verletzt. Die Geschichte muss man einfach gelesen haben: wie am Anfang sprachgewandt (und genial übersetzt) über Schulbusse philosophiert wird, wie später der Hausmeister für Canton mit einem ungewöhnlichen Trick den Weg zurück aus der Angst aufzeigt …

Was ich an Jason Reynolds Büchern schon immer faszinierend fand, ist, dass die Figuren der Geschichten wohl fast alle Schwarze sein dürften, dass das aber nirgend erwähnt wird. Kein einziges Mal taucht – wenn ich nichts überlesen habe – ein entsprechender Vermerk in „Asphalthelden“ (Übersetzung: Anja Hansen-Schmidt; amerikanischer Originaltitel: „Look Both Ways. A Tale Told in Ten Blocks“) auf. Das ist raffiniert und kein blindes Ausblenden von Hautfarbenrassismus, sondern ist ein besondere Art und Weise dem in den USA (und sicher nicht nur da) noch immer verbreiteten Rassismus etwas entgegenzusetzen: weil es beispielhaft zeigt, dass es in einer Welt ohne Rassismus keine Rolle spielt, welche Herkunft oder Hautfarbe jemand hat.

Fazit:

5 von 5 Punkten. „Asphalthelden“ stellt einmal mehr unter Beweis, dass Jason Reynolds ein kreativer Schriftsteller ist, der viele Klaviaturen beherrscht. Die zehn Geschichten bezeugen, dass er sich in Kinder und Jugendliche einfühlen kann, dass er seinen Hauptfiguren mit stilistisch völlig unterschiedlichen Geschichten gerecht zu werden vermag, dass er die Vielfalt an Lebensschicksalen einzufangen weiß. Die Figuren im Buch, sie kämpfen sich durchs Leben, es geht ihnen nicht gut, sie halten aber auch zueinander und finden Wege, wie sie gestärkt weitergehen können.

Jason Reynolds‘ Short Stories sind nicht gerade einfach zu lesen, und das ist vielleicht das einzige Manko, wenn man den Geschichtenband als Jugendbuch betrachtet: Die Erzählungen dürften für jugendliche Leser/innen nicht alle gut zugänglich sein. Wie dtv darauf kommt, dass man das Buch 11-Jährigen in die Hand geben kann? Keine Ahnung … Ja, als Einzelportion begleitet im Unterricht gelesen, mag eine Geschichte bei 11-Jährigen durchaus funktionieren – aber das ganze Buch? Nein, „Asphalthelden“ ist etwas für ältere Leser/innen, vielleicht vor allem auch für Erwachsene, die Spaß an Kurzgeschichten haben … Diese Bedenken ändern jedoch nichts daran, dass ich von „Asphalthelden“ einfach nur begeistert bin.

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(Ulf Cronenberg, 21.07.2021)

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