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Buchbesprechung: Lauren Wolk „Echo Mountain“

Cover: Lauren Wolk „Echo Mountain“Lesealter 11+(Hanser-Verlag 2021, 379 Seiten)

Das Jahr, in dem ich lügen lernte“ war der erste auf Deutsch erschienene Jugendroman von Lauren Wolk – ein gelungenes Debüt. Ihr nächstes Buch „Eine Insel zwischen Himmel und Meer“ habe ich dann leider nicht gelesen, obwohl es in Rezensionen durchaus gewürdigt wurde. Bei „Echo Mountain“, dem neuesten Buch der Amerikanerin, wollte ich dann aber doch wissen, wie die Autorin sich weiterentwickelt. Ein etwas altmodisch wirkendes Cover ziert das Buch, nicht unbedingt mein Geschmack, aber vielleicht passt es ja zur erzählten Geschichte …

Inhalt:

Die große Wirtschaftskrise in den USA, die 1929 begann und viele Jahre dauerte, führt dazu, dass amerikanische Familien mit Geldnöten zwangsweise von der Stadt in die Natur ziehen. So ist das auch bei der 12-jährigen Ellie und ihrer Familie, zu der neben Ellie deren ältere Schwester Esther und der jüngere Bruder Samuel gehören. Weil der Vater als Schneider nicht mehr genug Kundschaft hat, die Mutter ihren Job als Lehrerin verliert, bauen sie am Echo Mountain nicht nur eine Hütte, sondern sie bauen sich dort ein neues Leben auf. Auch wenn sie über die Runden kommen, so sind sie doch immer von Hunger und Not bedroht. Dennoch mag Ellie wie ihr Vater das Leben in der Natur, während ihre Schwester und die Mutter damit eher schlecht zurechtkommen.

Ein schwerer Unfall beim Fällen eines Baums, der den Vater am Kopf verletzt, stellt das Leben der Familie auf den Kopf. Der Vater ist bewusstlos und fällt in ein langes Koma. Für Ellies Familie wird das Leben noch beschwerlicher. Immer muss jemand beim Vater bleiben, falls er aufwachen sollte – doch es vergehen Monate und es tut sich nichts. Ein Lichtblick für Ellie ist ein Wurf ihrer Hündin; die Mutter verspricht Ellie einen der Welpen. Außerdem freut sich Ellie darüber, dass sie geheimnisvolle Schnitzfiguren in der Nähe ihres Hauses findet. Wer sie angefertigt hat, bleibt lange ein Rätsel.

Noch etwas passiert: Ein verwahrlost wirkender Hund, der fast wie ein Wolf aussieht, führt Ellie zu der Hütte einer alten Frau, die von vielen nur „die Hexe“ genannt wird. Cate, wie die Frau heißt, liegt mit einer Wunde am Bein stark verletzt in ihrem Bett, und auch wenn Ellie Cate unheimlich findet, so hilft sie ihr. Ellie entdeckt, dass sie ein Gespür dafür hat, wie man Menschen heilen kann, und sie beginnt zu hoffnen, dass sie es auch schaffen kann, ihren Vater aus dem Koma zu holen.

Bewertung:

Man stelle sich vor: Im Jahr 2110 schreibt eine Autorin eine Buch, das im Jahr 2020 spielt und die Corona-Pandemie als geschichtlichen Hintergrund hat – für mich stellt sich da immer die Frage, wie nah man der Wirklichkeit der Menschen von längst vergangenen Zeiten kommen kann … Lauren Wolk hat ein Buch geschrieben, dessen Geschichte sich im Jahr 1934 zuträgt, als die Große Depression, wohl die größte Wirtschaftskrise, die die USA je erlebt hat, in vollem Gange war. Dass Menschen sich das Leben in einer Stadt nicht mehr leisten konnten, ist historisch belegt, ich kann mir auch vorstellen, dass Familien, wie das bei Ellies Familie im Buch beschrieben wird, in ihrer Not in Häuser in der Natur gezogen sind. Inwiefern das Buch auch das Denken der Menschen damals abbildet, kann ich dagegen nicht beurteilen.

„Echo Mountain“ (Übersetzung: Birgitt Kollmann; amerikanischer Originaltitel: „Echo Mountain“) ist wie schon der Debütroman von Lauren Wolk ein eher traditionell erzählter Roman, in dem Ellie als Ich-Erzählerin fungiert. Das quirlige 12-jährige Mädchen als Hauptfigur ist das, was dem Buch Leben einhaucht. Ellie ist keine normale 12-Jährige, sondern sie erlebt Gefühle intensiv, sie kann sich in alles Lebende hineinversetzen: von Pflanzen über kleine Tiere wie Bienen bis hin zu Hunden. Bei Menschen dagegen tut sie sich interessanterweise schwer – das Verhalten ihrer Mutter oder ihrer großen Schwester Esther versteht sie zum Beispiel oft nicht …

Neben Ellie gibt es viele weitere interessante Figuren in dem Roman: Ellies Mutter und die große Schwester sind eher sperrige Menschen, die mit ihrem Schicksal, in einem selbst gebauten Holzhaus leben zu müssen, hadern; der kleine Bruder Samuel ist aufgeweckt und damit eine erfrischende Figur. Außerhalb von Ellies Familie sind es vor allem Larkin, der Junge, der die Schnitzfiguren anfertigt, und Cate, die auffallen. Beide Figuren umweht einiges Geheimnisvolle – dass die beiden enger als vermutet zusammengehören, erfährt man erst später in der Geschichte.

Aber noch mal zurück zu Ellie: Ich mochte in Büchern schon immer Figuren, die einen Hauch an Übersinnlichkeit mitbringen (und ich muss da sofort auch an die früheren Büchern von Kevin Brooks wie „The Road of the Dead“ denken – auch wenn das natürlich ansonsten ganz andere Bücher als „Echo Mountain“ sind). Ellie ahnt viele Dinge, sie versteht es, sich in Tiere und Pflanzen hineinzuversetzen, sich quasi mit ihnen zu verbinden. Und daraus entsteht ein tiefe Weltsicht, die nicht nur eine besondere Begabung, sondern oft auch eine Bürde ist. Der Geschichte gibt das eine Tiefe und Ernsthaftigkeit, die ihr gut steht.

Allerdings dürfte das nicht jedermanns Sache sein; überhaupt ist „Echo Mountains“ ein Roman, an den vor allem Mädchen, aber kaum Jungen anknüpfen können, was nicht nur an der Hauptfigur liegt, sondern auch an dem, was und wie Ellies Erleben dargestellt wird.

Der Roman erzählt, dass eine Familie einer doppelten Krise ausgesetzt wird: zum einen durch den Verlust ihres bisherigen Lebens in der Stadt, zum anderen durch den schweren Unfall des Vaters. Dass Ellie dadurch ihre Kräfte und Fähigkeiten entdeckt, dass sie nicht daran verzweifelt, sondern sich bewährt und viel Neues über sich und das Leben erfährt, zeigt, dass Menschen in Krisen wachsen können. Der Untertitel des Buchs – „Ellie geht ihren eigenen Weg“ – fasst das einerseits gut zusammen, andererseits finde ich ihn unnötig: viel zu plakativ und irgendwie hausbacken.

Fazit:

4 von 5 Punkten. „Echo Mountains“ ist ein traditionell, ja, fast altmodisch erzähltes Buch, was allerdings auch gut zu der Geschichte passt, die im Jahr 1934 spielt. Was man dem Buch zugutehalten muss, ist, dass sie tief empfunden erzählt wird. Wie Lauren Wolk in ihre Figuren hineinschaut, ihre Regungen und Gefühle beschreibt, ist beeindruckend – allerdings muss man das mögen. Wie sehr der historische Roman die Weltsicht und das Empfinden der Menschen damals wiedergibt, das frage ich mich schon. Ich habe meine Zweifel, dass da alles authentisch ist.

Ellie als Erzählerin ist eine Figur, an der sich die Geister scheitern dürften. Ihre Mischung aus naiver Kindlichkeit und Reife wirkt manchmal leicht gekünstelt, sie hat aber zugleich etwas Faszinierendes. „Echo Mountains“ ist ein Buch über eine Familie in einer großen Krise, es zeigt, wie unterschiedlich gut verschiedene Menschen damit zurechtkommen. Dass am Ende so was wie ein Happy End steht, ist für ein Kinderbuch folgerichtig, aber leider nicht so, wie die Wirklichkeit meist funktioniert. „Echo Mountain“ ist ein eigensinniges, ein interessantes, ein sperriges und nicht stromlinienförmiges Buch – ein bisschen aus der Zeit gefallen, und damit etwas Besonderes.

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(Ulf Cronenberg, 01.07.2020)

Kommentar (1)

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