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Buchbesprechung: Michael Gerard Bauer „Dinge, die so nicht bleiben können“

Cover: Michael Gerard Bauer „Dinge, die so nicht bleiben können“Lesealter 14+(Hanser-Verlag 2021, 222 Seiten)

2007 und 2008 habe ich Bücher von Michael Gerard Bauer gelesen – seitdem nicht mehr. Ganz schön lange her … „Nennt mich nicht Ismael!“, nach „Running man“ das zweite Jugendbuch des australischen Autors, ist inzwischen in den Kanon beliebter Deutschlektüren aufgestiegen. Und noch jetzt, 13 Jahre später, muss ich an die gelungene Szene darin denken, wie eine Lehrerin einen Mobbing-Täter bloßstellt. Michael Gerard Bauers neuer Roman hat ebenfalls ein grandioses Kapitel, wie zu sehen sein wird – allerdings weniger heiter …

Inhalt:

Sebastian besucht mit seinem Freund Tolly den Tag der offenen Tür an einer Landesuniversität, die er nach Abschluss seines letzten Schuljahrs dann besuchen will, um Stadtplanung zu studieren. In einer der Probe-Vorlesungen sitzt ein Mädchen neben ihm, das ihm extrem gut gefällt. Als das Mädchen ihn, den schüchternen Jungen, auch noch anspricht, schwebt er fast im siebten Himmel. Sie leiht sich von ihm einen Stift. Und irgendwie ergibt sich, dass sie über das Kino auf dem Campus sprechen, das sie beide noch besuchen wollen. Doch richtig verabreden tun sie sich nicht.

Sebastian wartet dann später allerdings trotzdem im Kino und hofft inständig, dass das Mädchen auftaucht – die Enttäuschung ist groß, als kurz nach ihrer Ankunft leider auch ihr Freund in Erscheinung tritt. Aus dieser bizarren und peinlichen Situation rettet ihn ein anderes Mädchen, das alles mitbekommen hat: Frida, die mit ihm dann auch in einen Film geht. Frida ist eine begnadete Geschichtenerzählerin, und wegen ihres Talents kommt Sebastian auch unbeschadet aus der Situation: Frida erfindet ganz nebenbei vor dem Mädchen und ihrem Freund, dass Sebastian und sie sich schon im Sandkasten kennengelernt hätten.

Den Rest des Tages verbringt Sebastian an der Seite von Frida. Sie ist unterhaltsam, allerdings merkt er zunehmend, dass manches an dem, was sie von sich erzählt, nicht so ganz stimmen kann. Doch auch Sebastian verrät nicht alles aus seinem Leben – Frida kommt erst nach und nach darauf, dass Sebastian etwas Schmerzliches erlebt hat, das er zu verbergen versucht. Wie sie selbst auch.

Bewertung:

Michael Gerard Bauer erzählt in „Dinge, die so nicht bleiben können“ (Übersetzung: Ute Mihr; englischer Originaltitel: „The Things That Will Not Stand“) eine durchweg kurzweilige Geschichte – es gab jedoch eine Stelle im Buch, da hat mich der Roman so richtig für sich eingenommen und vollends gepackt. Bis dahin hat man das Buch schon zu fast zwei Dritteln gelesen – doch als dann das Kapitel „Der Bruder“ (S. 142 ff) kam, erlangte der Roman ein Ernsthaftigkeit und Tragik, an der man nicht mehr vorbeikommt. Sehr eindrücklich erzählt Sebastian, was er und seine Familie Schlimmes mitgemacht haben.

Das Buch handelt von Sebastian und Frida, die sich durch Zufall kennenlernen, die zusammen mehrere Stunden verbringen und einiges voneinander erfahren – allerdings die tragischen und schwierigen Dinge in ihrem Leben vor dem anderen lange versteckt halten. Frida als geborene Geschichtenerzählerin kann sich aus dem Stegreif eine Vergangenheit erfinden, als wäre sie so passiert – und davon macht sie auch reichlich Gebrauch. Sebastian kapiert erst recht spät (Leser/innen geht es nicht anders), dass auch von den ernsthaft erzählten Dingen aus Fridas Leben vieles nicht stimmt, ist dementsprechend sauer und fühlt sich verschaukelt.

Damit ist das eigentliche Thema des Romans auf dem Tisch: Sebastian und Frida haben in ihrem Leben beides Schlimmes mitgemacht – Sebastian in den letzten Jahren, Frida über eine längere Zeit; beide leiden noch heute darunter, haben zu kämpfen, breiten aber einen Mantel des Schweigens über diese Dinge. Wie sie sich dann doch gegenseitig irgendwann öffnen, stellt das Buch sehr einfühlsam dar. Es ist ein langer und komplizierter Weg bis dahin, denn in dem Versteckspiel verletzen Frida und Sebastian sich gegenseitig mehrmals. Am Ende schaffen sie es trotzdem, den Weg zueinander zu finden. Dieses Auf und Ab, dieses Hin und Her bildet einen gekonnten Plot, der packend zu lesen ist.

Was Michael Gerard Bauer geschickt macht, ist, dass das Buch fast in Echtzeit erzählt wird. Es geht um einen Tag, den Sebastian und Frida zusammen verbringen – das Buch beginnt irgendwann tagsüber und endet, als es Abend geworden ist. Sebastian als Ich-Erzähler durchlebt den Tag mit seinen ganzen Höhen und Tiefen, er ist ein schüchterner Junge, von seinen Eltern überbehütet – wofür sie allerdings ihre Gründe haben, wie man erst in dem schon erwähnten Kapitel erfährt …

Interessant ist übrigens auch die dritte prominente Figur im Roman: Tolly ist ein Hochbegabter, der sich für viele Dinge begeistern kann, der wissbegierig ist, allerdings auch über eine große Portion Einfühlungsvermögen besitzt. Und auf den Mund gefallen ist er ganz und gar nicht. Das Tolle an Tolly (ich weiß, ein grenzwertiges Wortspiel – im Buch erfährt man aber, woher sich der Name eigentlich ableitet) ist, dass er Sebastian (und auch Frida) nie aufdringlich, aber immer dann, wann es nötig ist, zur Seite steht.

All das fügt sich zu einem Gesamtbild, zu dem auch gehört, dass die Story von Michael Gerard Bauer mit viel Tempo, erfrischend und mit geistreichen Dialogen vorgetragen wird. Es gibt einige richtig bizarre Szenen, die mit Humor und Augenzwinkern beschrieben werden: sei es, dass Tolly sich an einem mobbenden Mitschüler von Frida rächt, dass Sebastian Frida sucht, sich dabei aber dermaßen peinlich verhält, dass man schon fast beim Lesen einen roten Kopf bekommt; oder sei es, dass Frida Tolly auf eine Improvisationsbühne holt, wo die beiden eine unterhaltsame Szene aufführen. Michael Gerard Bauer hat eindeutig ein Gespür für skurrile und kuriose Szenen.

Eine einzige Sache gibt es an dem Buch, die mich jedoch irritiert und gestört hat: Die Erzählerstimme Sebastians wirkt jünger als ein Junge, der in der Abschlussklasse geht und im nächsten Jahr auf eine Universität wechseln will, also mindestens 16 oder 17 Jahre alt sein sollte (das australische Schulsystem berücksichtigt). Die Anziehung, die erst Helena, das Mädchen aus der Probe-Vorlesung, später Frida auf ihn ausübt, wirkt so unschuldig schwärmerisch und gar nicht altersgemäß, dass ich beim Lesen ständig einen Dreizehn- oder Vierzehnjähigen von Augen hatte. Später im Buch, wenn es um ernstere Themen geht, nimmt man Sebastian sein Altern eher ab, aber etwas unglaubwürdig bleibt es auch hier.

Fazit:

5 von 5 Punkten. „Dinge, die so nicht bleiben können“ ist ein faszinierendes Buch, das anfangs Heiterkeit und Unbeschwertheit versprüht, dann aber zunehmend ernsthaft wird. Für Jugendromane ist das eher eine unübliche Richtung, in die sich das Buch entwickelt – vor allem, weil die Ernsthaftigkeit lange nicht angedeutet wird. Im Gegenteil, Sebastian als Erzähler ist unterhaltsam, weil er sich selbst und das, was er erlebt, vor allem zu Beginn slapstickartig beschreibt.

Was Michael Gerard Bauer in seinem Jugendroman zeigt, ist, dass es nicht einfach ist, sich traumatisierenden Erlebnissen zu stellen. Und er macht klar, dass Beharrlichkeit und Darübersprechen mit der richtigen Person helfen kann. Dass Sebastian und Frida das schaffen, ist schon eine reife Leistung. „Dinge, die so nicht bleiben können“ ist von daher ein Buch, das Hoffnung gibt, und es hat mich nicht nur unterhalten, sondern begeistert: weil es mit viel Esprit und Gespür für die darin vorkommenden versehrten Seelen geschrieben ist.

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(Ulf Cronenberg, 04.04.2020)

Kommentar (1)

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