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Buchbesprechung: Angie Thomas „Concrete Rose“

Cover: Angie Thomas „Concrete Rose“Lesealter 14+(cbj 2021, 403 Seiten)

Mit „The Hate U Give“, ihrem Debütroman, ist Angie Thomas nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland berühmt geworden. Von der Jugendjury wurde der Jugendroman auch gleich mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, und verfilmt ist das Buch inzwischen auch – angeschaut habe ich mir den Film bisher aber nicht. Mit ihrem neuen Roman knüpft Angie Thomas an ihr Erstlingswerk an: Er erzählt die Geschichte von Maverick, dem streitbaren Vater der Hauptfigur Starr aus „The Hate You Give“ – sie hat sich gut 15 Jahre vor „The Hate U Give“ zugetragen …

Inhalt:

Maverick, meist nur Mav genannt, ist 17 Jahre alt und lebt mit seiner Mutter unter recht ärmlichen Verhältnissen in einer Wohnung – sein Vater sitzt schon seit vielen Jahren im Gefängnis. Damit er und seine Mutter überhaupt über die Runden kommen, vertickt Mav Drogen – allerdings nur weiche Drogen. Darauf achtet auch sein älterer Cousin Dre, der ihn zu beschützen versucht. Seine Mutter weiß davon allerdings nichts. Die Schule ist für Mav Nebensache, auch wenn er vorhat, einen Abschluss zu machen.

Weil seine Freundin Lisa mit ihm Schluss gemacht hat (auch wenn sie kurz darauf wieder zusammen sind), hat Maverick mit Iesha eine kleine Affäre, obwohl Iesha eigentlich die Freundin von King, seinem besten Freund, ist. Als Iesha ein Kind bekommt, glaubt niemand, dass Maverick der Vater sein könnte; doch weil der Junge Maverick so ähnlich sieht, wird schließlich ein DNA-Test gemacht. Und auf einmal ist Maverick Vater. Kurz darauf bekommt er von Iesha, der es nicht gut geht, den gemeinsamen Sohn in die Hand gedrückt. Iesha setzt sich einfach ab und lässt das Kind beim Vater zurück, und Maverick muss sich fortan als Alleinerziehender durchschlagen. Eine harte Zeit beginnt.

Maverick ist anfangs völlig überfordert: In der Schule schläft er ständig ein und bekommt wenig mit. Weil er wegen seines Sohnes nicht mehr Drogen verkaufen will, sucht er sich einen Job in einem Lebensmittelladen. Doch der Lohn reicht vorne und hinten nicht für alle Lebenshaltungskosten. Und schließlich will Lisa, mit der er ja wieder zusammen ist, nichts mehr von ihm wissen, als er ihr beichtet, dass er einen Sohn hat. Maverick gibt sich alle Mühe, sich, so gut es geht, um seinen Sohn, dem er den Namen Seven gibt, zu kümmern. Doch dann wirft ihn etwas völlig aus der Bahn: Dre wird auf der Straße erschossen und stirbt in seinen Armen.

Bewertung:

Schon in ihren bisherigen zwei Büchern hat sich Angie Thomas als gute Erzählerin erwiesen, und das ist in „Concrete Rose“ nicht anders (Übersetzung: Henriette Zeltner-Shane; amerikanischer Originaltitel: „Concrete Rose“), auch wenn das Buch in der ersten Hälfte ab und zu ein wenig fahrig und nicht ganz so flüssig geschrieben wirkt. Man könnte meinen, die Autorin hat sich erst in die Geschichte hineinschreiben müssen … Ein bisschen braucht man deswegen auch als Leser, um in die Geschichte hineinzukommen; doch irgendwann ist das Buch ein Selbstläufer: Man will es nicht mehr aus der Hand legen.

Die Geschichte um Maverick spielt wieder in Garden Heights, einem Schwarzenviertel, wo Gewalt (bis hin zu Mord) an der Tagesordnung ist und viele Jugendliche und junge Männer vom Drogenverkaufen leben. Sie wissen sich oft nicht anders zu helfen, weil die Familien arm sind und gut bezahlte Jobs Mangelware sind. Auch Maverick verdient sein Geld mit dem Verkauf von Drogen und kann dadurch seine Mutter unterstützen. Zwei Erlebnisse führen jedoch dazu, dass er sein Geld ehrlich erwerben will: zum einen der Mord an seinem Cousin Dre, zum anderen die Verantwortung für seinen kleinen Sohn. Wie schwer es ist, ohne das Geld aus dem Drogenverkauf über die Runden zu kommen, das zeigt Angie Thomas‘ Buch sehr genau auf.

„Concrete Rose“ enthält abgesehen von der Milieuschilderung auch eine gut inszenierte Liebesgeschichte, die jedoch alles andere als einfach ist. Maverick meint es mit Lisa ernst, er würde alles für sie tun, doch Lisa ist eine stolze Person und wendet sich von ihm ab, als sie von seinem Sohn erfährt. Maverick gibt jedoch nicht auf und bemüht sich weiter um Lisa – und irgendwann wird alles zwischen beiden noch komplizierter – was da passiert setzt allem noch mal eins drauf; aber mehr sei hier darüber nicht verraten.

Mit Maverick und Lisa hat „Concrete Rose“ zwei interessante Figuren – beide haben es im Leben nicht leicht, sie haben Ecken und Kanten. Maverick ist meines Erachtens allein schon deswegen eine gelungene Figur, weil es wenig alleinerziehende junge Männer in Büchern gibt; und Lisa stammt aus etwas besserem Hause, hat aber damit zu kämpfen, dass ihre Familie die Beziehung zu Maverick nicht gutheißt. Der Roman entfaltet darüber hinaus auch seine Kraft, weil er viele weitere gut gezeichnete Figuren beschreibt. Da ist Mavericks Mutter zu nennen, die ein Geheimnis hat, das erst spät im Roman gelüftet wird; da lässt sich Dre anführen, Mavs Cousin, der ein wachsames und schützendes Auge auf den jüngeren Maverick wirft; und es gibt viele im Bandenmilieu beheimatete schillernde Figuren wie King, die erschreckend skrupellos sind, wenn es um Drogenverkauf und Bandenkriege geht.

Dass „Concrete Rose“ eine Figur aus „The Hate U Give“ zum Erzähler macht und deren Vorgeschichte thematisiert, ist ein geschickter Schachzug. Man kehrt in einen Kosmos zurück, den man schon kennt, sofern man Angie Thomas‘ Debütroman gelesen hat. Das Buch funktioniert auch unabhängig davon, aber zu wissen, wer später Maverick ist, erhöht den Lesegenuss. Wie schon in Angie Thomas‘ Erstlingswerk ist man als deutscher Leser erschrocken über die raue Welt in Garden Heights: über die Bandenkriege, über Mord auf offener Straße, über die Selbstjustiz – und vor allem auch über das Denken vieler Menschen dort, die all das als normal verinnerlicht haben. Zugleich ist man aber auch überrascht, dass es im Viertel Menschen gibt, die aufrecht und ehrlich sind: zum Beispiel Mavericks Mutter oder Mr. Wyatt, der Mann, der Maverick in seinem Lebensmittelladen einen Job gibt.

Angetan war ich übrigens von der Übersetzung des Buchs durch Henriette Zeltner-Shane, weil sie die Atmosphäre Garden Heights sehr geschickt erhält und an den Leser bringt. Viele Slang-Ausdrücke hat die Übersetzerin im Deutschen – insbesondere in den Dialogen – erhalten. „Fa’sho“ ist zum Beispiel – um nur einen zu erwähnen – so eine Ausdruck, der häufig auftaucht, und der im angehängten achtseitigen Glossar neben vielen anderen erläutert wird: „Slang für for sure, na klar, das stimmt, bestimmt“.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Auch in „Concrete Rose“ beschreibt Angie Thomas eine Welt, in der sie so ähnlich selbst als Schwarze aufgewachsen ist; sie ist damit eine Chronistin der strukturellen Gewalt, die in der amerikanischen Gesellschaft nach wie vor sehr ausgeprägt ist. Weil Schwarze in vielem stark benachteiligt sind, leben sie auch heute noch nicht selten in einer Welt, in der sie täglich Gewalt und Bandenkriegen ausgesetzt sind. Mit Maverick hat Angie Thomas eine interessante Figur geschaffen, die versucht, sich ein rechtschaffenes Leben aufzubauen, daran mehrmals verzweifelt, ja scheitert, es am Ende aber doch weiter versuchen will. Dass eine unbeabsichtige Vaterschaft der Grund für den Aufbruch in die Rechtschaffenheit ist, zeigt, dass Lebenskrisen Menschen auch positiv verändern können.

Wie schon in ihren bisherigen Büchern gelingt es Angie Thomas, eine Geschichte zu erzählen, in die man eintauchen kann, die einen fesselt und nicht mehr los lässt. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass Angie Thomas fortführt, was sie mit „The Hate U Give“ begonnen und mit „Concrete Rose“ fortgeführt hat: dass sie die Lebenswelt in einem Schwarzenviertel wie Garden Heights beschreibt. Reizvoll wäre es, so einen Mikrokosmos aus anderen Blickwinkeln und zu verschiedenen Zeiten weiter kennenzulernen. Warten wir ab, ob es so kommt … „Concrete Rose“ ist jedenfalls – das sei zusammengefasst festgehalten – ein gelungenes Prequel zu „The Hate U Give“ und macht Lust auf mehr.

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(Ulf Cronenberg, 22.03.2021)

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