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Buchbesprechung: Grit Poppe „Verraten“

Cover: Grit Poppe „Verraten“Lesealter 14+(Dressler-Verlag 2020, 340 Seiten)

Wie es vor mehr als 30 Jahren war, in der DDR zu leben, wissen Jugendliche schon länger nur noch aus Büchern oder dem Geschichtsunterricht. Von daher ist es gut, wenn es Chronist/inn/en gibt, die diese Zeit auch in aktuellen Jugendromanen immer wieder thematisieren, fest- und damit lebendig halten. Grit Poppe hat sich dem Thema schon mehrfach verschrieben – u. a. vor gut 10 Jahren in „Weggesperrt“. Mit „Verraten“ ist im Herbst 2020 ein neues Buch erschienen, das aufzeigt, welchen Schikanen einige Jugendliche in der DDR ausgesetzt waren.

Inhalt:

Sebastians Mutter ist gestorben, vom Vater fehlt schon längere Zeit jede Spur, und weil seine Oma ins Altenheim zieht, wird er von der Jugendhilfe der DDR in ein Übergangsheim gesteckt. Doch das Leben dort ist die Hölle. Er wird von anderen Jugendlichen schikaniert, die Wärter sind größtenteils alles andere als nett und freundlich, manche genießen ihre Macht und drangsalieren die Heiminsassen. Ein Mädchen, das kurz nach ihm in das Übergangsheim kommt, fällt Sebastian auf: Katja, die schon zigmal aus Heimen geflohen ist, aber immer wieder aufgegriffen wurde. Doch der Umgang zwischen Jungen und Mädchen ist strengstens verboten.

Sebastian hat jedoch Glück: Einer der wenigen netten Wärter kümmert sich darum, dass sein verschollen geglaubter Vater aufgespürt wird; und tatsächlich, eines Tages fährt ein Leichenwagen vor (der Vater arbeitet als Bestatter) und holt Sebastian ab – sein Vater ist für ihn allerdings ein völlig fremder Mensch. In dem Leichenwagen – das wissen Sebastian und sein Vater aber nicht – gelingt es noch jemandem, aus dem Übergangsheim zu entkommen: Katja versteckt sich in einem Sarg im Wagen.

Die ersten Tage mit seinem Vater sind schwierig und seltsam, weil dieser wortkarg ist. Er scheint in den vergangenen Jahren einiges mitgemacht zu haben, aber es dauert lange, bis Sebastian erfährt, warum seine Mutter wollte, dass Sebastian keinen Kontakt zu seinem Vater hat. Bald bekommt Sebastian außerdem mit, dass Katja mit ihm aus dem Übergangsheim geflohen ist. Obwohl er sich in große Gefahr begibt, versteckt er das Mädchen auf dem Dachboden und versorgt es, so gut es geht.

Bewertung:

Grit Poppes neuer Jugendroman spielt 1986 – in einem Jahr, in dem sich einiges ereignet hat: So gibt es erste Anzeichen dafür, dass der sozialistische Ostblocks brüchig wird – Michael Gorbatschow war 1985 als Generalsekretär an die Spitze der UdSSR gekommen und läutete unter den Stichworten Glasnost und Perestroika eine politische Öffnung ein. Einschneidend war außerdem – und das Ereignis wird im Buch auch erwähnt –, dass am 26. April 1986 die Kernschmelze in einem Kernkraftwerk in Tschernobyl (UdSSR) zu der bisher weltgrößten Nuklearkatastrophe führte.

Für einige Jugendliche, und das erzählt „Verraten“ gut, war das Leben in der DDR alles andere als einfach – gerade, wenn sie aufmüpfig waren und sich nicht in das sozialistische Leben einfügten. Sebastian, eine der zwei Hauptfiguren im Buch, ist allerdings gar nicht so ein Querkopf, sondern kommt aus anderem Grund ins Heim: weil seine Mutter gestorben ist. Doch weil die Zustände dort so schlimm sind, eckt er bald an und läuft deswegen Gefahr in einen sogenannten Jugendwerkhof umgesiedelt zu werden; und dort herrschen richtig schlimme Zustände – wie in einem Gefängnis. (Wer hierüber mehr wissen will, kann zu Grit Poppes früherem Roman „Weggesperrt“ greifen, denn dort wird die Hauptfigur irgendwann in einen Jugendwerkhof eingewiesen.)

„Verraten“ wird durchgängig aus zwei Perspektiven erzählt – Sebastian und Katja wechseln sich als Erzähler ab. Die Erzählstränge bleiben anfangs getrennt, werden, weil beide im gleichen Übergangsheim landen, zusammengeführt und greifen von da an gekonnt ineinander – nicht immer ganz chronologisch, sondern ab und zu auch mit kleinen Zeitsprüngen vor- und rückwärts. Sebastian und Katja unterscheiden sich zwar in ihren Gedanken und Gefühlslagen, ihr erzählerischer Ton gleicht sich ansonsten allerdings ziemlich. Das wäre natürlich die hohe Kunst gewesen: ihnen ganz unterschiedliche Stimmen zu geben.

Zu lesen ist „Verraten“ immer flüssig, und was Grit Poppe auch gut gelingt, ist, ihre Hauptfiguren authentisch klingen zu lassen. Sebastian kommt im Laufe des Buchs zunehmend in eine Grenzsituation, denn er wird von einem Mitarbeiter der Stasi (wie das Ministerium für Staatssicherheit allgemein genannt wurde) angeworben. Freiwillig lässt er sich nicht darauf ein, sondern er sieht sich durch ein perfides Druckmittel dazu gezwungen: Ihm wird damit gedroht, andernfalls bald wieder in ein Jugendhilfe-Heim zu kommen. Wie es Sebastian geht, weil er seinen Vater und Mitschüler/innen ausspionieren soll (zugleich darf er Katja nicht verraten und muss fürchten, dass sie entdeckt wird), kann man sich vorstellen; und diese Zwangslage beschreibt das Buch sehr genau.

Sebastians Vater Gerry spielt in dem Buch übrigens eine immer wichtigere Rolle – erst nach längerer Zeit findet Sebastian heraus, dass sein Vater im Gefängnis saß, weil er gegen die DDR gerichtete Pamphlete verteilt hat. Sebastians Vater, der, als er dahinter kommt, Katja ebenfalls deckt und mit versteckt, ist anfangs eine undurchdringliche, später eine sympathische Figur. Zu den Stärken des Buchs gehört die Beschreibung, wie sich die Beziehung zwischen Sebastian und seinem ihm anfangs total fremden Vater entwickelt.

Und der Schluss des Romans? Wird alles gut? Das sei hier nicht verraten … – aber das Buch endet mit einem völlig unerwarteten und ganz kurzen Paukenschlag, der einen nachdenklich zurücklässt. Und auch wenn das Buch 300 Seiten hat und somit nicht zu den kurzen Lektüren zählt, am Ende lässt man Katja und Sebastian nicht gerne ziehen. Ich hätte zum Beispiel interessant gefunden, wie es ihnen nach 1990, als die DDR Geschichte wurde, ergangen ist. Aber das wäre eine andere Geschichte …

Fazit:

5 von 5 Punkten. Wie schon in „Weggesperrt“ vor 12 Jahren zeigt Grit Poppe in ihrem neuen Jugendroman, welchen Schikanen und welcher Willkür nonkonforme Jugendliche in der DDR ausgesetzt waren. Im Vergleich zu dem früheren Jugendroman wird deutlich, dass Grit Poppe als Autorin gereift ist: Der Roman ist abwechslungsreicher erzählt; durch den Einsatz von zwei erzählenden Hauptfiguren bietet das Buch außerdem sowohl Jungen wie Mädchen eine Identifikationsfigur.

Dass Jugendliche heute mit Büchern wie „Verraten“ einen Blick auf die seit über 30 Jahren nicht mehr existierende DDR werfen können, ist ein Verdienst von Grit Poppe. Es braucht Autor/inn/en, die die nahe Vergangenheit, die nach wie vor Auswirkungen auf unsere heutige Gesellschaft in Deutschland hat, lebendig halten. Die anschauliche Geschichtsstunde ist Grit Poppe eindeutig gelungen; herausgekommen ist ein Buch, das man bedenkenlos Jugendlichen ab 14 Jahren in die Hand geben kann: Der Roman verschweigt nichts, richtet den Blick aber nicht auf die teilweise noch grausameren Dinge, die in Heimen der DDR geschehen sind und mit denen die Alterszielgruppe des Romans dann vielleicht doch überfordert wäre. „Verraten“ ist nicht wie ein Thriller angelegt, die Spannung erwächst aus dem, was Sebastian und Katja erleben – und das ist gut so. Denn es geht ja um Dinge, die so ähnlich wirklich passiert sind.

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(Ulf Cronenberg, 21.02.2020)

Lektüretipp für Lehrer!

„Verraten“ ist ein Buch wie geschaffen für den Geschichtsunterricht, weil es das Thema DDR für Jugendliche anschaulich und erfahrbar machen kann. Ausgehend von dem Buch kann man vieles erklären und besprechen: FDJ, Stasi, Sozialismus etc. Aber vor allem kann man auch deutlich machen, wie der Unterdrückungs- und Bespitzelungsapparat der DDR funktioniert hat. Wie Sebastian nämlich für die Stasi rekrutiert wird, wie er zur Mitarbeit quasi gezwungen wird, wird sehr genau beschrieben. Man könnte das Buch von daher durchaus für ein Referat in Geschichte anbieten, wenn man etwas Größeres aufziehen will, aber auch in ein Projekt zum Thema DDR (am besten mit dem Fach Deutsch zusammen) einbetten.

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