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Buchbesprechung: Elisabeth Steinkellner „Papierklavier“

Cover: Elisabeth Steinkellner „Papierklavier“Lesealter 14+(Beltz & Gelberg 2020, 140 Seiten)

Elisabeth Steinkellners Jugendroman „Dieser wilde Ozean, den wir Leben nennen“ – es war, glaube ich, ihr drittes Jugendbuch – habe ich vor zwei Jahren gelesen. Ein intensiver Roman, der mir gut gefallen hat; allein schon der Titel und das Cover hatten es mir angetan. In „Papierklavier“, dem neuen Buch der österreichischen Autorin, geht es wieder um Widrigkeiten im Leben und darum, trotzdem Glück zu empfinden und seinen Weg zu finden. Das Besondere diesmal: Das Buch ist in intensiver Zusammenarbeit mit der Illustratorin Anna Gusella entstanden.

Inhalt:

Einfach hat es Maia mit ihren 16 Jahren nicht: Zu viert lebt die Familie in einer beengten Wohnung; ihre Mutter arbeitet zu viel und ist selten greifbar, so dass Maia und ihren beiden jüngeren Schwestern oft auf sich gestellt sind. Die drei Mädchen schlafen im gleichen Zimmer in einem Dreierstockbett – das finden Besucher erst mal cool, aber wer möchte schon mit 16 Jahren in einem Zimmer mit den kleinen Geschwistern leben? Die Väter – Maia, Ruth und Heidi haben verschiedene – sind alle weg und zahlen auch keinen Unterhalt.

Immerhin gab es Oma Sieglinde – 74 Jahre alt, gut betucht und sehr fit –, die im gleichen Haus in einer viel größeren Wohnung lebte. Rührend hat sie sich um die drei Schwestern gekümmert, sie war immer da, wenn sie etwas gebraucht haben, hat sich um die drei gekümmert. Doch aus heiterem Himmel stirbt Oma Sieglinde.

Besonders schlimm trifft das Heidi, denn Oma Sieglinde hatte einen Flügel, Zebra genannt, auf dem sie Heidi das Klavierspielen beigebracht hat. Und das Klavierspielen fehlt Heidi so, dass sie schließlich Tasten auf Papier malt und darauf weiterzuspielen versucht. Maia will es möglich machen, dass Heidi weiter Klavierunterricht hat, und so überlegt sie, ob sie sich neben dem Job als Verkäuferin in einem Saftladen noch einen zweiten Job sucht …

Bewertung:

„Papierklavier“ ist eine Art Tagebuch (man könnte auch Skizzenbuch sagen), in dem Maia festhält, was nach dem Tod der Ersatzoma alles in ihrem Leben passiert – das Büchlein, in das sie schreibt und malt, hat sie von Oma Sieglinde bekommen. Und gleich, wenn man das Buch das erste Mal in die Hand nimmt und aufschlägt, ist man fasziniert davon. „Papierklavier“ ist ein kleines Kunstwerk, jede Doppelseite ist individuell gestaltet, und in den zwei Farben, die man auch auf dem Cover sieht (einem leicht gräulichen Hellblau und dem Schwarz), findet man auf jeder Doppelseite Zeichnungen und Illustrationen, manchmal mit viel Text, manchmal aber auch mit nur wenigen Zeilen.

Illustration: Steinkellner / Gusella "Papierklavier: Telefonieren"

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags – Copyright: Elisabeth Steinkellner, Anna Gusella (Ill.), Papierklavier ©2020 Beltz & Gelberg in der Verlagsgruppe Beltz · Weinheim Basel

Elisabeth Steinkellner hat es ernst genommen, das Buch wie ein Tage-/Skizzenbuch aussehen und wirken zu lassen – das gefällt mir wirklich gut. Das geht mit so Kleinigkeiten los, dass man im Buch keine Seitenzahlen findet (wer nummeriert schließlich die Seiten seines Tagebuchs?). Aber es ist vor allem auch die Konzeption, dass hier nicht durchgängig erzählt wird, sondern auf fast jeder Doppelseite irgendetwas, das Maia erlebt hat oder sagen will, aufgegriffen wird – eben als würde sich Maia immer wieder hinsetzen und dann mal zwei Seiten vollkritzeln.

Das Tagebuchgefühl, das sich beim Lesen einstellt, kommt auch daher, dass keine Seite wie die andere ist. Als Schrift wurde zwar eine Computerschrift gewählt, die jedoch gut eine Handschrift imitiert und echt wirkt, und ab und zu sind dann auch Wörter oder Sätze wie mit der Hand geschrieben eingefügt. Da haben Anna Gusella, die Illustratorin, und Elisabeth Steinkellner sehr gekonnt zusammengearbeitet … Ich kann mir vorstellen, dass beide viel Spaß dabei hatten. So wirkt es jedenfalls: wie ein engagiertes und begeistertes Buchprojekt.

Beeindruckend ist, dass man in „Papierklavier“ Maia sehr nahe kommt; man erlebt ihre Sorgen, ihre Ängste, ihre Selbstzweifel – und von allem gibt es einiges. Mit ihrer Kleidergröße 42 empfindet Maia sich als zu dick, immer wieder ist das ein Thema, mit dem sie ringt. Sie passt auch nicht zu den Girlies in ihrer Klasse, die auf Instagram & Co. unterwegs sind. Immerhin, zur Seite stehen Maia zwei gute Freundinnen: Alex, die in die gleiche Klasse wie sie geht, und Carla, die älter ist, eigentlich Engelbert heißt und derzeit noch zwischen einem Leben als junger Mann und junge Frau hin- und herwechselt. Dass das Transgender-Thema hier so nebenbei mal auftaucht, gefällt mir auch.

Illustration: Steinkellner / Gusella "Papierklavier: Daumen"

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags – Copyright: Elisabeth Steinkellner, Anna Gusella (Ill.), Papierklavier ©2020 Beltz & Gelberg in der Verlagsgruppe Beltz · Weinheim Basel

Das Besondere an dem Buch ist für mich sein Ton. Sehr sprachbewusst und poetisch ist alles gehalten, gleichzeitig wirken die Texte sehr authentisch für eine 16-Jährige – so, als wäre alles wirklich ganz spontan in das Büchlein geschrieben worden: „Alex und ich lungern auf ihrem Bett herum, sie liest in irgendeinem Wissenschaftsmagazin, ich kritzle in mein Buch.“ Genau so fühlt sich das Buch an: Wie hingekritzelt präsentiert der Text Maia ungefiltert und bekommt durch die expressiven Zeichnungen, die große und kleine Gefühle widerspiegeln, seine einzigartige Note.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Ich weiß nicht warum, aber ich hatte „Papierklavier“ schon länger auf meinem Lesestapel liegen, jedoch immer andere Bücher zum Lesen rausgezogen. Das war eindeutig ein Fehler – aber besser später als nie … „Papierklavier“ ist für mich jedenfalls eines der besten Bücher des Jahres 2020, ein Gesamtkunstwerk – aus ganz unterschiedlichen Gründen: weil sich Text und Illustration so gekonnt miteinander verbinden; weil es so aufrichtig aus dem Leben einer 16-Jährigen erzählt, die ihren Platz im oft widrigen Leben sucht; weil es so unbeschwert und tiefgründig zugleich wirkt. So intensiv liest man das selten, was es heißt, 16 Jahre und nicht stromlinienförmig zu sein – mit allen positiven und negativen Folgen.

Es gibt sie nicht so oft, die Bücher, an denen ich absolut nichts auszusetzen habe: aber „Papierklavier“ gehört dazu. Bei dem Buch stimmt einfach alles auf jeder Seite. Das liegt vor allem an der Ich-Erzählerin des Buchs: Maia ist auf der Suche nach dem Glück in einer nicht ganz einfachen Zeit, und wie sie das angeht, ist bewundernswert. Damit dürfte sie vielen Leserinnen (Jungen werden sich wohl eher selten in dieses Buch verirren) Mut machen.

blau.giflila.gifrot.gifgelb.gifgruen.gif

(Ulf Cronenberg, 26.01.2021)

Wer übrigens über die zwei Illustrationen hinaus ein bisschen in das Buch hineinschauen will: Der Verlag Beltz & Gelberg hat eine Leseprobe von „Papierklavier“ veröffentlicht.

Kommentare (3)

  1. Britta

    Lieber Ulf,
    auch mich hat dieses Buch restlos begeistert und weil Du es schon so hymnisch und ausführlich besprochen hast, will ich nur noch eine klitzekleine Kleinigkeit anfügen: Mir ist noch erwähnenswert positiv aufgefallen, wie gekonnt unperfekt und somit absolut stimmig die Illustrationen gearbeitet sind.
    Auch ich bin voll des Lobes. Wenn dann bald mal wieder Kunden in den Laden dürfen, werde ich mich unbedingt dafür einsetzen…
    Viele Grüße

    Antworten
    1. Ulf Cronenberg (Beitrag Autor)

      Liebe Britta,
      schön, dass wir uns (wie ja öfter) einig sind … Und deinen zusätzlichen Punkt kann ich nur auch noch unterstreichen.
      Viele Grüße, Ulf

      Antworten
  2. Pingback: Buchbesprechung: Elisabeth Steinkellner „Esther und Salomon“ | Jugendbuchtipps.de

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