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Buchbesprechung: Holly Black „Coldtown – Stadt der Unsterblichkeit“

Cover: Holly Black „Coldtown – Stadt der Unsterblichkeit“Lesealter 16+(C. Bertelsmann Jugendbuchverlag 2020, 472 Seiten)

Als großen Fan von Vampir-Romanen kann man mich nicht bezeichnen – eher im Gegenteil: Sie sind mir etwas fremd. Ab und zu habe ich aber auch Lust, mal in ein anderes Genre als in meine Wohlfühl-Genres reinzuschauen. Und dass ich das bei Holly Blacks „Coldtown“ getan habe, liegt an – ich gebe es ungern zu – zwei Marketingtricks: dem hübschen Cover und dem Werbesatz ganz oben auf dem Buchumschlag: „Mein liebstes Fantasy-Setting aller Zeiten.“ Gesagt hat das John Green und mich damit neugierig gemacht. Also auf in eine blutrünstige Geschichte …

Tana hat schon einiges im Leben mitgemacht: Ihre Mutter wurde von einem Vampir gebissen, und schließlich musste ihr Vater sie töten, weil sie sonst auf ihre eigenen beiden Töchter – Tanas 12-jährige Schwester heißt Pearl – losgegangen wäre. Seitdem ist alles kompliziert im Leben von Tana, ihrem Vater und ihrer Schwester. Tanas Vater macht sich viele Sorgen um seine Kinder – insbesondere um Tana, die sich nicht immer besonnen verhält.

Als Tana eines Morgens völlig fertig nach einer wilden Party in einem Badezimmer aufwacht, ist sie geschockt: Das Haus der Party ist voller Leichen, alles ist mit Blut besudelt, und es ist klar, dass hier nachts Vampire gewütet haben. Das ist insofern ungewöhnlich, als Vampire seit längerem in Quarantäne-Städten leben müssen, den sogenannten Coldtowns. Zunächst meint Tana, dass sie die einzige Überlebende ist, doch dann findet sie im Schlafzimmer Aidan, ihren Ex-Freund, der aufs Bett gefesselt ist. Außerdem befindet sich in dem Raum noch ein angeketteter Vampir. Tana will Aidan retten, obwohl sie sieht, dass er von einem Vampir gebissen wurde und somit infiziert sein dürfte. Auch der Vampir in Ketten bittet Tana um Hilfe. Trotz der Gefahr, die von dem Vampir ausgeht, hilft sie beiden. Mit einem Auto gelingt ihnen gerade noch die Flucht vor herankommenden Vampirschergen.

Von Gavriel, wie der gerettete Vampir heißt, ist Tana fasziniert, obwohl er ihr zugleich Angst einflößt. Dass es Gavriel gelingt, trotz der Kettenfesseln aus dem Kofferraum, in den er sicherheitshalber gesperrt wurde, zu fliehen, zeigt, wie gefährlich er ist. Doch er tut Tana nichts, im Gegenteil, einmal rettet er sie sogar in einer brenzligen Situation. Gemeinsam begeben die drei sich auf den Weg nach Coldtown, wo sie schließlich auch ankommen. Doch was Tana dort erlebt, ist weiterhin hochgefährlich und entspricht nicht dem, was sie von der Coldtown erwartet hat.

Dass „Coldtown“ (Übersetzung: Anne Brauner; amerikanisches Original: „The Coldest Girl in Coldtown“) bei manchen Lesern einen Kultstatus bekommen könnte, kann ich mir gut vorstellen. Die Geschichte ist bizarr und schräg, einfach anders – sie ist dunkel mit ein paar hellen und mitmenschlichen Momenten, und das Szenario an sich ist von viel Eigenwilligem geprägt.

Das gilt auch für das ungewöhnliche Vampir-Setting: Wer von einem Vampir gebissen wurde, ist nicht gleich selbst ein Vampir, sondern erst mal nur infiziert. Durch eine 88-tägige Quarantäne, in der man die Infektion durchstehen kann, ist es möglich, ein ganz normaler Mensch zu bleiben. Die Quarantäne gleicht jedoch einem lange andauernden heftigen Drogenentzug, den kaum jemand durchsteht oder überlebt. Wurde man infiziert, entwickelt man allerdings schon nach einigen Stunden einen großen Hunger auf menschliches Blut, und wenn ein Infizierter einen Menschen beißt, so wird er/sie endgültig Vampir: Die Augen sind kurz darauf gerötet, die Eckzähne sprießen, die Körpertemperatur sinkt, das Aussehen wird fahler – und man wird unsterblich.

Wie Holly Black ihr Geschichte inszeniert, ist schon sehr gekonnt – mit einigen Verweisen auf unsere mediale Gegenwart. Die Coldtowns sind ein Ereignis, zumindest in der Welt der Menschen: Aus den „kalten Städten“ gibt es kontinuierliche Live-Streams, die Geschehnisse darin werden von den Menschen als kultige Reality-Shows verfolgt, viele Blogs kreisen um Coldtowns und um das Vampirsein – all das erinnert sicher nicht zufällig an TV-Formate wie das Dschungelcamp. Gerade junge Menschen sind richtiggehend fasziniert von allem dem und machen sich in die Coldtowns auf, weil sie sich dort ein aufregenderes Leben erhoffen. Die Wirklichkeit in den Coldtowns – das bekommt Tana bald mit – sieht jedoch ganz anders aus. Hinter den vermeintlichen ewigen Partys steht ein schäbiges Leben, es gibt Ränkespiele unter den einflussreichen Vampiren und viele Gefahren. Dass hinter all dem ernsthafte Medienkritik steht, wage ich jedoch zu bezweifeln. Nein, „Coldtown“ will meiner Meinung nach seine Leser/innen vor allem unterhalten.

Erzählerisch kommt Holly Blacks Buch manchmal etwas verworren und leicht fahrig daher. Bis ich das Gefühl hatte, das Szenario einigermaßen durchschaut zu haben, war einige Lesezeit vergangen; manches ist mir jedoch bis zum Ende unklar geblieben. Die Geschichte um Tana, Aidan und Gavriel macht den einen Teil des Buches aus – es sind die deutlich längeren Passagen in dem Roman. Jedes zweite Kapitel wird jedoch genutzt, um Vorgeschichten und Hintergründe, manchmal Parallelgeschichten einzufügen. Das ist einerseits geschickt gemacht, andererseits verwirrt es einen zugleich ab und zu, denn manche dieser eingestreuten Abschnitte bleiben etwas in der Luft hängen. Überhaupt wird manches in der Geschichte nicht richtig zu Ende geführt. Fans mögen das reizvoll finden, weil es das Geheimnisvolle unterstreicht, zum Weiterspinnen anregt; ich persönlich fand es jedoch eher störend.

Fazit:

3 von 5 Punkten. Mein Buch ist „Coldtown – Stadt der Unsterblichkeit“ nicht. Ich konnte dem abgedrehten Vampirszenario auf der einen Seite manches abgewinnen, weil es so skurril und düster-stimmungsvoll ist. Ständig sind in meinem Kopf beim Lesen Film- oder Computerspielszenen entstanden und ich habe mir vieles in Bildern vorgestellt – das zeigt, wie anregend das Szenario irgendwie ist. Auf der anderen Seite hab ich mich jedoch immer wieder zum Weiterlesen zwingen müssen und mehrfach überlegt, ob ich das Buch nicht ganz aus der Hand lege. Mir ist die Geschichte eindeutig zu verworren – in Bezug auf das Szenario sowie in Bezug auf die Erzählweise, die etwas sprunghaft wirkt.

Holly Blacks Buch ist von daher etwas für eingefleischte Fans von dunklen und mystischen Geschichten, für Fans von Vampirbüchern – anders als die „Biss“-Romane von Stephenie ist „Coldtown“ jedoch deutlich weniger romantisch (auch wenn es eine Liebesgeschichte enthält), sondern deutlich düsterer und ziemlich blutrünstig. Diese Melange muss man mögen – aber wenn man das tut, ist man mit „Coldtown“ sicher gut beraten. An „Coldtown – Stadt der Unsterblichkeit“ scheiden sich, das würde ich mal vermuten, ganz sicher die Geister.

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(Ulf Cronenberg, 05.11.2020)

P. S.: Übrigens ein hübscher Einfall, das b im Namen des Erzengel Gabriel durch ein v, das für Vampir stehen dürfte, zu ersetzen – ob Holly Black das ersonnen hat, weiß ich nicht …)

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