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Buchbesprechung: Anna Woltz „Haifischzähne“

Cover: Anna Woltz „Haifischzähne“Lesealter 10+(Carlsen-Verlag 2020, 89 Seiten)

Anna Woltz – der Name klingt nicht gerade niederländisch, aber auch wenn die Kinder- und Jugendbuchautorin in London geboren wurde: Sie lebt in Utrecht und ist Niederländerin. Mit ihren bisherigen Kinder- und Jugendromanen zählt sie eindeutig zu meinen Lieblingsautor/inn/en; das neueste Buch richtet sich an eher jüngere Leser/innen und ist auch vom Umfang her mit nicht mal 100 Seiten eher dünn. Aber ich war schon sehr gespannt …

Inhalt:

Warum heißt ein Mädchen Atlanta? Und wieso nimmt es sich vor, an einem Tag das Ijsselmeer von Enkhuizen aus mit dem Rad zu umrunden? 360 Kilometer – das ist für eine 11-Jährige doch nicht zu schaffen … Atlanta trägt ihren Namen jedenfalls, weil ihre Eltern eigentlich drei Monate lang den Atlantik mit dem Segelboot überqueren wollten; doch dann kam die Schwangerschaft dazwischen. Und um einmal um das Ijsselmeer – ihre Eltern wissen nichts davon – fahren zu können, gibt Atlanta vor, den Tag bei einer Freundin zu verbringen und dort zu übernachten.

Doch schon nach knapp 5 km kommt alles anders als geplant. Sie fährt, als sie auf einen Leuchtturm schaut, einem Jungen mit dem Rad hintendrauf … Beide sind erst mal ärgerlich, schimpfen übereinander, raufen sich dann aber zusammen und fahren schließlich gemeinsam weiter. Finley, wie der Junge heißt, hat nicht vor, einmal ums Ijsselmeer zu radeln, sondern er will einfach nur von zu Hause weg, weil seine Mutter genervt von ihm war und ihm ziemlich heftige Sachen an den Kopf geworfen hat.

Anfangs kommen die beiden gut voran; vor allem, als sie über den Abschlussdeich des Ijsselmeers fahren und Rückenwind haben, fliegen sie quasi dahin – doch als es nach dem Deich nach Süden geht, kommt Gegenwind auf und es beginnt dunkel zu werden. Abgesehen davon hat Atlanta unterschätzt, wie körperlich anstrengend so eine lange Radfahrt ist. Doch sie will es unbedingt schaffen, ja, sie muss es schaffen – denn für diese Gewalttour gibt es einen Grund …

Bewertung:

Eine wichtige Rezeptzutat von Anna Woltz‘ Büchern sind Geheimnisse, die für Leser erst im Laufe der Geschichte aufgelöst werden. Das war bei „Gips“ so, das war bei „Hundert Stunden Nacht“ so und trifft auch auf „Für immer Alaska“ zu. Es hat mich also nicht verwundert, dass der Kniff auch bei „Haifischzähne“ (Übersetzung: Andrea Kluitmann; niederländischer Originaltitel: „Haaientanden“) anzutreffen ist. Warum Atlanta unbedingt das Ijsselmeer umfahren muss, erfährt man nämlich erst, wenn gut die Hälfte des Buchs gelesen ist. Vorher gibt es einige Andeutungen, aus denen man sich allerdings im Großen und Ganzen schon fast das Richtige zusammenreimen kann …

Einen geheimen Grund, warum er von zu Hause abgehauen ist, hat auch Finley; sein Geheimnis wird ein wenig früher gelüftet. Und mit ihren Gründen, sich auf die Fahrräder zu schwingen und von zu Hause abzuhauen, sind die beiden ein gutes Paar. Gehen sie sich anfangs erst mal auf die Nerven und meckern sich an, so ändert sich das schon bald. Ja, irgendwann spüren beide, dass sie gut zusammenpassen, und Atlanta fühlt sich einsam, als Finley sich zwischendrin mal absetzt.

Was Anna Woltz auch in ihrem neuen Buch wieder grandios macht – anders kann man es nicht sagen –, ist, wie sie ihre Geschichte erzählt. Die Kapitel sind mit den Kilometerangaben der bereits geradelten Strecke überschrieben (kleine hübsche Vignetten von Alexandra Helm verschönern übrigens jeden Kapitelanfang), und in den Kapiteln findet sich alles, was ein gutes Buch benötigt: Die Dialoge zwischen Altanta und Finley sind prägnant und glaubhaft, sie drehen sich um für sie wichtige Dinge, die Gedanken und Gefühle sind bildreich und anschaulich beschrieben, und die Geschichte hat das richtige Tempo – nie zu schnell, nie zu langsam. Als Leser fühlt man sich somit nie überfordert und nie gelangweilt.

Atlanta, die Ich-Erzählerin, ist eine typische Anna-Woltz-Figur: ein Mädchen mit einem starken Willen. Sie kann wütend sein, sie kann schimpfen, aber unter der Oberfläche ist sie viel sensibler, als es anfangs scheint. Ja, sie empfindet und durchlebt alles, was in ihrem Leben passiert, sehr intensiv, auch wenn sie insbesondere unangenehmere Sachen oft wegzudrücken versucht. Finley ist da nicht viel anders, im Buch allerdings mit etwas mehr Gespür für andere ausgestattet. Der Unterschied diesbezüglich zwischen den beiden liegt jedoch wahrscheinlich darin begründet, dass Atlanta sich in einer Ausnahmesituation befindet und somit einen Tunnelblick hat.

Man könnte gegen das „Haifischzähne“ einwenden, dass man zu früh ahnt, was bei Atlanta der Grund für ihre Gewalttour ums Ijsselmeer ist. Doch was mir als eher geübtem erwachsenen Leser vielleicht auffällt, dürfte bei Lesern im Altern von 10 oder 11 nicht so sein. Von daher ist das kein wirklich guter Einwand gegen das Buch. Dass es am Ende so etwas wie ein Happy End gibt – etwas, das mich oft stört –, könnte man auch kritisieren. Aber es ist in Bezug auf die Geschichte durchaus folgerichtig – es hätte dem Buch nicht gut getan, wenn es anders gekommen wäre. Anna Woltz schafft es außerdem, das gefällige Ende nicht in den Kitsch abgleiten zu lassen.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Mit „Haifischzähne“ – die titelgebenden Objekte sind im Buch übrigens zwei Glücksbringer, die Finley seiner Mutter geklaut hat – zeigt Anna Woltz einmal mehr, dass sie packende und tiefgründige Kinderbücher schreiben kann. Ja, die Rezeptur ist bei genauerem Hinsehen in einigem den bisher auf Deutsch erschienenen Büchern von Anna Woltz recht ähnlich – aber es hat mich nicht gestört, weil die Geschichte so charmant und authentisch aus Kindersicht erzählt wird. Und die Idee mit der Umrundung des Ijsselmeers ist hinreißend und symbolisiert gekonnt den inneren Kampf eines Mädchens angesichts einer Familienkrise.

Mit Atlanta und Finley hat Anna Woltz wieder zwei Figuren geschaffen, die man mag, die man bewundert, weil sie ihre persönlichen Krisen überwinden; am Ende wird alles gut. Das ist meiner Meinung nach eines der Hauptthemen in Anna Woltz‘ Kinder- und Jugendromanen: dass sie Kinder beschreibt, die schwierige Situation durchmachen und durchleben, an ihnen wachsen, teils aus eigener Kraft heraus, teils weil dahinter verständnisvolle Erwachsene stehen. Die Krisen werden dabei meist durch Schicksalsschläge oder aber durch Erwachsene (meist die Eltern) und ihr Verhalten ausgelöst. Mich hat jedenfalls einmal mehr beeindruckt, dass Anna Woltz so eindrücklich zu schreiben vermag: In „Haifischzähne“ wird man förmlich reingezogen, fiebert mit den Figuren mit und hofft, dass alles gut ausgeht.

Und wenn ich mir jetzt noch was wünschen darf? Ich würde gerne mal wieder einen Jugendroman von Anna Woltz lesen – so für Leser ab 14 Jahren …

blau.giflila.gifrot.gifgelb.gifgruen.gif

(Ulf Cronenberg, 22.10.2020)

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