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Buchbesprechung: Dirk Pope „Still!“

Cover: Dirk Pope „Still!“Lesealter 13+(Hanser-Verlag 2020, 189 Seiten)

Einen interessanten Werdegang hat Dirk Pope: Über zehn Jahre war er in der Werbebranche tätig, um dann doch noch Lehrer für Sport und Deutsch zu werden – sozusagen ein spät berufener Lehrer. Und auch mit dem Bücherschreiben hat er wohl spät begonnen, denn „Still!“ ist sein dritter Jugendroman. Mit dem für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominierten Vorgänger „Abgefahren“ war ich nicht warmgeworden und habe das Buch nach 50 Seiten zur Seite gelegt – vielleicht etwas vorzeitig. Bei „Still!” habe ich aber durchgehalten …

Inhalt:

Seit der Trennung ihrer Eltern und dem Umzug mit ihrer Mutter in ein kleines Städtchen redet Mariella mit niemandem mehr: weder mit ihrer Mutter (der Vater ist sowieso nur telefonisch anwesend), mit Mitschülerinnen und Mitschülern noch mit Lehrkräften oder anderen Personen. Ihre Mutter kommt damit gar nicht zurecht, weiß sich jedoch keinen Rat. In der Schule eckt Mariella damit auch an: Die meisten Lehrkräfte finden sie unverschämt, ja, sie wird ob ihres Schweigens, das als Provokation empfunden wird, sogar zum Direktor geschickt.

Doch schlimmer ist, wie Mariella von den Schülerinnen und Schülern in ihrer Klasse behandelt wird: Vor allem von Isabell und Torben wird sie vor der Klasse ständig bloßgestellt. Mariella trägt das noch einigermaßen mit Fassung. Doch es kommt auch zu körperlichen Übergriffen: Im Sportunterricht bekommt sie mit Absicht einen Handball direkt ins Gesicht, das daraufhin nicht nur lange wehtut, sondern sie mit Blutergüssen in wechselnden Farben entstellt.

Ein Rückzugsort von Mariella ist ein Aussichtsturm am Rande des Städtchens: der Kurze Lange, KuLa genannt. Dort setzt sie sich gerne oben an die Brüstung. Doch als sie eines Tages im Dunkeln dort ihre Ruhe sucht, ist der Platz bereits von einem Jungen besetzt. Stan, wie der unerwartete Gast heißt, ist taubstumm – das erfährt sie bald. Die beiden unterhalten sich über WhatsApp, was Mariella sehr angenehm findet. Sie muss nicht sprechen. Und beide freunden sich an …

Bewertung:

Wenn eine Mensch nicht mehr spricht, obwohl er/sie sprechen könnte, bezeichnet man das im Allgemeinen als Mutismus. Mariellas Entscheidung, nichts mehr zu sagen, könnte man also durchaus als Mutismus verstehen, auch wenn sie selbst sich in dem Buch einmal dagegen verwahrt. Sie beharrt einfach darauf, dass sie eben nicht sprechen will, dass ihr die Welt zu laut ist, dass schweigende Menschen die besseren Menschen sind. Und ihre Mutter – so beschreibt Mariella das als Ich-Erzählerin – ist genau das Gegenteil von ihr: Sie plappert ständig. Logorrhoe nennt Mariella das einmal. Vielleicht ist reaktive Sprachverweigerung also der passendere Begriff für Mariellas Verhalten.

Mariella ist jedenfalls eine schillernde, eine interessante Figur – ganz und gar nicht stromlinienförmig: Sie spielt gerne mit Wörtern, sie denkt gerne über Sprache nach; sie will nicht sein, wie viele andere; sie zählt sich nicht zu den leistungsstarken und erfolgreichen Menschen, die laut auf dem Boden aufstampfen und Spuren hinterlassen, sondern sieht sich als jemand, der „wie Federn lautlos über den Sand“ (S. 13) schwebt und alle Spuren verwischt. Was sie übrigens auch nicht mag: von anderen berührt zu werden. Dafür verwendet sie den Fachbegriff Aphephosmophobie (Angst vor Berührungen von Lebewesen) …

Bei Mariellas Mitmenschen kommt ihr Weigerungshaltung nicht gut an, sie haben Schwierigkeiten mit dem Mädchen: Laut ihrer Mutter lebt Mariella in einer eigenen Welt, in diese sie nicht hineingelassen wird – damit kommt sie nicht zurecht. Den Lehrkräften geht es nicht anders. Davon, Freunde zu haben, ist Mariella weit entfernt, und so ist es erst Stan, der erkennt, dass Mariella ein besonderer Mensch ist und sie dadurch auch nach und nach ein wenig öffnet. Dass Stan, der selbst taub ist und nicht spricht, Zugang zu Mariella findet, dass sie sich bei ihm aufgehoben fühlt, ist verständlich – da treffen sich zwei Seelenverwandte.

„Still!“ ist ein kreatives Buch. Das beginnt mit der eigenwilligen Cover- und Buchgestaltung, die mir gefällt, geht über den immer wieder für Überraschung sorgenden Plot bis hin zur Erzählweise. Mariella erzählt nicht einfach, was passiert, sondern der Text wird immer wieder aufgelockert. Da sind zum Beispiel wiederholt fiktive Aussagen zum Geschehen von verschiedenen Personen aneinandergereiht: Der estnische Komponist Arvo Pärt kommt beispielsweise zu Wort – sehr passend, weil er immer auch die Stille als Element seiner Musik begriffen hat. Ebenso befinden sich fiktive Interviewauszüge in dem Buch: Mariella wird von einem Institut für angewandtes Schweigen zu den Vorfällen, die sich zutragen, befragt. Wofür dieses Institut eigentlich steht, versteht man nicht gleich zu Beginn – ich würde das fiktive Institut mal, ohne zu viel zu verraten, als eine innere Instanz von Mariella beschreiben.

Zu den großen Pfründen des Buchs gehört dessen Sprachgewandtheit. Immer wieder reflektiert Mariella als Erzählerin Wörter und Formulierungen, sie spielt damit:

„Dabei gefällt es mir eigentlich, Krankheiten in all ihre Facetten und Stadien zu beschreiben:
Kränklich. Krank. Chronisch krank. Geisteskrank. Unheilbar krank. Sterbenskrank. Todkrank. Halbtot. Scheintot. Klinisch tot. Mausetot.
Ich selbst würde mich als mittelkrank einstufen. Heiter bis wolkig, mit vereinzelten Schauern.“ (S. 25)

Das sind so typische Marielle-Aussagen: immer halb ernst, halb witzig, ein bisschen selbstironisch. Dieser Ton macht nicht nur seine Erzählerin sympathisch, sondern das gesamte Buch.

Beim Lesen hat man alles in allem seinen Spaß, auch wenn man erst mal ein wenig in das Buch hineinkommen muss und sich auf den ersten 20 Seiten fragt, was für ein Buch man da vor sich hat. Die Frage steht zu Beginn im Raum, ob der Roman angesichts des Schweigens von Mariella etwas langatmig werden könnte. Doch sie ist schnell passé: Es ist Stan, der bald auftaucht und die Geschichte aufwertet (die WhatsApp-Gespräche mit ihm sind übrigens auch Teil des Buchs) und der Dynamik in den Roman hineinbringt. Doch das ist noch nicht alles. Im letzten Drittel bekommt das Buch zudem eine tragische Wendung: Die Situation spitzt sich für Mariella und Stan zu, es passieren Dinge, die man nicht erwartet hat. Kurz gesagt: Das ist alles stimmig und kurzweilig.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Man mag von Dirk Popes „Still!“ vielleicht am Anfang etwas irritiert sein und sich fragen, ob der Plot mit einer schweigenden Hauptfigur ein ganzes Buch tragen wird – aber die Sorge währt nicht lange. Dirk Pope zeigt als Autor in seinem neuen Roman ein gutes Gespür für Notwendigkeiten im Plot, um nie Langweile aufkommen zu lassen. Gekonnt verwendet er verschiedene Textsorten, eloquent lässt er seine Hauptfigur erzählen, und sehr einfühlsam zeichnet er seine Figuren.

Aus all dem ergibt sich eine gelungen Mischung, die trotz besonderer Figuren nie ins Gekünstelte abdriftet – etwas, was man von einigen amerikanischen Jugendromanen aus der creative-writing-Ecke anders kennt. Mariella ist eine ungewöhnliche Figur, sie bleibt aber authentisch und glaubwürdig. Mit „Still!“ hat sich Dirk Pope etwas getraut, und herausgekommen ist dabei ein außergewöhnliches Buch.

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(Ulf Cronenberg, 11.09.2020) ></p>

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