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Buchbesprechung: Martin Schäuble „Sein Reich“

Martin Schäuble „Sein Reich“Lesealter 13+(Fischer KJB 2020, 237 Seiten)

Rechter Nationalismus und Verschwörungstheorien sind zwar Themen, die in Politik und Gesellschaft diskutiert werden, wo es immer wieder beängstigende Nachrichten gibt; in der Jugendliteratur werden sie aber – das ist mein Eindruck – eher selten aufgegriffen. Ausnahmen gibt es natürlich. Martin Schäuble, der sich schon in „Black Box Dschihad“ damit beschäftigt hat, wie Jugendliche zum Terrorismus geführt werden, greift in seinem neuen Jugendroman die beiden Themen auf. Ein Jugendlicher wird damit konfrontiert, als er seinen Vater in den Ferien besucht.

Inhalt:

Juri lebt mit seiner Mutter in Stuttgart, der Vater hat die Familie schon vor mehr als 10 Jahren verlassen und sich in einem kleinen Kaff im Schwarzwald niedergelassen. Seitdem gab es so gut wie keinen Kontakt mehr zwischen Juri und ihm. Traumatisch war es für Juri, als er vor einigen Jahren mit seiner Mutter bei seinem Vater vor der Tür stand, die Tür jedoch nicht geöffnet wurde, obwohl der Vater ziemlich sicher zu Hause war.

Weil Juri in den Sommerferien nicht wie seine Klassenkameraden verreist, beschließt er kurzerhand, mit dem Zug in den Schwarzwald zu fahren und sich bei seinem Vater einzuquartieren – ohne vorher zu fragen. Und der Vater lässt ihn diesmal rein. Überraschenderweise kommen die beiden ganz gut miteinander zurecht. Sie angeln zusammen, bauen an einem Modellflieger, und was Juri auch gefällt, ist, dass sich die Jugendlichen der Umgebung auf einer Seeinsel treffen. Dort lernt er die ältere Jule kennen, die an ihm interessiert scheint.

Es gibt jedoch auch seltsame Dinge, die in dem Schwarzwaldort passieren: Sein Vater, das merkt Juri bald, hat auf manches eine eigenartige Sicht. Deutschland ist für ihn nur eine Firma, eigentlich gehören alle Deutschen noch zum Deutschen Reich. Eine befreundete Familie seines Vaters lebt sehr naturnah – sie bauen nicht nur vieles selbst an, sondern haben auch noch ein Schnurtelefon und keine Handys. Und eines Tages zeigt Juris Vater seinem Sohn einen geheimen Bunker im Wald, den er die letzten Jahre gebaut und für den Notfall eingerichtet hat. Manches, was er in dem Dorf sieht, findet Juri unheimlich und macht ihm zunehmend Angst …

Bewertung:

Der Prolog von „Sein Reich“ nimmt gleich auf den ersten Seiten vorweg, dass die Geschichte um Juri auf eine Katastrophe zusteuert – was genau passiert, das wird einem allerdings nicht erklärt, die Hintergründe bleiben verdeckt. Das ist keine neue Art, Leser/innen durch einen packenden Einstieg zum Weiterlesen zu animieren, aber sie funktioniert auch bei Martin Schäubles neuem Roman. Nach eineinhalb Seiten weiß man, dass Juri irgendwann etwas Dramatisches erleben wird, man ist bereit dafür, dass die Geschichte von vorne aufgerollt wird.

Juri ist ein ganz normaler Jugendlicher, und durch den ungeplanten Besuch bei seinem Vater kommt er in eine ihm bisher vollkommen unbekannte Welt. Am Anfang sind da nur Andeutungen von einem Mädchen, auf die Juri sich keinen Reim machen kann, dann – anfangs noch ganz naiv – merkt er zunehmend, dass sein Vater in einigem anderes tickt. So steckt ihm sein Vater zum Beispiel ein Buch zu, das ihm – wie dieser meint – die Augen öffnen wird. Juri legt das Buch jedoch schnell wieder weg, weil er mit den darin ausgebreiteten Verschwörungstheorien wie der angeblich inszenierten Mondlandung, die nie stattgefunden haben soll, nichts anfangen kann.

Dass hinter allem noch mehr steht, bekommt Juri erst später mit. Der Bunker, den der Vater mit einem Freund im Wald versteckt gebaut hat, ist ein erster großer Hinweis, doch richtig beklemmend wird es für Juri, als er dabei ist, wie sein Vater und dessen bester Freund jemanden aus dem Knast abholen. Jens, der vier Jahre abgesessen hat – angeblich, weil er zur falschen Zeit am falschen Ort war – ist ein übler Rechtsradikaler. Das merkt auch Juri bald.

Für Juri – und das alles ist glaubhaft aus seiner Sicht erzählt – ist die Zeit im Schwarzwaldkaff von daher eine sehr zwiespältige Erfahrung. Einerseits genießt er vieles: die Zeit mit dem Vater, den er nie hatte, dass er bei ihm zum Beispiel Auto fahren oder angeln darf; dass er von Jule, dem älteren Mädchen, hofiert wird; dass er Anschluss an andere Jugendliche findet. Andererseits sind ihm die Verschwörungstheorien und das rechtsideologische Denken fremd und machen ihm Angst.

So sympathisch und packend das alles erzählt wird: Mir fehlt an dem Buch jedoch auch etwas: nämlich, dass es wenigstens Ansätze von Erklärungen bietet. Man könnte zwar sagen, dass das Buch eben ganz radikal aus der Sicht eines „naiven“ Jugendlichen geschrieben ist, und der beobachtet eben nur, kennt aber die Hintergründe nicht. Aber Tiefe hätte das Buch bekommen, wenn es die Motive und Gründe für des Vaters seltsame Ideologien geliefert hätte. Diesbezüglich geht man als Leser/in leider genauso schlau aus dem Buch heraus, wie man hineinkommt. Nicht, dass ich Pädagogik mit der Brechstange mag, aber einen Hauch Aufklärungsarbeit hätte ich mir in dem Jugendroman doch gewünscht. So bleibt das Buch leider dabei stehen, die Welt rechtsradikaler Verschwörungstheoretiker zu beschreiben. Das ist natürlich auch etwas wert, auch wenn ich nicht so ganz beurteilen kann, wie authentisch das alles ist.

In dem Zusammenhang passt auch das Ende des Romans zu meiner Einschätzung. Zwar ist positiv anzumerken, dass die zu Beginn beschriebene Katastrophe ein unerwartetes Szenario enthält – das ist geschickt gemacht. Aber leider endet das Buch damit, dass das abschließende Gespräch von Juri mit einer Polizistin nur beschreibt, was passiert ist. Die hier sich eindeutig bietende Chance, dass Juri sich selbst, aber eben auch jemand anderen fragt, warum sein Vater und die Leute in dem Ort so ticken, wird vertan. Hier war der Teppich eigentlich schon ausgerollt …

Fazit:

3 von 5 Punkten. Martin Schäubles „Sein Reich“ greift zwar ein wichtiges Thema auf, es bringt Jugendliche auch – stellvertretend durch Juri – in eine andere Welt, die die meisten so wohl nicht kennen. Doch meiner Ansicht nach fehlt dem Buch einiges an Tiefe. Das Thema wird angerissen und dargestellt, aber es wird nichts erklärt oder erläutert. Das ist aber genau das, was wir brauchen: Wie geht man mit rechtsnationalen Ideologien und Verschwörungstheorien um? Und vorausgehend als Frage: Wie kommt es überhaupt dazu, dass jemand so denkt? „Sein Reich“ ist ein spannendes, jugendgerecht und gut erzähltes Buch, aber es beantwortet diese wichtigen Fragen leider nicht mal ansatzweise.

Das ist schade; das Buch vertut damit eindeutig eine Chance, denn man hätte hier mehr herausholen können. Klar, das wäre nicht einfach gewesen, rechte Ideologien und Verschwörungstheorien sind schwer zu fassen … Aber es wäre für jugendliche Leser/innen sehr wichtig, dass sie hier Erklärungen bekommen. Kritisch sehe ich darüber hinaus auch ein wenig, dass das Buch vom Verlag für Leser ab 12 Jahren empfohlen wird. Ich würde da eher 14 oder als Kompromiss 13 Jahre vorschlagen.

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(Ulf Cronenberg, 19.07.2020)

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