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Buchbesprechung: Johannes Herwig „Scherbenhelden“

Cover: Johannes Herwig „Scherbenhelden“Lesealter 14+(Gerstenberg-Verlag 2020, 269 Seiten)

Den Debütroman „Bis die Sterne zittern“ von Johannes Herwig, der gleich von der Jugendjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde, habe ich nicht gelesen. Und auch bei „Scherbenhelden“ habe ich etwas gezögert, weil mich die Inhaltszusammenfassung nicht so ganz angesprochen hat. Leipzig als Schauort in den Jahren kurz nach DDR und Probleme mit Neonazis – das hat bei mir nicht so richtig gezogen … Dass ich mich darüber hinweggesetzt habe, darüber bin ich nun doch sehr froh, denn „Scherbenhelden” ist ein absolut lesenswerter Jugendroman.

Inhalt:

Die Grenzöffnung der DDR ist sechs Jahre her: Nino lebt mit seinem Vater, der einen immer schlechter laufenden Schusterladen führt, in Leipzig. Seine Mutter hat ihn und seinen Vater, als man nach West-Deutschland flüchten konnte, verlassen – seitdem hat Nino sie nicht mehr gesehen. Nino geht in die 9. Klasse des Gymnasiums, aber er droht durchzufallen. Durch einen Zufall lernt er eine Clique von Punks kennen, die sich meist auf einer Wiese treffen und zu denen er bald gehört.

Bei den Punks, wo viel Alkohol fließt, aber auch alles geteilt wird, fühlt sich Nino wohl, weil er so akzeptiert wird, wie er ist. Allerdings gibt es mit Neonazis immer wieder Handgreiflichkeiten; auch Nino erwischt es einmal heftig. Zur Zielscheibe wird er, weil es nicht lange dauert, bis er sich einen Irokesenschnitt verpassen lässt – und damit ist er für jeden erkennbar. In der Schule eckt er damit bei vielen an – sein Vater verliert darüber, wie zu fast allem, kein Wort, sondern akzeptiert Ninos neues Aussehen einfach.

Kompliziert ist es bei Nino mit den Mädchen. Eine richtige Freundin hatte er noch nie. Seit er den Irokesenschnitt hat, ist allerdings Mila, eine Mitschülerin und die frühere Freundin seinen besten Freundes Max, an ihm interessiert; eigentlich fühlt er sich jedoch zu Zombie hingezogen, einem Mädchen aus der Clique. Die hat jedoch einen anderen Freund …

Bewertung:

Als ich Johannes Herwigs „Scherbenhelden“ aus der Hand gelegt habe, fand ich es einfach nur schade, dass ich die Geschichte um Nino verlassen musste. Es hat zwar mehrere zehn Seiten gedauert, bis ich richtig in dem Buch angekommen war – der Einstieg war, zumindest für mich, nicht ganz einfach, weil die Figuren, um die es in dem Roman geht, nicht gerade zu meinem Lebenskreis gehören –, aber nach einer Weile hat mich das Buch voll erwischt. Warum? Es liegt hauptsächlich daran, dass Nino eine extrem authentisch und ehrlich wirkende Figur ist.

Der Titel „Scherbenhelden“ ist richtig gut gewählt. Der Roman erzählt von Jugendlichen, die es alle nicht leicht haben: Bei Nino ist die Mutter 1989 abgehauen, sie hat ihn und seinen Vater einfach zurückgelassen und ist nach West-Deutschland gegangen, um ein neues Leben aufzubauen. Max, Ninos bester Freund aus gutem Haus, hat es ebenfalls nicht nur gut, weil seine Eltern streng und kontrollierend sind. Sie verbieten ihm irgendwann den Umgang mit Nino. Pirat, ein Punk aus der Clique, hat ein Auge verloren – die Geschichte dazu bekommt man irgendwann präsentiert. Am schlimmsten hat es aber wohl Zombie: Ihr Vater, Alkoholiker, bedrängt sie nachts im Bett. Ihr Rückzugsort ist ein schäbiges und verdrecktes Zimmer in einem leerstehenden Wohnhaus.

Die Figuren in dem Buch sind von daher alles andere als typische Helden: Sie kämpfen sich, so gut es geht, durchs Leben, sie sind füreinander da, auch wenn sie als Punks von anderen oft verachtet, ja, von Neonazis sogar immer wieder verprügelt werden. Nino & Co. leben in einer Welt voller Scherben. Dass sie keine Heiligen sind, dass sie immer wieder in Geschäften was mitgehen lassen, dass sie täglich saufen, manchmal kiffen oder anderen Drogen nehmen, sieht man ihnen angesichts ihrer Lebenssituation nach. Tauschen möchte mit ihrem Leben wohl kaum jemand …

Ich-Erzähler Nino ist in all dem eine ganz besondere Figur: Er ist der Einzige aus der Clique, der noch zur Schule geht, noch dazu auf ein Gymnasium. Er ist, auch wenn das auf den ersten Blick nicht so erscheint, ein sehr sensibler Junge, der sich viele Gedanken über sich und seine Mitmenschen macht, und der viel Verständnis für andere hat. Sympathisch ist das. Ja, überhaupt ist „Scherbenwelt“ dafür, dass der Roman in einer ziemlich desillusionierten Welt spielt, ein erstaunlich zarter Roman – das vermutetet man, wenn man an Punks denkt, erst mal gar nicht.

Es liegt nahe anzunehmen, dass in „Scherbenhelden“, vor allem in der Hauptfigur, so einiges aus Johannes Herwigs eigenem Leben steckt. Zumindest ein paar Anhaltspunkte dafür gibt es. Herwig ist 1979 geboren, war also 1995 wie Nino selbst 16 Jahre alt. Und in den Informationen zum Autor beim Gerstenberg-Verlag steht, dass er die Nachwendezeit als Punk erlebt hat. Außerdem ist da das Gefühl, dass man Ninos Leben und Welt nicht so intensiv beschreiben könnte, wenn man nicht einiges davon erlebt hat …

Was mich für das Buch eingenommen hat, ist außerdem, dass und wie es mehrere Themen aufgreift. Manches, wie die schlimme Familiensituation Zombies, bleibt nur am Rande erwähnt – das hätte dem Roman auch zu viel aufgebürdet. Hauptthema ist von daher, wie Nino seinen Platz im Leben zu finden versucht. Da geht es um Freundschaften, ums Verliebtsein, um die eigene Identität, die Nino noch sucht. Und er ist auf der Suche nach einer Erklärung, warum seine Mutter ihn und seinen Vater verlassen hat. Das alles greift sehr gekonnt ineinander und ergibt ein stimmiges Gesamtbild.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Ich hatte ein wenig gezögert, ob ich „Scherbenhelden” lesen soll – doch ich bin froh, dass ich mich über meine anfänglichen Bedenken hinweggesetzt habe. Mir wäre etwas entgangen. Johannes Herwigs zweiter Jugendroman ist – so würde ich das beschreiben – eine Wucht, weil er sprachlich sensibel, mit großem Gespür für die Figuren eine ganz besondere Zeit und ein ganz besonderes Milieu festzuhalten vermag. In dem Buch steckt ein Stück Lebensgefühl, das zwar nicht meines ist, in das ich mich aber sehr gut einfühlen konnte.

Auch sonst stimmt in dem Buch einfach alles: von den Dialogen über die Erzählweise (ein Prolog triggert den Lesern an, weil darin eine später im Buch vorkommende Krisensituation beschrieben wird) bis hin zu den Figuren. Von ein paar brenzligen Momenten abgesehen bietet „Scherbenhelden“ nicht unbedingt Spannung, aber das Buch weiß einen mit anderem an der Stange zu halten: vor allem mit seiner großen Intensität und einem guten Gespür dafür, die Gefühlswelt seiner Figuren literarisch und sprachlich gewandt in Worte zu fassen. Und so ist für mich „Scherbenhelden“ in diesem Jahr bisher die größte Entdeckung unter den deutschsprachigen Jugendbüchern.

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(Ulf Cronenberg, 12.07.2020)

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