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Buchbesprechung: Michael Belanger „254 Tage mit Jane Doe“

Cover: Michael Belanger „254 Tage mit Jane Doe“Lesealter 14+(Carlsen-Verlag 2020, 341 Seiten)

„254 Tage mit Jane Doe“ ist mal wieder ein Debüt, und Michael Belanger sieht auf dem Pressefoto, das der Carlsen-Verlag bereitstellt, noch sehr jung aus; jünger, als er wahrscheinlich ist. Auf der Webseite zum Buch steht unter der Inhaltsangabe übrigens eine etwas seltsame Notiz: „Trigger-Warnung: suizidales Verhalten“ – was das zu bedeuten hat, würde ich gerne mal wissen. Klar, es geht in Michael Belangers Buch um Depressionen und Suizid – aber auf den Hinweis „Trigger-Warnung“ kann ich mir keinen rechten Reim machen.

Inhalt:

Ray lebt in Williamsburg, auch Burgerville genannt, einem Ort in Connecticut, also nicht so weit von New York entfernt. Sein Hobby ist Geschichte; gerade die lokale Geschichte des Ortes, in dem er lebt, hat es ihm angetan. Wegen seines Hobbys gilt Ray als Nerd und wird von den coolen Jungen in seiner Klasse eher als Spinner angesehen und bestenfalls in Ruhe gelassen. Doch einen guten Freund hat er: Simon.

Als eines Tages eine neue Schülerin in der Klasse vorgestellt wird, findet Ray sie sofort interessant. Da der Platz neben ihm der einzige ist, der noch frei ist, sitzt Jane, wie die Neue heißt, neben ihm. Zögerlich nimmt er mit ihr Kontakt auf. Dass Jane ihn nicht einfach nur links liegen lässt, sondern sich sogar für Rays Hobby interessiert, wundert ihn selbst. Es dauert nicht lange, und mit Simon zusammen unternehmen Ray und Jane in und außerhalb der Schule viel gemeinsam.

Ray verliebt sich in Jane, ist sich aber nicht sicher, ob sie das erwidert. Jane umgibt auch eine seltsame Aura der Unnahbarkeit. Dass sie ein Geheimnis hat, vermutet Ray schon bald, auch, dass es etwas mit dem Umzug der Familie von New York nach Williamsburg zu tun haben könnte. Doch Jane hält sich bedeckt. Erst als die beiden wirklich zusammen sind – für Ray geht damit ein Traum in Erfüllung –, bekommt er stückchenweise mit, dass es Jane oft nicht gut geht. Zum Beispiel scheint sie nachts sehr oft lange wach zu liegen …

Bewertung:

Es dauert ein bisschen, bis man versteht, wovon „254 Tage mit Jane Doe“ (Übersetzung: Annette von der Weppen; amerikanischer Originaltitel: „The History of Jane Doe“) vor allem handelt. Der Einstieg mit Ray als Hauptfigur, der von seiner Geschichts-Leidenschaft erzählt, dabei auch einige Details über die Geschichte seiner Heimatstadt preisgibt, ist nicht unbedingt schnöde, weil Michael Belanger mit Witz schreibt – aber der Einstieg war auch nicht fulminant. Das liegt vor allem daran, dass er mich mit seiner Machart ein bisschen zu sehr an viele andere Romane aus der creative-writing-Ecke erinnert hat.

Zynisch überspitzt könnte man die Rezeptur dahinter so beschreiben: Man suche eine Hauptfigur, die eine Besonderheit hat (hier der nerdige Geschichtsfaible), eine weitere Figur, die anders ist als die anderen und Probleme hat (Jane) und packe das mit Sprachwitz und erzählerischen Besonderheiten in ein Buch. Als Dreingabe kommt gerne noch eine für die Hauptfigur schwierige Familiensituation hinzu (Rays Vater ist vor einigen Jahren abgehauen).

Klar, das ist etwas sarkastisch zusammengefasst, aber mir war die Geschichte zu Beginn zu durchsichtig angelegt – man täte dem Buch jedoch unrecht, wenn man es hierauf reduziert. „254 Tage mit Jane Doe“ wird, wenn man die ersten 100 Seiten hinter sich gelassen hat, ein ziemlich ernstes und gefühlvolles Buch, das solche Muster hinter sich lässt. Die Geschichte entfaltet dann ihren Reiz.

Was die erzählerischen Besonderheiten angeht, so wird die Geschichte durch einen Tag 0 in zwei Hälften geteilt; es gibt ein Vorher und ein Nachher, und am Tag 0 ist irgendwas mit Jane passiert – das ahnt man recht schnell, ohne allerdings Genaues zu erfahren. Der eine Erzählstrang berichtet davon, was bis zum Tag 0 passiert ist – hier wird die Geschichte von Simon und Jane erzählt; der andere Erzählstrang behandelt was nach diesem Tag geschehen ist – Jane ist nur noch eine schmerzhafte Erinnerung, und Simon geht zu einem Psychotherapeuten, weil er depressiv und antriebslos ist. Die beiden Erzählstränge greifen fast durchgehend ineinander und wechseln sich ab.

Das eigentliche Thema des Romans ist das Thema Depressionen. Dass Ray nach dem Tag 0 davon betroffen ist, erfährt man schon bald. Er stellt alles, was vorher in seinem Leben passiert ist, in Frage, er weiß nicht, wie er nach dem Verschwinden von Jane aus seinem Tief herauskommen soll, und sein Psychotherapeut versucht ihm mit Mitteln zu helfen, die Ray allzu durchsichtig findet und gegen die er sich wehrt. Dass das Thema Depressionen auch im anderen Erzählstrang ein Thema wird, ahnt man dagegen nicht gleich. Der Roman vermittelt anfangs viel Unbeschwertheit, bevor sich herauskristallisiert, dass Jane unter starken Depressionen leidet.

Ray – und da wird es interessant – hat lange selbst keinen Plan, was mit Jane los ist. Er spürt nur oft ihre Traurigkeit, bemerkt eine innerliche Abwesenheit bei ihr; er weiß allerdings nicht, was in ihr vorgeht, denn Jane hält ihre Traurigkeit meist verschlossen. Wie Ray reagiert ist klassisch: Er entwickelt sich zum Meister des Humors, und mit seiner liebevollen Art schafft er es auch, Jane manchmal aus ihren Tiefs herauszuholen – aber eben oft nur kurzfristig und nicht immer. Wie ernst es um Jane steht, erfährt Ray erst sehr spät, und seine Machtlosigkeit macht ihm dann zu schaffen.

Das ist dann auch der Teil des Jugendromans, den ich wirklich gewinnbringend fand: wie die Hilflosigkeit im Umgang mit einem depressiven und suizidgefährdeten Mädchen beschrieben wird. Ray kommt irgendwann nicht mehr gut an Jane heran, sie zieht sich zurück; auch ihre Eltern (was aber eher am Rande beschrieben wird) schaffen es nicht, Jane wirklich zu helfen. Für Ray ist das alles schwer auszuhalten: Einerseits ist er angesichts seiner ersten Beziehung und der schönen Zeit mit Jane im siebten Himmel, andererseits fühlt er sich völlig hilf- und machtlos. „254 Tage mit Jane Doe“ ist hier eine gelungene Charakterstudie.

Mit dem Ende des Buchs dagegen hatte ich meine Schwierigkeiten. Muss es sein, dass Ray durch die Therapie, nachdem er seine Wut gefunden und ausgelebt hat, wieder seinen Weg findet, die Krise überwindet? Der Schluss hat mir zu viel amerikanisches Pathos (gerade durch die Art, wie er beschrieben wird), er ist mir zu pädagogisch gehalten. Das Ende mag, so wie die Geschichte angelegt ist, folgerichtig sein, aber es ist trotzdem ein bisschen zu platt und banal – so wie der zu rezeptartige Anfang des Romans.

Fazit:

4 von 5 Punkten. „254 Tage mit Jane Doe“ erzählt die Geschichte eines verzweifelten, depressiven Mädchens aus der Sicht ihres Freundes – mit einigen Stärken, aber auch mit einigen Schwächen. Neben dem durchaus gewitzten Schreibstil und dem passenden Humor, der das Buch trotz des schweren Themas durchzieht, ist vor allem der Teil des Buchs positiv hervorzuheben, in dem Janes schwere Depression und ihre Auswirkungen auf den Ich-Erzähler Ray beschrieben werden. Diesem großartigen Teil stehen jedoch der etwas durchsichtig komponierte Anfang sowie das leicht klischeehafte Ende gegenüber. Beides wirkt sehr amerikanisch und irgendwie im Vergleich zu dem gelungenen Mittelteil zu glatt.

Was man Michael Belanger für sein Debüt dennoch bescheinigen muss, ist ein großes Gespür für seine Figuren, die er einfühlsam und einprägsam zu zeichnen weiß. Jane, Ray und Simon – sie alle sind sehr lebendig, wenn man erst mal die leicht klischeehafte Anlage der Figurenzeichnung verdaut hat. Ja, sie wachsen einem ans Herz. Außerdem kann der amerikanische Autor humorvoll Ernstes verpacken – eine besondere Gabe. So bleibt: Trotz einiger Schwächen ist „254 Tage mit Jane Doe“ ein gelungenes Debüt.

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(Ulf Cronenberg, 27.05.2020)

Kommentare (9)

  1. Ulrike

    Zur Trigger-Warnung: In den USA gibt es wohl seit einiger Zeit die Bestrebungen, Bücher (vor allem in Bibliotheken) mit Trigger-Warnungen zu versehen, damit junge Menschen nicht mit Themen in Berührung kommen, die sie aufgrund eigener Erfahrungen überfordern (Traumata/Probleme/Erinnerungen, die durch die Nähe zum Thema der Bücher wieder aktiviert, also getriggert werden). Passt in die aktuelle Debatte in den USA, ob Kindern und Jugendlichen dort nicht generell zu wenig zugetraut wird, sie zu sehr vor allen möglichen und unmöglichen Gefahren geschützt werden, so dass herausfordernde Situationen sie mittlerweile komplett überfordern (Stichwort „Free Range Kids“).

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    1. Ulf Cronenberg (Beitrag Autor)

      Danke, Ulrike, für die Erklärung … Ich kannte und wusste das noch nicht.

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  2. Yolande

    Bei Triggerwarnungen geht es nicht darum, Kinder vor den „normalen“ Härten des Lebens zu schützen, sondern Kinder, die traumatisiert sind oder psychische Probleme haben, nicht unvorbereitet mit Themen zu konfrontieren, die Wunden aufreißen und Therapieerfolge torpedieren.

    Zum Beispiel wird in „The War That Saved My Life“ eindrücklich beschrieben, wie ein Mädchen von seiner Mutter emotional und körperlich misshandelt wird. Als Erklärung wird angegeben, die Mutter habe das Maedchen nicht geliebt und sich für sie geschämt. Ich habe dieses Buch (das ich übrigens wärmstens empfehle!) mit meinen Töchtern gelesen, die beide von ihren Herkunftseltern misshandelt worden sind und sich wie alle Adoptivkinder Sorgen machen, dass sie nicht liebenswert waren. Da wäre eine Triggerwarnung schön gewesen …

    Wer sich ein bisschen in amerikanischer oder englischer Kinder- und Jugendliteratur auskennt, weiß, dass dort „schwierige“ Themen häufiger und meist tiefgehender behandelt werden, als in deutscher Jugendliteratur. Man denke nur an „Wonder“, „Out of My Mind“, „Ghost Boys“, „Noughts and Crosses“, die Bücher von Eve Ainsworth mit Themen wie Vergewaltigung, Selbstverletzung, Gewalt in Beziehungen, Jacqueline Wilsons „Dustbin Baby“, „Tracy Beaker“ und „The Illustrated Mum“ usw. usf.

    Mein Eindruck ist, dass in deutscher Kinder- Jugendliteratur viel mehr Bullerbü herrscht und Eltern ihren Kindern wesentlich weniger Realität zumuten. Mir ist zum Beispiel mal Roald Dahls „Matilda“ angelesen von einer deutschen Mutter zurückgegeben worden, „denn das geht nun wirklich zu weit!“.

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      1. Yolande

        Ich würde „zivilisiert“ in Anführungszeichen setzen. Menschen, die anderen Kinder rauben, um sie dann schwerst zu misshandeln, sind wohl das Gegenteil von zivilisiert. Zudem sind (und waren) kanadische indigene Völker natürlich genauso zivilisiert wie Europäer.

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    1. Ulf Cronenberg (Beitrag Autor)

      Danke, Yolande, das macht das Ganze noch mal nachvollziehbarerer – ich hätte mir halt gewünscht, dass der Carlsen-Verlag mit einem Link darauf verweist, was mit „Trigger-Warnung“ gemeint ist. Ansonsten ist das ja grundsätzlich sinnvoll und zu begrüßen – man muss es aber halt auch verstehen …

      Was Den Vergleich von angloamerikanischer und deutschsprachiger Kinder- und Jugendliteratur in Bezug auf den Umgang mit „schwierigen“ Themen angeht: Ich kenne die von dir angeführten Bücher fast alle nicht, finde aber, dass es durchaus deutschsprachige Bücher über Mobbing, Depressionen und Suizid oder familiäre Gewalt und sexuellem Missbrauch gibt, die recht explizit sind. Beim den beiden letztgenannten Themen sind es allerdings wirklich wenige Bücher. Mir fallen da als gelungene Romane aber zumindest Susan Krellers „Elefanten sieht man nicht“ und Beate Teresa Hanikas „Rötkäppchen muss weinen“ ein. Ganz taufrisch sind die Bücher aber nicht mehr (vor allem das letztgenannte).

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  3. Schoen

    Trigger-warning-Hinweise werden für die Leser selbst angegeben. Nicht unbedingt für Eltern, die Bücher aussuchen. Machen das Eltern auch für Teenager? Den Lesern ist dieser Trigger-Warnung-Begriff bekannt, da es gerade in Mode ist. Artikel und persönliche Erzählungen in z. B. langen Twitter-Einträgen oder selbstgedrehten Videos fangen oft mit einem Trigger-Hinweis an: „Vorsicht, diese Geschichte könnte Euch triggern“. Die TV-Serie zu „Tote Mädchen Lügen nicht“ ist auch bekannt zu triggern.
    Ich stimme Yolande zu, dass gerade amerikanische/englische Echtes-Leben-Bücher weitaus direkter, mutiger mit Themen umgehen. Ein Beispiel: „The Hate u Give“. In Deutschland sind viele Echtes-Leben-Bücher zu künstlerisch oder intellektuell, oder die Autoren haben keinen authentischen Blick auf das Thema (z. B. eine Geschichte über ein muslimisches Mädchen, geschrieben von einer Autorin, die nur ein wenig recherchiert hat).

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  4. Britta

    Ich sehe das anders. Erstens sind die amerikanischen Titel, von denen die Rede ist, in meinen Augen nicht unbedingt „Echtes-Leben-Bücher“ sondern Bücher über Extremsituationen oder Krankheitsbilder, die eher die Ausnahme sind – zum Glück. Dann klingen in dem letzten Beitrag die Worte „künsterlisch“ und „intellektuell“ so, als ob das negative Attribute für ein Jugendbuch wären! Im Gegenteil finde ich, dass die deutschen Jugendbuchautoren wesentlich individueller schreiben, eigene Schreibstile finden und unverwechselbarer sind. Das amerikanische Creative Writing ist doch häufig sehr austauschbar, mit seinen zwar meist wunderbar humorvollen aber doch oft total konstruierten Dialogen und dem fast schon zwanghaften happy end.

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    1. Ulf Cronenberg (Beitrag Autor)

      Ich war auch etwas verwundert über die Einschätzungen – kannte aber die in den Kommentaren genannten Bücher nicht. Aber was ich so aus Amerika kenne, finde ich auch oft sehr austauschbar, nach einem bestimmten Muster konstruiert, und das stößt mir oft auf. Michael Belanges hier besprochenes Buch gehört da auch zum Teil dazu. Außerdem: Gute deutschsprachige Bücher, die durchaus etwas mit der Realität zu tun haben, kenne ich auch viele.

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