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Buchbesprechung: Robert Habeck & Andrea Paluch „Zwei Wege in den Sommer“

Cover: Robert Habeck & Andrea Paluch „Zwei Wege in den Sommer“Lesealter 16+(dtv 2020, 220 Seiten)

Es ist ein Novum, dass ich hier ein Buch, das ich schon einmal vorgestellt habe, ein zweites Mal bespreche. Als im dtv-Katalog angekündigt wurde, dass „Zwei Wege in den Sommer“ neu aufgelegt wird, war ich etwas erstaunt. Auf meine Nachfrage beim Verlag, was daran geändert wurde, bekam ich die Antwort, dass vor allem Daten aktualisiert wurden (Donald Trump ist z. B. Präsident der USA, im Buch gibt es inzwischen Smartphones) – verändert wurde inhaltlich ansonsten nur sehr wenig. Was mich persönlich interessiert hat – und daher die Neuauflage der Buchbesprechung: Wie gefällt mir ein Jugendroman, den ich vor fast 15 Jahren grandios fand?

Inhalt:

Das vorletzte Schuljahr ist für Max, der an der Ostseeküste lebt, vorbei. Der Tod seiner Zwillingsschwester Miriam vor einem Jahr hat ihn nachhaltig erschüttert. Sie ist nachts beim Schwimmen in der Ostsee ertrunken, was vorher passiert ist, da tappt Max nach wie vor im Dunkeln. Vorausgegangen war eine Party, die im Chaos geendet hat, auf der sich Max mit seinem Freund Ole geprügelt hat. Svenja, die beste Freundin von Miriam, und er waren nachts an die Ostsee geflüchtet, und dort war Miriam beim Schwimmen ertrunken. Max, der noch ins Wasser gesprungen ist, um sie zu zu retten, hat sie zu spät gefunden. Die offizielle Version von dem Unglück ist – das hat Svenja in der Nacht auch so der Polizei gesagt –, dass Miriam Suizid begangen hat.

So richtig auf die Beine gekommen ist Max seitdem nicht mehr; deswegen hat er sich vorgenommen, selbst am Ende der Sommerferien sein Leben zu beenden. Vorher schließt er jedoch noch eine Abmachung mit Ole und Svenja, die inzwischen ein Paar sind: Sie wollen sich am Ende der Ferien in Tornio (Finnland) treffen. Max will alleine in einem Segelboot dorthin kommen, während Svenja und Ole auf dem Landweg reisen.

Nachdem Max sich das Geld für das Segelboot erspart hat, geht es los: Er sticht mit seinem Folke-Boot in See. Ole und Svenja beschließen dagegen, in Güterwaggons schwarz mitzufahren. Für alle gilt: Sie dürfen maximal 100 Euro auszugeben, müssen ansonsten von der Hand in den Mund leben. Max beginnt alles, was auf seiner Reise passiert, in einer Art Tagebuch festzuhalten, während Svenja ihre Reise mit Ole filmisch mit der Handykamera festhält.

Bewertung:

Es ist interessant, Bücher ein zweites Mal zu lesen … Früher, als Schüler und Student, habe ich das öfter gemacht: Bücher mehrmals gelesen (auch gute Filme habe ich zweimal angeschaut) – man entdeckt dabei Nuancen und Zusammenhänge, die einem bei einmaliger Lektüre entgehen. Meine Favoriten waren dabei „Homo faber“ und „Stiller“ von Max Frisch, die ich beide mindestens fünfmal gelesen habe. Inzwischen fehlt mir jedoch die Zeit dafür. Was Robert Habecks und Andrea Paluchs „Zwei Wege in den Sommer“ angeht, so war das auch eine andere Situation: Zwischen meinen beide Leseerfahrungen liegen fast 15 Jahre. Ich war gespannt darauf, ob das Buch auch heute noch die große Faszination wie damals auf mich ausüben würde.

Anfangs war es jedenfalls nicht so: Es hat lange gedauert, bis ich in das Buch eingetaucht bin. Die ersten gut 50 Seiten (also den ganzen ersten Teil) habe ich immer wieder gedacht, dass man eben doch nicht einfach durch das Ändern von ein paar Daten, ein Buch um 15 Jahre jünger machen kann. Der Punkt ist: Max, Ole und Svenja als Hauptfiguren passen nicht so ganz in die heutige Zeit, sie sind einfach anders als Jugendliche heute. Svenja filmt zwar im Jahr 2020 ihre Reise mit dem Handy statt mit einer Videokamera, aber das beschreibt nicht, was sich seitdem bei Jugendlichen verändert hat: dass sie heute ständig im Internet leben, dass gechattet wird, dass Bilder geteilt werden, wenn man auf Reisen ist … Das alles machen die Jugendlichen in dem Buch nicht; und ich glaube, dass Jugendliche heute eher selten so viel Interesse an Philosophie zeigen, wie Max das tut. Er setzt sein Leben und seine Erlebnisse immer wieder in Bezug zu Hegels Philosophie.

Doch es gab einen Wendepunkt, ab dem meine frühere Begeisterung zurückgekehrt ist, und er lässt sich klar benennen. Es ist der Beginn von Teil II: als Max, Ole und Svenja aufbrechen, um sich am Ende der Ferien in Tornio zu treffen. Hier gabelt sich die Geschichte und wird parallel abwechselnd erzählt: Max führt Tagebuch darüber, was bei ihm passiert, Svenja filmt, wie Oles und ihre Reise verläuft. Was die Filmausschnitte angeht, so ist das geschickt gemacht: Sie werden im Buch in kursiven Abschnitten mit Worten beschrieben. Und kaum sind die drei unterwegs, wird das Buch so intensiv, dass man alle Bedenken in Bezug auf die aktualisierte Neuauflage vergisst.

Spannend war, dass ich mich in den letzten 15 Jahren ja auch verändert habe, dass ich deswegen das Buch, wie ich meine, auch anders gelesen habe. Für mich stand diesmal viel mehr als damals im Zentrum, dass in „Zwei Wege in den Sommer“ beschrieben wird, wie drei Jugendliche mit dem Tod einer nahestehenden Person umgehen, wie sie eine tiefe persönliche Krise meistern. Gerade für Max, der seine Zwillingsschwester verloren hat und der aufbricht, um am Ende selbst sein Leben zu beenden, ist die Reise allein über die Ostsee eine Mischung aus Selbstfindung, Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld sowie der Frage nach dem Sinn des Lebens. Aber auch Ole und Svenja versuchen durch bewusstes Provozieren von Grenzsituationen sich selbst kennenzulernen und zu spüren.

„Zwei Wege in den Sommer“ ist noch heute ein Buch, das sehr vielschichtig thematisiert, wie es für Jugendliche ist, langsam erwachsen zu werden. Viele Fragen werden da gestellt – es geht um die eigene Freiheit, das Verhältnis zu den eigenen Eltern und zur Gesellschaft, es geht um Beziehungen und Sexualität, kurz gesagt: die Figuren ringen darum, ihren Platz im Leben zu finden. Robert Habecks und Andrea Paluchs Roman ist dabei mit seinen vielen philosophischen Bezügen sehr intellektuell gehalten.

Inwieweit sich viele Jugendliche heute darin wiederfinden, bleibt eine offene Frage – das ist bestimmt nicht jedermanns Sache. Doch seit einem Jahr gibt es viele Jugendliche, die unsere Politik, unsere Gesellschaft und unser Leben in Frage stellen, und zwar im öffentlichen Raum. Ich gehe davon aus, dass die Jugendbewegung „Fridays for future“ auch ein Grund war, das Buch erneut zu veröffentlichen. Denn auch wenn es viele konsumorientierte Jugendliche gibt: Das Unbehagen an derzeitigen gesellschaftlichen Entwicklungen ist zugleich bei vielen wieder aufgekeimt, und dazu passt „Zwei Wege in den Sommer“ vielleicht doch.

Dennoch bleibt die Frage: Hätte man den Roman nicht unverändert veröffentlichen sollen? Quasi als „historischen“ Jugendroman, der vor etwa 15 Jahren spielt? Das Handy als Kamera, das Austauschen von ein paar Namen und Daten (ein Boot von damals, das Max sieht, heißt nun nicht mehr „Condoleezza Rice“, die ehemalige US-Außenministerin, sondern „Melanie Trump“) reichen nicht wirklich, um ein Buch aus dem Jahr 2006 zu einer Geschichte aus dem Jahr 2020 werden zu lassen.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. Ich finde es gut, dass der vergriffene Jugendroman von Robert Habeck und Andrea Paluch wiederaufgelegt wurde, denn „Zwei Wege in den Sommer“ ist ein lesenswertes Buch, auch wenn es heute weniger modern als damals ist. Die Figuren des Romans – neben Max, Ole und Svenja gibt es da noch eine Schwedin, die Max Isabel nennt – brennen sich einem ins Gedächtnis, weil sie intensiv empfinden und gut beschrieben sind. Wie Jugendliche nach einem Todesfall, der ein Suizid gewesen sein könnte, u. a. mit Fragen der Schuld umgehen, ist durchaus nach wie vor ein aktuelles Thema. Durch die Krise wird vieles in Frage gestellt, und es werden wichtige Lebensfragen aufgeworfen.

Für mich hat das Buch darüber hinaus etwas Beruhigendes: Es gibt heute nicht nur technokratische und wissenschaftlich gebildete Politiker. Dass Robert Habeck, einer der beiden Grünen-Vorsitzenden, der 2006 nur ein regional bekannter Kommunalpolitiker in Schleswig-Holstein war, mit seiner Frau zusammen drei Jugendromane geschrieben hat (es sind noch „Unter dem Gully liegt das Meer“ und „Sommergig“ – beides auch sehr gute Bücher), spricht für ihn. Man könnte natürlich auch auf die Idee kommen, dass der inzwischen große Bekanntheitsgrad von Robert Habeck als finanzielles Kalkül des Verlags hinter der Neuveröffentlichung steht. Aber das ist mir egal. „Zwei Wege in den Sommer“ ist ein etwas altmodischer gewordenes, aber gutes Buch, das es nach wie vor verdient, gelesen zu werden – von jugendlichen Lesern, die wie die Hauptfiguren im Roman auf der Suche nach dem Sinn in ihrem Leben sind.

(Hier findet ihr übrigens meine Buchbesprechung zu „Zwei Wege in den Sommer” aus dem Jahr 2006.)

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(Ulf Cronenberg, 10.05.2020)

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