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Buchbesprechung: R. T. Acron „Kronox – vom Feind gesteuert“

Cover: R. T. Acron „Kronox – vom Feind gesteuert“Lesealter 11+(dtv, 256 Seiten)

Mit der „Ocean-City“-Trilogie haben Frank Maria Reifenberg und Christian Tielmann unter dem Pseudonym R. T. Acron ihr Debüt abgeliefert. Die drei Bände erzählten ein spannendes Science-Fiction-Abenteuer und war an jüngere Leser/innen adressiert – dahinter stand eine coole Idee: Ocean City ist eine Stadt, die (fast autark) auf dem Meer schwimmt. Auch „Kronox“, der neue Roman des Duos, spielt in der Zukunft, allerdings in der näheren Zukunft – nämlich im Jahr 2029. Und die Geschichte bleibt diesmal in Deutschland.

Inhalt:

Pauls Leben ist gerade ziemlich in Aufruhr: Seine Mutter liegt mit Krebs im Krankenhaus, sie hat, wie die Ärzte sagen, nicht mehr lange zu leben. Sein Vater könnte schon fast als Geist gelten – erst ist kaum noch zu Hause und von daher wenig präsent. Hinzu kommt, dass Paul seit einiger Zeit starke Kopfschmerzen hat, und er wacht jeden Morgen viel zu früh, genau zur gleichen Uhrzeit kurz nach 4 Uhr, auf. Als er eines Morgens in den Spiegel schaut und feststellt, dass seine Augen blutrot unterlaufen sind, macht er sich große Sorgen.

Richtig unheimlich wird es, als Paul zu Friedrich Luft, seinem Nachhilfelehrer in Latein, geht, mit dem Paul seit einiger Zeit an einem Berliner See ein Boot renoviert. Am See macht Paul etwas, was er selbst nicht versteht und nicht steuern kann: Er steckt das Bootshaus in Brand und wird danach bewusstlos. In der Klinik wird er anschließend von einem Arzt betreut, den er schon lange als früheren Vorgesetzten seiner Mutter kennt. Dort begegnet er zum ersten Mal drei anderen Jugendlichen, die er bald wiedertrifft.

Snoop, Yeşim und Anh haben die gleichen Probleme wie er: starke Kopfschmerzen, immer wieder blutunterlaufene Augen … Der Grund dafür ist, wie sie bald erfahren, dass sie Teil eines wissenschaftlichen Experiments waren: In ihrem Gehirn befinden sich Nanobots, die von außen aktiviert werden können, mit denen jedoch auch Teile ihres Willens beeinflusst, ja ausgeschaltet werden können. Das ist unheimlich, aber zugleich haben sie dadurch Fähigkeiten, die normale Menschen nicht haben. Dahinter steht jedoch ein Mann, der Zwielichtiges mit ihnen vorhat.

Bewertung:

An Science-Fiction-Romanen ist immer besonders interessant, wie sich die Welt darin entwickelt hat. „Kronox – vom Feind gesteuert“ spielt im Jahr 2029 – es gibt eine grüne Bundeskanzlerin, die Tina Blomberg heißt, die selbst früher im Bereich Umwelttechnik geforscht hat und nun davor steht, eine dezentrale Energieversorgung mit Nanozellen zu etablieren. Energie aus fossilen Brennstoffen wäre dadurch nicht mehr nötig. Für 10 Jahre von heute aus gesehen, ist das bei dem Zukunftsentwurf ganz schön viel Veränderung. Und dass man Gehirne mit Nanobots und einer App steuern und Menschen so zu Höchstleistungen bringen kann, ist ebenfalls sehr ambitioniert. Vielleicht hätte der Roman doch eher 2039 oder noch später spielen sollen, um ein wenig glaubwürdiger zu sein.

Im Gegensatz zum ersten Band der Ocean-City-Trilogie bin ich in „Kronox“ eher schwer reingekommen, und das hat im Wesentlichen zwei Gründe: Ich fand den Schreibstil im Präsens ziemlich sperrig, gerade auf den ersten 30 Seiten war er meiner Meinung nach nicht passend. Irgendwann im Laufe des Buchs hat sich mein Unbehagen daran immerhin verloren … Meiner Meinung nach eignet sich das Präsens als Erzählzeit gut für Action, aber – und das ist der zweite Grund: Richtig Spannung und Action bietet das Buch erst auf den letzten 50 Seiten. Für meinen Geschmack steigt die Spannungskurve in dem Buch einfach zu langsam … Wenn dann auf dem Buchumschlag „aktueller Actionthriller“ steht, dann gilt das für weite Strecken des Buchs leider nicht.

Paul, Snoop (die beiden Jungen), Yeşim und Anh (beides Mädchen) sind ein interessantes Quartett: Paul ist grundsätzlich eher ein braver und netter Junge, während Snoop gerne Graffitis sprüht und sich nicht immer an alle Regeln und Gesetze halten will. Yeşim ist im der Vierergruppe das Computergenie – eine begnadete Hackerin –, und Anh eine ambitionierte Geigerin. Wenn Kronox bei ihnen aktiviert ist, werden ihre Fähigkeiten verstärkt und Schwächen ausgeglichen. Bei Paul ist dann z. B. seine Höhenangst verschwunden, und Yeşim kann Computercode quasi wie Text lesen. Das ist natürlich alles etwas übertrieben, erinnert an Superhelden-Geschichten – aber das sind Dinge, die junge Leser/innen durchaus mögen und von denen sie fasziniert sind.

Interessant an der Geschichte ist das, was letztendlich an ethischen Diskussionsfragen dahinter steht: Darf Menschen mittels Implantaten zu höheren Leistungen verholfen werden? Diese Diskussion taucht auch hier und da am Rande auf. An einer Stelle begründet Bundeskanzlerin Tina Blomberg zum Beispiel, warum die Technik der Nanobots in Menschen verboten wurde. Ich hätte mir gewünscht, dass das noch ein wenig genauer herausgearbeitet wird. Man könnte ja die vier Hauptfiguren ein bisschen mehr selbst darüber nachdenken lassen …

Darüber hinaus gibt es noch anderes, wo ich mich nicht des Eindrucks verwehren konnte, dass „Kronox – vom Feind gesteuert“ mit heißer Nadel gestrickt wurde. Eine Kleinigkeit, die symptomatisch ist: Warum erfährt man nicht einmal, welche Krebsform Pauls Mutter hat? Oder habe ich das überlesen? Schwerwiegender ist jedoch, dass das Buch erst sehr lange für den Aufbau der Spannung braucht, auf den letzten 25 Seiten hat man dann jedoch das Gefühl, dass die Geschichte auf einmal sehr schnell zu Ende gebracht wird. Der Schluss des Buchs geht jedenfalls viel zu schnell, die Auflösungen sind oberflächlich … Das ist alles eher unbefriedigend.

Fazit:

3 von 5 Punkten. Die drei Bände von „Ocean City“ habe ich gerne gelesen, weil sie rasant (ab und zu auch zu rasant) waren, ich die Figuren mochte und vielschichtig fand … Bei „Kronox“ ging mir das alles leider nicht so. Die Figuren finde ich deutlich blasser und holzschnittartiger dargestellt, der Plot ist unausgereifter, und richtig Spannung kommt leider nur auf den letzten 50 Seiten auf. Alles in allem macht das Buch, dem eigentlich eine gute und ausbaufähige Idee zugrunde liegt, auf mich einen unfertigen Eindruck. Da hätten die Autoren meiner Meinung nach noch mal drangehen müssen, um der Geschichte auf den verschiedenen Ebenen (vor allem bei der Figurenzeichnung und beim Spannungsbogen) einen besseren Schliff zu geben.

Vielleicht bin ich bei all dem etwas mäkelig, und die genannten Kritikpunkte dürften jungen Leserinnen und Lesern nicht so aufstoßen. Doch damit „Kronox – vom Feind gesteuert“ ein wirklich rundes Buch geworden wäre, hätte noch einiges verändert werden müssen. Das ärgert mich fast, denn die Geschichte hat Potenzial und sie greift ein durchaus wichtiges Gesellschaftsthema auf. Aber das Thema hätte mehr Tiefe verdient gehabt.

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(Ulf Cronenberg, 01.05.2020)

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