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Buchbesprechung: Erin Jade Lange „Firewall“

Cover: Erin Jade Lange „Firewall“Lesealter 14+(Magellan-Verlag 2020, 347 Seiten)

Die beiden bisher auf Deutsch erschienenen Bücher von Erin Jade Lange habe ich beide gelesen: „Butter“ ein Buch, in dem es ebenfalls schon die Gefahren von sozialen Netzwerken geht, und „Halbe Helden“. Gefallen haben mir beide, wobei der zweitgenannte Jugendroman noch mal besser war. Nun, einige Jahre später – Erin Jade Lange ist inzwischen Mutter von Zwillingsmädchen – ist der dritte Jugendroman der amerikanischen Autorin erschienen. Kleine Randnotiz: Auf das am Coverbild angedeutete MacBook statt einem Apple-Logo den Magellan-Walfisch abzubilden, finde ich eine witzige Idee.

Inhalt:

Eli ist der Typ Nerd – für was er zu begeistern ist, sind vor allem das Programmieren und Hacken an Computern. Er hat sich bereits in fremde Systeme gehackt (einmal auch mit schlimmen Folgen, die nicht beabsichtigt waren), aber auf die Schliche ist ihm bisher niemand gekommen. An seiner Schule ist er eher der Außenseiter, hat jedoch einen besten Freund: Zach, der wir er das Programmieren liebt, aber im Gegensatz zu Eli nie etwas Illegales dabei tun würde.

An Elis Schule ist vor einem Jahr etwas passiert, das ihn traumatisiert hat: Jordan, ein im Internet heftig gemobbter Außenseiter, hat sich in der Schulkantine mit Benzin übergossen und angezündet. Am Jahrestag dieses Suizid wird in der Schule eine ziemlich heuchlerische Gedenkversammlung abgehalten. Denn es gab eigentlich niemanden, der zu Jordan gehalten hat, der sein Freund war. Immerhin hat die Schule seitdem einige Anti-Mobbing-Aktionen gestartet und versucht, das Online-Verhalten der Schüler zu überwachen. Eli sind die Gedenkveranstaltung wie auch die Überwachung allerdings zuwider.

Als Eli unter denkwürdigen Umständen eine mysteriöse Einladung zu einem Treffen nachts um 23 Uhr zugesteckt bekommt (sie ist im Binärcode kodiert), ist er trotz Bedenken so neugierig, dass er hingeht. Empfangen wird er von zwei Mitschülern, die er vage kennt: Seth und Mouse. Sie wollen Eli für einen Hackerwettbewerb, bei dem man zu dritt antreten muss, rekrutieren und haben auch schon eine Idee: Sie wollen auf einer Webseite, die übersetzt „Freunde von Jordan“ heißt, die Mobber von Jordan bloßstellen, und die Webseite darf natürlich nicht zu ihnen zurückverfolgt werden können. Eli ist skeptisch, aber Mouse und Seth haben etwas gegen ihn in der Hand: Sie wissen von einer seiner kriminellen Hackeraktivitäten. Und mit einer Mischung aus Neugierde und Erpressung macht Eli mit.

Bewertung:

Es hat nicht lange gedauert, da hat mich „Firewall“ (Übersetzung: Sandra Knuffinke und Jessika Komina; amerikanischer Originaltitel: „The Chaos of Now“) gepackt. Die Geschichte um Eli, seine halbkriminellen Hacks, die er vor allem aus Neugierde und Faszination macht, ist gut aufgezogen. Klar, der Suizid von Jordan in der Schulkantine – der gleich am Anfang des Buchs thematisiert wird – ist schon etwas sehr heftig und dramatisch (hätte es nicht auch etwas weniger Reißerisches getan?), aber dass ein Schüler aus Verzweiflung Suizid begeht, weil er massiv ausgegrenzt und gemobbt wird, ist vorstellbar.

Dass man in die Geschichte reingezogen wird, hat viel damit zu tun, dass es gleich zur Sache geht. Eli bekommt nämlich auf der Toilette mit, wie einer der übelsten Mobber der Schule und seine Freundin einen Schwangerschaftstest machen, der positiv ausfällt. Leider bemerkt der Mitschüler das, und Eli wird danach heftig in die Zange genommen. Das Klima, das an Elis Highschool herrscht, ist damit und mit dem Suizid von Jordan gleich beschrieben: Ziemlich übel geht es dort her.

Was Erin Jade Lange geschickt macht, ist, wie vielschichtig die Figuren dargestellt werden – das zieht sich durchs ganze Buch. Eli als Hauptperson macht viele Dinge, die bedenklich sind. Bei manchem geht ihm erst hinterher auf, dass er falsch handelt, in manches gerät er irgendwie aus Versehen hinein, bei anderem weiß er, dass es nicht richtig ist, er macht es jedoch trotzdem. Dennoch ist er durchaus eine sympathische Figur. Bei anderen Figuren ist das nicht anders. Selbst die schlimmsten Mobber werden im Buch auch mal von einer menschlichen Seite gezeigt. Nur zwei Figuren im Buch gibt es, die ganz integer scheinen: Elis Freund Zach sowie Isabel, die Eli kennenlernt und in die er sich verliebt.

Eine eloquente Schreiberin ist Erin Jade Lange – das hat sie schon mit ihren beiden anderen Büchern bewiesen – in jedem Fall. „Firewall“ liest sich flüssig, die Gefühle der Figuren sind gut beschrieben, und das Buch hat keinen Hänger, sondern immer etwas zu bieten.

Mal abgesehen davon, dass manches leicht reißerisch aufgezogen ist, haben mich an „Firewall“ ein paar Kleinigkeiten gestört: Das Buch ist jedenfalls sehr amerikanisch – dieses ganze Highschool-Getue wirkt sehr ritualisiert und affektiert. Erin Jade Langes Roman greift außerdem auch etwas sehr bewusst in die wichtigsten Trickkisten für Verkaufserfolg: So darf zum Beispiel eine Liebesgeschichte nicht fehlen, und sie wirkt schon sehr gezielt platziert. Allerdings wird sie – das muss man dem Buch zugutehalten – sehr differenziert geschildert und steuert nicht einfach nur auf ein Happy End zu. Isabel, um die es geht, ist zudem eine der interessantesten Figuren in dem Buch.

Hat das Buch eigentlich eine Botschaft? Irgendwie schon. Es will indirekt zeigen, dass das Internet mit den sozialen Netzwerken eine Schlangengrube sein kann. Einen erhoben Zeigefinger findet man jedoch nicht, und das ist auch gut so. Darüber hinaus gibt es noch ein anderes großes Thema in dem Roman: Elis Mutter ist schon bald nach seiner Geburt gestorben, seit kurzem hat der Vater jedoch eine deutlich jüngere Freundin: blond, großer Ausschnitt, mit etwas zwielichtiger Vergangenheit. Misty, wie die Freundin heißt, wohnt inzwischen bei Eli und seinem Vater mit im Haus; und Eli findet das und sie unmöglich.

Auch hier winken einige Klischees, aber Erin Jade Lange schafft es, es nicht zu übertreiben. Misty hat eigentlich, auch wenn sie nicht perfekt ist, viele gute Seiten. Das merkt man als Leser bald, doch Eli will das nicht sehen, ihm ist es peinlich, dass sein Vater so eine junge Blondine angeschleppt hat. Dieser Teil der Geschichte ist fast schräg, sie wirkt übertrieben, und trotzdem hat es was Faszinierendes, wie es sich mit Eli, seinem Vater und Misty verhält und weiterentwickelt.

Fazit:

4 von 5 Punkten. „Firewall“ ist ein Buch, könnte man meinen, das sich eher an Jungen als an Mädchen wendet – es geht schließlich, aber nicht nur, um Computer und Hacken. Doch dem ist nicht so. Die technischen Details werden nur beiläufig und für alle verständlich dargestellt. Ansonsten handelt das Buch eher von Cybermobbing und es geht um Freundschaften und eine Beziehung. Was mir an Erin Jade Langes Buch gefallen hat, war die Spannung, die sich durch das ganze Buch auf mehreren Ebenen – sei es das Hacken, sei es die Freundschaft zwischen Eli und Isabel, sei es die Familie von Eli – zieht.

Nicht bei allem kann man begeistert sein – das gilt vor allem für die amerikanische Highschool-Welt. Das ist ein ganz eigenes „Biotop“, mir irgendwie etwas fremd – ich kenne es bereits von anderen Jugendbüchern aus den USA, dass ich das etwas nervig finde. Was ich mir diesbezüglich gewünscht hätte: dass die Geschlechtsstereotypen auch mal etwas aufgehoben werden. Warum nicht mal eine Hackerin? „Firewall“ bleibt da etwas brav …

Darüber hinaus bekommt man mit „Firewall“ jedoch ein packend und gut geschriebenes Buch, dessen Geschichte einen nicht loslässt, bis man die letzte Seite gelesen hat. Es sind neben der Spannung die Figuren und die Dynamik zwischen ihnen, die das Buch lebendig machen. „Firewall“ ist ein Jugendroman, den man durchaus auch Lesemuffeln in die Hand geben kann; und er führt hoffentlich dazu, dass sich die Leser hinterher etwas sorgsamer in sozialen Netzwerken bewegen.

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(Ulf Cronenberg, 05.04.2020)

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