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Buchbesprechung: Grit Poppe „Alice Littlebird“

Cover: Grit Poppe „Alice Littlebird“Lesealter 12+(Peter-Hammer-Verlag 2020, 229 Seiten)

Vom Cover dieses Buchs war ich vom ersten Augenblick an angetan – zumindest, als ich wusste, wovon der Jugendroman handelt. Das Indianermädchen mit der roten Bemalung über Nase und Backen, der Blick mit den leuchtenden Augen, der Stolz darin, dazu die rote Titelschrift, die ich sonst vielleicht eher kitschig finden würde – das hat eindeutig etwas. Über zehn Jahre ist es übrigens her, dass ich ein Buch von Grit Poppe gelesen habe: „Weggesperrt“ war ein Buch über ein dunkles Kapitel der DDR-Geschichte – über einen Jugendwerkhof, in dem sich auflehnende Jugendliche kaserniert und schikaniert wurden.

Inhalt:

Alice, ein Indianermädchen aus dem Stamm der Cree, wird wie schon vor zwei Jahren ihr Bruder Terry aus der Familie gerissen und in die von Nonnen geführte Black Lake Residential School gesteckt. In dem Internat sollen die Kinder und Jugendlichen zu zivilisierten Menschen werden, es soll ihnen ihr Indianersein aberzogen werden. Die Nonnen führen ein hartes Regiment: Die Kinder und Jugendlichen dürfen unter anderem nicht mehr in ihrer Indianersprache reden, sie werden bei Vergehen gegen die strengen Regeln hart bestraft.

Für Alice ist das alles schlimm. Der einzige Hoffnungsschimmer ist, dass sie wahrscheinlich ihren ältern Bruder Terry, der seit zwei Jahren nicht mehr zu Hause war, wiedersehen könnte. Und in der Tat, bei einem Gruppenfototermin der Jungen entdeckt sie Terry, der sie auch erkennt – doch wie die beiden sich treffen und miteinander reden können sollen, bleibt ein Problem. Jungen und Mädchen werden strikt voneinander getrennt. Zu Hilfe kommt Alice schließlich eine der wenigen netten Personen in dem Erziehungslager: eine Köchin. Sie macht es möglich, dass Alice sich mit Terry im Keller verabredet.

Terry eröffnet ihr dort, dass er schon einen Plan hat, wie sie aus der Schule fliehen können. Den setzen sie noch am gleichen Abend um. Anfangs geht alles gut – mit Hilfe eines Kanus kommen sie auf eine Insel des naheliegenden großen Sees. Doch Terry hat Sorge, dass sie Spuren hinterlassen haben, und so verlässt er die Insel noch mal, um diese zu verwischen. Terry kommt jedoch nicht mehr zurück, und Alice bliebt alleine auf der Insel zurück …

Bewertung:

Das Thema Erziehungsheime für Kinder und Jugendliche scheint Grit Poppe nicht loszulassen. Im Gegensatz zu „Weggesperrt“ spielt „Alice Littlebird“ allerdings nicht in Deutschland, sondern in Kanada, wo alle Kinder indianischen Ureinwohner seit 1920 verpflichtend (und davor auch schon in großem Maße) in recht brutal geführte Umerziehungsschulen gesteckt wurden. Die letzte solcher Schulen (das steht im Nachwort zum Buch) hat 1996 geschlossen. Für die Kinder, die dort zu zivilisierten Menschen erzogen werden sollten, war es traumatisch, von den Eltern getrennt zu werden, die eigene Sprache nicht mehr sprechen zu dürfen. Und davon erzählt Grit Poppe mit einer fiktiven Geschichte, die aber an die Realität angelehnt ist.

„Alice Littlebird“ ist mindestens zweierlei: ein Roman, der etwas Historisches zu fassen versucht, aber eben auch ein Abenteuerroman, und das macht ihn für Kinder und Jugendliche lesenswert. In Alice (und später in Terry) kann man sich gut hineinversetzen. Wie sie in der Residential School ankommt, wie schrecklich das alles ist, wie einsam sie sich fühlt, wie sie von den Nonnen überwacht wird – das wird beklemmend, aber angemessen für Leser ab 11 oder 12 Jahren dargestellt.

Erzählt wird die Geschichte personal und nicht als Ich-Erzählung – das ist in dem Fall sicher geschickt, weil man so die Figuren etwas distanzierter erlebbar machen kann. Fängt das Buch anfangs nur die Sicht Alice‘ ein, so kommt später dann auch Terry in Blick. Als die beiden auf ihrer Flucht wieder getrennt werden, wird in den Kapiteln fortan abwechselnd von beiden berichtet.

Wie man den Kindern und Jugendlichen ihre Identität zu nehmen versucht, ist eines der besonders erschreckenden Themen in dem Roman. Alice ist Nr. 47, ihr Bruder Terry Nr. 12 – nur mit den Nummer, nicht mit ihren Namen werden die Kindern von den Nonnen angesprochen. Und dass Geschwister nicht mal miteinander sprechen dürfen (Jungen und Mädchen sind sowieso getrennt), ist ein weiteres Unding. Die drakonischen Strafen bei Vergehen werden im Buch meist nicht explizit beschrieben, aber erwähnt. Auch sonst wird Schlimmeres meist nur angedeutet – so kann man sich zwischen den Zeilen denken, dass sich ein Pater an manchen Kinder vergeht … Jüngere Leser dürften da, weil das vage bleibt, unbedarft drüber weglesen, und das ist auch gut so.

Als Alice dann allein auf der Insel im See zurückbleibt, weil Terry nicht zurückkehrt, wird das Buch zu einem klassischen Abenteuerroman: ein Kind allein in der Wildnis. Jedes Knacksen von Ästen löst bei Alice Angst aus – allerdings auch nicht ganz unberechtigt. Denn auf der Insel gibt es auch ein Raubtier (das einzig etwas seltsame Szenario, denn wie es auf eine Insel kommt, fragt man sich schon), dem Alice mehrmals begegnet. Eine schon halb verfallene Hütte findet Alice dort auch, und das Gefühl, dass da noch jemand anderes auf der Insel ist, erweist sich als real. Doch das ist (mehr sei nicht verraten) für Alice am Ende eher ein Segen, als dass daraus eine zusätzliche Bedrohung erwächst.

Wenn eine deutsche Autorin ein Buch über eine fremde Zeit, ein fremdes Land, ein fremdes Volk schreibt, ist das ein Wagnis. Grit Poppe hat sicher viel recherchiert, und Alice und die anderen Kinder werden glaubhaft dargestellt, auch wenn ich vermute, dass gerade Gedanken und Gefühle einige europäische Züge aufweisen. Aber das ist ein Problem, das so gut wie alle historischen Romane haben, wenn der Autor zu einer anderen Zeit und in einem anderen Kulturkreis aufgewachsen ist … Wichtig ist es dennoch, dass man sich über fiktive Bücher solchen Zeiten anzunähern versucht und sie damit Kindern und Jugendlichen erfahrbar macht. Und das gelingt Grit Poppe zweifellos.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Es ist gut, dass in Büchern auf frühere Missstände und Grausamkeiten aufmerksam gemacht wird. Kanada ist nicht unbedingt ein Land, das uns direkt betrifft, aber durch die Begegnung mit dem unsäglichen Unrecht, das dort den indianischen Ureinwohnern zugefügt wurde, wird man auch dafür sensibilisiert, dass heute nach wie vor Ureinwohner und Volksstämme in verschiedenen Ländern und auf mehreren Kontinenten an den Folgen der früheren Unterdrückung leiden. Sie sind häufig noch immer benachteiligt, werden zum Teil weiterhin verfolgt, sind schlechter ausgebildet, haben mehr psychische Probleme und vieles mehr. Was Kanada angeht, so bemüht sich das Land um Wiedergutmachung … Aber es gibt andere Völker wie die Uiguren, die in China auch heute in Lagern umerzogen werden. Gerade vor diesem Hintergrund ist Grit Poppes Buch aktueller, als man zunächst denkt.

„Alice Littlebird“ ist jedenfalls ein engagiertes und empfehlenswertes Buch für Leser ab 11 oder 12 Jahren, weil es eine geschickte Mischung aus historischem Roman und Abenteuergeschichte ist. Der Jugendroman hat eine Hauptfigur, mit der man mitfühlen kann – gleichzeitig wird alles für die Alterszielgruppe angemessen dargestellt, ohne dass die Schrecken der Residential Schools verschwiegen werden. Grit Poppe ist ein einfühlsames Buch, mit dem man einen Blick über den Tellerrand wirft, gelungen. Doch „Alice Littlebird“ ist noch etwas mehr: nämlich letztendlich auch ein politisches Buch, das einen daran erinnert, dass Kindern und Jugendlichen früher Unrecht angetan wurde, dass das aber durchaus auch noch heute geschieht.

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(Ulf Cronenberg, 13.02.2020)

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