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Buchbesprechung: Dita Zipfel & Rán Flygenring „Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte“

Cover: Dita Zipfel & Rán Flygenring „Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte“Lesealter 12+(Hanser-Verlag 2019, 193 Seiten)

Was für eine cooler Titel mit einem schönen Cover – das waren die ersten Dinge, die mir durch den Kopf gegangen sind, als ich das Buch in den Händen gehalten habe. Die Illustratorin, die Isländerin Rán Flygenring, die auch für das Cover verantwortlich zeichnet, kennt man mitunter: Sie hat Finn-Ole Heinrichs Kinderbücher illustriert. Und wem nun der Name Dita Zipfel nicht bekannt ist, dem sei gesagt, dass sie die Ehefrau von Finn-Ole Heinrich ist. So schließt sich der Kreis. „Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte“ ist übrigens nicht Dita Zipfels erstes Buch, bisher waren es allerdings „nur“ Bilderbücher, die sie veröffentlicht hat.

Inhalt:

Lucie Schmurrer ist nicht gerade nicht zufrieden mit ihrem Leben. Das liegt zum einen an ihrer Mutter, die schon wieder einen neuen Freund angeschleppt hat: Michi – öko, achtsam, superbewusst in allem. Lucie ist einfach genervt ihm. Zum anderen hat findet sie ihre Mitschülerinnen oberflächlich und fühlt sich in der Schule nicht wohl. Nichts lieber als abhauen möchte Lucie deswegen. Und ein Ziel hat sie schon vor Augen: Berlin. Dort lebt die frühere Lebensgefährtin ihrer Mutter, und Bernie ist die Person, mit der Lucie in ihrem Leben bisher am besten zurechtgekommen ist.

Um das Abhauen zu finanzieren, sucht Lucie einen Job, und so stellt sie sich bei Herrn Klinge für einen gut bezahlten Gassigehjob vor. Doch der schlägt, als er Lucie sieht, gleich wieder die Tür vor ihrer Nase zu – Lucie bleibt jedoch hartnäckig und hat Erfolg. Klinge, wie Lucie ihn nennt, ist ein alter, extrem schrulliger Mann, ziemlich durchtrainiert; und am Ende führt sie nicht sein Hund aus, sondern erledigt anderes für ihn: Klinge diktiert ihr seltsame Kochrezepte mit rätselhaften Zutaten. Und Klinge macht ihr klar, dass niemand davon erfahren darf, denn es wären Leute hinter ihm her.

Für Lucie hat Klinge nicht mehr alle Tassen im Schrank, und trotzdem mag sie den Alten irgendwie, auch wenn es einige Konflikte und brenzlige Situationen gibt. Als Lucie das Rezept für ein Liebestrank-Ketchup diktiert bekommt, beschließt sie, es zu selbst zu kochen und zu verwenden. Davon essen soll einer ihrer Mitschüler: Marvin, den einige Mädchen anhimmeln und der auch Lucie neuerdings gefällt.

Bewertung:

Ein ziemlich abgedrehtes Buch hat Dita Zipfel geschrieben. Das meine ich nicht abwertend, sondern bewundernd: „Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte“ sprüht nur so vor Kreativität auf verschiedenen Ebenen – das könnte manchem Leser vielleicht schon zu viel sein. Mir ging es allerdings nicht so. Nein, ich musste eher immer wieder staunen, was das Buch so alles zu bieten hatte, vor allem weil hinter allem eine passende Mischung aus Ernst und Witz/Humor steht.

Die Grundgeschichte könnte man so erzählen: Eine 12-Jährige will sich nicht damit abfinden, dass der neue Freund der Mutter eingezogen ist. Um abhauen zu können, will sie Geld für ein Zugticket verdienen … Doch dann passiert eben viel mehr. Lucie begegnet Klinge, einem alten Mann, der ziemlich verrückt zu sein scheint – ja, entrückt von dieser Welt, könnte man sagen. Manchmal erscheint Klinge einem beim Lesen eher als allegorische Figur denn als reale Buchfigur. Hinzu kommen später noch erste Erfahrungen mit Jungen: Der zuerst angehimmelte Marvin entpuppt sich als snobistischer Macho, dafür lernt Lucie Leo kennen. Und die beiden kommen gut miteinander zurecht: weil sie beide nicht stromlinienförmig sind.

Sprachlich ist „Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte“ eine Wucht. Wortschatzreich und verspielt erzählt Dita Zipfel ihre Geschichte. Und sie verleiht Lucie Schnurrer, ihrer Erzählerin, einen passenden Ton: frech und keck, dann aber auch wieder nachdenklich und verzweifelt. Lucie denkt viel über die Welt und das, was ihr passiert, nach. Und ihr passiert viel Verrücktes – der Buchtitel drückt das ja auch aus …

Lucie ist eine Figur, die man liebhaben muss – auch wenn man ihr die 12 Lenze, die sie zählt, nicht immer ganz abnimmt. Sie wirkt manchmal deutlich erwachsener in ihren Gedanken. Was Lucie im Laufe des Buchs zu bewältigen hat, ist ein Stück Erwachsenwerden: Sie beginnt sich mit dem, was um sie herum geschieht, zu arrangieren. Dass sie am Ende die Welt verstanden hat, wie der Buchtitel suggeriert, wäre zu viel gesagt, doch manches kann sie sich am Ende besser erklären und besser damit leben.

Was das Buch jenseits des Texts ausmacht, sind die Illustrationen von Rán Flygenring. Mit zwei Farben (Schwarz und einem rötlichen Orange sowie als Grundfarbe Weiß vom Papier) haucht sie der Geschichte mit Hilfe von Vignetten, illustrierten handgeschriebenen Texten oder ganzseitigen Illustrationen Lebendigkeit ein. Die entrückte Story und die leicht anarchischen Zeichnungen fügen sich wunderbar zu einem unwiderstehlichen Gesamtbild zusammen.

Oft gibt es hier auch was zu lachen, wenn kreative Textideen und Illustrationen aufeinandertreffen. Da gibt es Kochrezepte, die „Heartchup – Ein Liebestrank“ oder „Ghulacamole bei Langeweile“ heißen; und etwas später trägt eines von Lucies Lieblingsrezepten den Titel „Nonasi Goreng – betäubt den Geruchssinn vorübergehend“. Ja, „Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte“ ist einfach ein besonderes Buch …

Fazit:

5 von 5 Punkten. Auch wenn es etwas abgeschmackt wirken könnte: Dita Zipfels erster Jugendroman passt gut in den Bücher-Kosmos ihres Mannes Finn-Ole Heinrich – nicht nur, weil allein schon mit den Illustrationen von Rán Flygenring vom Aussehen her vieles ähnlich wirkt. Auch sonst: Was ich an Finn-Ole Heinrichs Büchern so genial fand, das lässt sich auch in „Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte“ finden. Die Geschichte wird sprachgewaltig und erfindungsreich erzählt, mit Humor wird Ernstes beschrieben. Es geht um das reale Leben in einer Patchworkfamilie, um sprunghafte und gehörig nervende Erwachsene, ums erste Verliebtsein – Lucie muss sich da durchkämpfen und macht das mit viel Bravour. Am Ende ist sie etwas schlauer, aber vieles bleibt offen.

Am meisten polarisieren dürfte Klinge, diese ziemlich durchgeknallte Figur, die sich einem entzieht – man kann sich auf sie keinen rechten Reim machen. Aber sie gehört zu dieser verrückten Selbstfindungsgeschichte dazu. Dita Zipfels „Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte“ ist sicher nicht jedermanns Sache – man braucht Spaß an der verspielten Sprache, an den schrägen Illustrationen, an den schrulligen Figuren. Aber in jedem Fall hält man ein Buch in Händen, das Schmuckstück und Kleinod in einem ist.

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(Ulf Cronenberg, 04.02.2020)

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