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Buchbesprechung: Susan Kreller „Elektrische Fische“

Cover: Susan Kreller „Elektrische Fische“Lesealter 13+(Carlsen-Verlag 2019, 181 Seiten)

Zwei erfolgreiche Jugendbücher hat Susan Kreller bisher geschrieben: „Elefanten sieht man nicht“ war eine Geschichte über das heikle Thema der Gewalt in einer Familie und hat gute Kritiken bekommen, „Schneeriese“, der zweite Jugendroman von Susan Kreller wurde mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet (auch wenn es meiner Meinung nach ein wenig gegenüber dem Debüt abfällt). Und das dritte Jugendbuch macht da gleich weiter: „Elektrische Fische“ befindet sich bereits auf der Liste „Die besten 7 im Monat Dezember“ des Deutschlandsfunks. Gespannt war ich jedenfalls auf das Buch mit dem eigenwilligen Titel …

Inhalt:

Emmas Familie ist von Dublin in Irland nach Velgow nahe der Ostseeküste umgezogen. Eigentlich wollte das niemand aus der Familie, doch nachdem sich Emmas Mutter von ihrem irländischen Mann, der Alkoholiker ist, getrennt hat, reicht das Geld nicht mehr aus, um weiter in Dublin zu leben. Und so wurden Emma, ihre jüngere Schwester Aoife und ihr älterer Bruder Dara gegen ihre Willen nach Mecklenburg-Vorpommern verpflanzt – an den Ort, wo ihre Mutter aufgewachsen ist und wo nach wie vor die Großeltern leben.

Für Emma ist der unfreiwillige Umzug schlimm, sie hat großes Heimweh, und so beschließt sie, schon bald nach Irland abzuhauen, zurück in ihr altes Leben und zu ihren irischen Großeltern. Allerdings fehlt ihr noch der passende Plan für die Flucht zurück. Aoife geht es nicht anders. Sie leidet unter dem Umzug. Ihr erster Schultag geht gründlich schief, und nach einem Vorfall in der Schule, bei dem sie massiv gehänselt wird, spricht sie kein Wort mehr – weder irisch noch deutsch. Dara kommt vielleicht noch am besten in Velgow zurecht, aber wohl fühlt er sich dort trotzdem nicht.

Wenigstens ein kleiner Lichtblick taucht in Emmas Leben auf: Levin. Sie hatte ihn kennengelernt, als dieser Aoife gegen hänselnde Schüler verteidigt hat. Dem schlacksigen Levin gegenüber erzählt Emma irgendwann, dass sie zurück nach Irland möchte, aber nicht weiß, wie sie es schaffen soll. Levin will ihr dabei helfen und präsentiert Emma irgendwann einen ausgetüftelten Plan …

Bewertung:

Wer Bücher mag, die sprachlich ausgefeilt sind, der wird an „Elektrische Fische“ seine Freude haben – das hatte ich angesichts der beiden anderen Jugendromane von Susan Kreller aber auch so erwartet. Der neue Roman ist allerdings sprachlich vor allem auch deswegen interessant, weil er immer wieder Sprachliches reflektiert. Da Emma in Irland aufgewachsen ist und sich dort besser ausdrücken kann, bringt sie viele sprachliche Wendungen, die immer wieder in den Roman eingearbeitet sind, aus dem Irischen mit. Beim Lesen habe ich mir schon gedacht, dass man so ein Buch nur schreiben kann, wenn man selbst mal in Irland gelebt hat, und in der Tat hat Susan Kreller in Dublin studiert und sich in ihrer Promotion mit der Übersetzung von Kinderlyrik aus dem Englischen beschäftigt.

Dass ein Buch nicht nur von der Sprache lebt, sondern auch einen guten Plot braucht, ist klar. Die Grundidee der Entwurzelung wegen eines Umzugs ist nichts wirklich Neues, es ist eher das Wie, das mir gefallen hat – und dazu gehören vor allem die Figuren. Levin zum Beispiel ist in seiner schüchternen Anhänglichkeit eine interessante Figur, in die man sich immer besser hineinversetzen kann, je mehr man im Laufe des Buchs über sein nicht einfaches Leben erfährt. Mit den anderen Figuren geht es einem ähnlich, wobei der Fokus vor allem auf Levin und Emma liegt, während andere Figuren weniger im Zentrum sind und blasser bleiben.

Was man dem Buch in Bezug auf die Figuren vielleicht vorwerfen kann, ist seine Überpointierung, was die Charaktere und ihre Lebensgeschichten angeht: Emmas Vater Alkoholiker, die Mutter mittellos und selbst überfordert, Levins Mutter psychisch krank, früher eine erfolgreichen Ozeanwissenschaftlerin; dann der Protest-Mutismus bei Aoife. Was als Auflistung zu viel scheint, ist mir beim Lesen allerdings nicht aufgestoßen, und ich glaube, dass das daran liegt, dass die Sprache und die ansonsten in vielem ruhige Handlung das Buch tragen.

Susan Kreller ist eine sehr gute Beobachterin, die Situationen und Gefühle extrem gut beschreiben kann – da wird viel mit sprachlichen Bildern und Vergleichen gearbeitet. Die Darstellung von Emmas Heimweh angesichts des Umzugs zieht sich als Motiv durch den Roman – mit vielen Nuancen, darunter erst mal viel Wut, die sich in einer Szene am Strand entlädt (hier ist nur das Ende zitiert):

Auch die Ostsee ist das Meer!, brülle ich, ich brülle und brülle und brülle und weiß nicht, warum ich dann aufhöre zu schreien und zu treten, warum ich schlagartig still werde und mich blitzschnell umdrehe.
In den Dünen sitzt Levin und sieht mir seelenruhig zu.
Ob ich ihm den Hals umdrehen will?
Ja.“ (S. 53)

Später geht das Heimweh in einen Zwischenzustand über, wo Emma sich weder hier noch dort mehr richtig zugehörig fühlt:

„Und mein eigenes Heimweh?
Es hat sich verändert.
Es ist nicht mehr endlos weit und gleichzeitig eng. Was ich seit Levins Plan fühle, ist eher ein Schon-nicht-mehr-richtig-Hiersein und ein Noch-nicht-wieder-zurück-in-Irland-Sein, es ist irgendwas dazwischen.
Dazwischen ist kein Zuhause.“ (S. 122)

Man könnte viele ganz besondere Textstellen zitieren, bei denen man staunen kann, wie die Gefühle beschrieben werden, wie das Innere der Figuren ausgelotet wird. Der Roman ist in vielem ruhig und still, aber auf der Gefühlsebene drückt er trotzdem sehr viel aus …

Dann ist da noch der Schluss, in dem einiges anders kommt, als man es erwartet: ein tragisches Finale. Und ganz am Ende, im letzten Kapitel, wirft Emma – kurzzeitig zur auktorialen Erzählerin aufgewertet – einen Blick in die Zukunft. Ich kann mich nicht erinnern, wo, sondern nur dass ich so etwas Ähnliches schon mal gelesen habe – aber auch wenn es nicht ganz neu ist: Die zwei kurzen Seiten ganz am Schluss schließen den Roman würdig ab.

Allerdings ist das Buch auch hier noch nicht ganz zu Ende – es folgt noch ein Glossar, etwas, das man sonst meist ungelesen liegen lässt. Doch in diesem Fall lohnt es sich, es nicht zu übergehen, weil nicht nur irische Begriffe und Wendungen erläutert werden, sondern auch alte DDR-Begriffe, die im Buch Verwendung finden, aufgegriffen werden; und es werden die Rock-Bands, deren T-Shirts Levin trägt, vorgestellt. Das sind keine trockenen Erläuterungen von Fachbegriffen und Hintergrundwissen, sondern witzig pointierte Texte über das Leben in anderen Welten.

Fazit:

5 von 5 Punkten. „Elektrische Fische“ (woher der Titel kommt, muss man selbst erlesen) ist kein Buch für Jedermann, es ist ein Buch für Liebhaber von eher ruhigen Romanen, die nicht nur durch die Handlung, sondern auch durchs Psychologische und durch die Sprache getragen werden. Wer das mag, sollte auf Susan Krellers dritten Jugendroman nicht verzichten. Mir persönlich hat er besser als das prämierte „Schneeriese“ gefallen“, weil das Buch bis auf einen ganz kleinen Hänger in der Mitte keine Schwächen hat.

Vielleicht liegt es mit daran, dass ich die Ostseeküste ganz gut kenne – doch das allein ist es sicher nicht (Velgow gibt es übrigens unter dem Namen nicht). Jedenfalls ging es mir während des Lesens so, dass ich immer wieder alles genau vor meinen Augen gesehen habe: das Meer, die Landschaft, aber auch die Figuren. Susan Kreller schafft es mit einer sehr literarischen Sprache nicht nur die innere Gefühlslandschaft, sondern auch die äußerem Umgebung vor den Augen des Lesers entstehen zu lassen. Und es bleibt festzuhalten: „Elektrische Fische“ ist ein rundes und gelungenes Buch.

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(Ulf Cronenberg, 29.12.2019)

Kommentare (2)

  1. Britta Kiersch

    Lieber Ulf,
    ich kann Dir nur zustimmen! Das ist wirklich ein herausragendes Buch, an dem es nichts auszusetzen gibt und gehört zu den besten, die ich 2019 gelesen habe.
    Viele Grüße, Britta (Buchladen Neuer Weg / Würzburg)

    Antworten
  2. Gerhild Beutner

    Auch ich habe das Buch mit Begeisterung gelesen, nachdem ich bei der jährlichen Kinder- und Jugendbuchvorstellung im „Neuen Weg“ darauf aufmerksam geworden bin.
    Da ich in den 70er und 80er Jahren in Mecklenburg aufgewachsen bin, haben mir die Ausflüge in das DDR-Vokabular besonderen Spaß gemacht: Mifa-Fahrrad, Kaufhalle und Essensgeldturnschuhe… und auch noch zutreffend erklärt ;-). Beim Lesen hatte ich bald das Gefühl, dass die Autorin auch eine DDR-Vergangenheit haben könnte, was ihr Lebenslauf bestätigte.

    Meine Tochter (13) hat das Buch auch mit Interesse gelesen. Sie hat besonders das Schicksal von Levins Mutter bewegt, der Umgang von Emma und Levin damit und die Frage, wie „sowas überhaupt passieren kann“.

    Jedenfalls ist das Buch eines von denen, die mehr als nur eine Geschichte erzählen.

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