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Buchbesprechung: William Sutcliffe „Wir sehen alles“

Cover: William Sutcliffe „Wir sehen alles“Lesealter 14+(Rowohlt-Verlag 2019, 284 Seiten)

Nachdem William Sutcliffes Debütroman „Auf der richtigen Seite“ 2015 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert worden war, wollte ich eigentlich schon immer ein Buch des Autors lesen. Aber es hat etwas gedauert, bis es dazu gekommen ist. Nun, mit dem neuen Roman „Wir sehen alles“ hat es endlich geklappt. Das lag auch daran, dass mich die Inhaltsangabe neugierig gemacht hat: Der Jugendroman spielt in der Zukunft, es geht um Überwachung – ein Thema, das mich interessiert und bei dem ich viele der aktuellen Entwicklungen sehr kritisch sehe.

Inhalt:

London irgendwann in der Zukunft ist nicht mehr so wie früher: Die Stadt ist zweigeteilt, der Außenbezirk ist abgeriegelt, viele Häuser sind vom Krieg zerbombt, für die vielen Menschen, die dort leben, gibt es zu wenig Wohnraum, und die Versorgungslage ist alles andere als gut. Lex ist ein Junge, der in dem Außenbezirk lebt, sein Vater hat – das ist aber nicht offiziell – ein hohe Funktion im Clan, der den Widerstand gegen das Regime im Innenbezirk organisiert.

Lex muss miterleben, dass sein Vater fast getötet wird. Nur durch einen Zufall ist er nicht in dem Gebäude, das von Drohnen zerbombt wird. Lex stand quasi daneben, als das Gebäude dem Erdboden gleich gemacht wurde, und ist geschockt. Die Bedrohung kommt vom wohlhabenden Innenbezirks London. Dort gibt es eine Militärstaffel, die die Menschen im Außenbezirk mit Drohnen überwacht und immer wieder angreift.

Alan, der genauso alt wie Lex ist, ist einer dieser Drohnenpiloten. Eigentlich war er lange ein nichtsnutziger Computerspieler, der keine Zukunft hatte. Doch als er für die Drohnenausbildung rekrutiert wurde, bekam er seine Chance. Das Computerspielen hat ihn darauf vorbereitet. Nach seiner Ausbildung bekommt er einen Auftrag: Er soll den Vater von Lex mit einer Drohne überwachen und später vielleicht töten. Wer der Mann ist, weiß Alan gar nicht – für ihn ist er nur ein Auftrag, eine Nummer: #K622. Durch die Überwachung wird Alan allerdings auch auf Lex aufmerksam. Das Schicksal der beiden ist auf eine seltsame Art miteinander verwoben, obwohl sie sich nicht kennen und wohl auch nicht kennenlernen werden …

Bewertung:

William Sutcliffes „Wir sehen alles“ (Übersetzung: Uwe-Michael Gutzschhahn; englischer Originaltitel: „We See Everything“) ist ein raffiniertes und eigenwilliges Buch, und das liegt vor allem an dem zugrundeliegenden Szenario. Als Leser wird man nämlich, was die Hintergründe angeht, an der kurzen Leine gehalten. Man erfährt nicht, warum und wie es zu der Zweiteilung Londons gekommen ist, sondern wird nur nach und nach mit den Auswirkungen davon konfrontiert. Der ärmliche Außenbezirk ist zerbombt, die Menschen werden ständig durch Drohnen überwacht, es gibt eine Widerstandsgruppe – aber all das wird nie richtig erklärt. Das ist anfangs etwas irritierend, aber es macht letztendlich auch den Reiz des Buchs aus.

Der Jugendroman ist konsequent zweiperspektivisch aufgebaut – immer abwechselnd wird in der Ich-Form erzählt, was Lex und Alan erleben. Auch das wird nicht irgendwie erklärt oder sichtbar gemacht wie in anderen Büchern, wo zum Beispiel aus der Überschrift oder durch die Schrift die aktuelle Perspektive markiert wird. Allerdings ist das kein Problem – man hat bald verstanden, dass die zwei Erzähler sich durchgehend bei den Kapiteln abwechseln. Gut gemacht ist es in jedem Fall, wie die Leben von Lex und Alan auf eine ziemlich ungewöhnliche Art miteinander verknüpft sind. Beide Jungen kennen sich nicht, aber haben indirekt doch miteinander zu tun, wobei nur Alan Lex auch über die Drohnenkameras sieht, während Lex von Alans Existenz gar nichts weiß.

Einfach haben es beide Jungen nicht, und ihre Lebenswelten werden gut beschrieben: Lex, weil er im geschundenen Außenbezirk lebt, Alan, weil er mit seiner alleinerziehenden Mutter gar nicht zurechtkommt und zunächst ein Loser ist. Beide bekommen im Laufe des Buchs eine Bedeutung: Lex soll geheime Botengänge für den Clan seines Vaters übernehmen und macht das richtig gut, während Alan sich in der Drohnenpilotausbildung erstmals in seinem Leben bewährt. Dennoch bleibt alles fragil: Für Lex ist das Leben gefährlich, bei Alan läuft vieles nicht rund. Während sich Lex glücklich verliebt, blitzt Alan bei einem Mädchen ab, weil er sich völlig daneben benimmt. Lex‘ Liebesgeschichte ist übrigens wirklich gut in Szene gesetzt – romantisch, ohne abgeschmackt zu sein. Dass in das Glück irgendwann Tragik einzieht, gehört und passt zu dem Buch.

Ist mit der Dystopie eigentlich auch eine politische Botschaft verknüpft? Explizit ist da nichts im Buch zu lesen, es bleibt dem Leser / der Leserin überlassen, welche Schlüsse er/sie angesichts der Drohnen-Überwachung und der gnadenlosen Auslöschung von Gegnern durch bewaffnete Drohnen zieht. Themen sind jedenfalls viele in das Buch eingeflossen: Es geht um eine radikale gesellschaftliche Spaltung in der Zukunft – Arm versus Reich, Elite versus Einflusslose, Mächtige versus Ausgelieferte etc.; es geht um die Totalüberwachung; und es geht um Krieg und Zerstörung.

Dass das Buch am Ende einen eher ungewöhnlichen Verlauf nimmt, sei noch erwähnt. Das ist einerseits gut, weil Voraussehbarkeit meist den Lesegenuss stört, andererseits sind die letzten zehn Seiten schon fast sperrig, weil sie so ganz anders erzählt sind. Und wie es zu dem Buch passt: Nicht alles geht gut aus. Mehr sei aber nicht verraten.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. William Sutcliffes „Wir sehen alles“ hat mich ziemlich überrascht. Das Buch erzählt eine recht gnadenlose Geschichte, die gut konstruiert ist, die zwei interessante Hauptfiguren hat und die eine sehr düstere Zukunftsvision vorstellt. Der Roman hat einen ordentlichen Hauch von George Orwells „1984“, allerdings mit moderner Technik. Dass Drohnen eine Überwachung ermöglichen, dass sie mit Waffen ausgestattet werden, das ist heute schon Realität – der Roman treibt das in einer totalitären Nachkriegswelt auf die Spitze.

Alles in allem ist „Wir sehen alles“ ein durchaus anspruchsvolles Buch, das sich gut liest, das zugleich aber nicht leicht zugänglich ist und deswegen sicher nichts für alle Jugendlichen ist. Man braucht etwas Leseerfahrung, um in das Buch reinkommen zu können. Wertvoll ist an dem Buch für mich, dass man es nicht einfach mit einem „Oh, guter Roman“ aus der Hand legt, sondern dass es einen längeren Nachhall hat – das merke ich gerade auch beim Schreiben der Buchbesprechung. William Sutcliffe hat mit der Totalüberwachung ein brisantes Thema aufgegriffen und ein eigenwilliges, aber lesenswertes Buch geschrieben.

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(Ulf Cronenberg, 08.12.2019)

Lektüretipp für Lehrer!

Ich bin mir nicht sicher, ob William Sutcliffes „Wir sehen alles“ als Lektüre für eine gesamte Klasse geeignet ist – aber bei einem Projekt, in dem es um das Thema Zukunft geht, gehört das Buch in jedem Fall dazu. Das kann im Deutschunterricht, in Ethik oder anderen Fächern sein. Der Roman bietet viele Anregungen für Diskussionen, es zeigt auf, wie aktuelle Entwicklungen im schlimmsten Fall weitergehen könnten. Geeignet ist das Buch frühestens ab Ende der 8. Jahrgangsstufe.

Kommentare (2)

  1. Belgin Saygi

    Ich werde es mir angucken!

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    1. Ulf Cronenberg (Beitrag Autor)

      Ja, dann schreib doch mal hier nach dem Lesen, wie es dir gefallen hat …

      Antworten

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