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Buchbesprechung: Dave Cousins „Tod.Ernst“

Cover: Dave Cousins „Tod.Ernst"Lesealter 13+(Verlag Freies Geistesleben 2019, 294 Seiten)

Dave Cousins‘ zweites Buch „Warten auf Gonzo“ war vor zwei Jahren von der Kritikerjury in der Sparte Jugendbuch für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert worden – gelesen habe ich den Roman jedoch leider nicht. Allerdings hat die Nominierung mich dazu animiert, das nun neue Buch des britischen Autors, der in Wales lebt, anzuschauen – Grund war zudem, dass die Inhaltszusammenfassung von Cousins‘ neuem Roman witzig klang. Dass „Tod.Ernst“ in vielem ein stranges Buch ist, sei schon mal vorab verraten.

Inhalt:

Die 16-jährige Alex wacht auf und weiß nicht so recht, wo sie sich gerade befindet und was geschehen ist. Die Situation ist bizarr: Sie ist nackt, und ein seltsamer Typ fragt sie, ob sie sich nichts anziehen will. Sie bekommt ein T-Shirt, das sie niemals anziehen würde, und in ihrer Hosentasche (die Hose gehört ihr) hat sie Dinge, die sie nicht kennt. Es dauert etwas, bis sie realisiert, dass sie in einer Leichenhalle ist. Der Typ, der sie angesprochen hat, nennt sich Gerry.

Gerry stellt klar, dass sie gestorben ist, aber eine zweite Chance bekommen wird – den letzten Tag soll Alex noch einmal durchleben. Aber damit sie am Leben bleibt, muss sie zum einen etwas an dem Tag und in ihrem Leben ändern, zum anderen muss sie jemand anderen finden, der/die an ihrer statt stirbt … Das sind nicht gerade angenehme Bedingungen – vor allem der zweite Punkt macht Alex Sorgen, weil sie quasi jemand anderen dem Tod ausliefern soll.

Nach dem Gespräch wird Alex ohnmächtig und wacht morgens mit starkem Kopfweh auf, ohne sich erst mal an die Geschehnisse in der Leichenhalle zu erinnern. Mit ihrer besten Freundin Tash ist sie an dem Tag verabredet, um in einem Altersheim ehrenamtlich zu arbeiten, und abends findet im Pandemonium das Konzert ihrer Lieblingsband Tokyo Girl statt. Nach und nach kommen Erinnerungen an die Leichenhalle zurück, doch Alex geht anfangs davon aus, dass das Déjà-vu-Erlebnisse sind oder sie sich an einem Traum erinnert. Allerdings passieren dann unerklärliche und heftige Dinge. Zweimal entkommt Alex nur knapp dem Tod … Und irgendwann wird ihr doch klar, dass ihre Erinnerung ihr keinen Streich spielt und sie den Tag schon einmal erlebt hat.

Bewertung:

„Tod.Ernst“ (Übersetzung: Anne Brauner) beginnt mit einem kleinen Paukenschlag. Dass ein Mädchen nackt in einer Leichenhalle aufwacht, lange nicht kapiert, was los ist, dass ihr dort Gerry – ein moderner Gevatter Tod – aufwartet und erklärt, was passiert ist – all das hat schon was. Die Idee, dass man den letzten Tag noch einmal leben darf, ist ja nicht ganz neu. Aber ein faszinierendes Szenario ist es trotzdem.

Alex wächst alleine bei ihrem Vater auf, der sich rührend und aufopferungsvoll um sie kümmert – die Mutter ist schon vor längerer Zeit gestorben. Ganz einfach hat Alex es nicht im Leben: Sie hat große Ängste und bekommt unter Menschen schnell Panikattacken, womit sie es ihren Freundinnen oft schwer macht. Tash, ihre beste Freundin, hat das bisher ganz gut ausgehalten, aber Alex merkt gerade, dass Tash sich zu Val hin orientiert, was sie eifersüchtig macht.

Alex‘ Ängste spielen eine zentrale Rolle in Dave Cousins‘ Roman, denn als das Mädchen den Tag nach ihrem Tod ein zweites Mal durchleben soll, gibt es viele Situationen, die angstauslösend sind. Vor allem das Rockkonzert von Tokyo Girl am Abend macht ihr richtig Stress, denn sich in engen Menschenmengen zu befinden, ist etwas, was fast immer Panik in ihr auslöst. Alex weiß irgendwann außerdem, dass sie an dem Abend, den sie nun wieder durchlebt, schon einmal gestorben ist.

„Tod.Ernst“ enthält nicht nur mit der Leichenhallen-Szene schräge Szenen. Als Alex mit Tash im Altersheim arbeitet, passiert noch einiges mehr. Eine wunderbare Figur taucht hier vor allem auf: die lebenshungrige Thelma, die erst seit Kurzem im Altersheim lebt und sich dort nicht so recht einfinden kann. Was Alex mit ihr erlebt, ist witzig – vielleicht manchmal etwas überpointiert und mit leichten Klischeeansätzen. Aber wirklich stören tut das nicht. Thelma ist das Gegenbild zur sorgenvollen Alex, und dass Alex sich im Verlauf der Geschichte ihre Ängsten zu stellen beginnt, hat mir der alten Frau zu tun.

Die letzten knapp 50 Seiten waren für mich neben dem Einstieg und der Begegnung mit Thelma das Highlight des Romans. Dazwischen gab es allerdings auch immer wieder Momente, wo mich der Roman nicht so richtig gepackt hat. Woran das lag? Alex ist mir den ganzen Roman über immer etwas fremd geblieben. Solange man gut unterhalten wird, bemerkt man es nicht, aber wenn der Spannungsbogen der Geschichte mal etwas flacher wird, zeigt sich, dass Alex als Figur zu wenig Kontur hat und man sich nicht richtig in ihre Ängste einfühlen kann. Und das ist etwas, was ein Roman über ein Mädchen mit einer Angststörung dann doch besser machen sollte …

Fazit:

4 von 5 Punkten. Es ist eine bizarre, aber nicht ganz neue Idee, ein Mädchen in einer Leichenhalle aufwachen zu lassen, und es dann den letzten Tag ihres Lebens noch einmal erleben zu lassen. Der Jugendroman kennt weitere skurrile Szenen – vieles ist gut an Dave Cousins‘ Jugendroman „Tod.Ernst“, und der Roman hat viele starke Momente. Vor allem in der Mitte lebt er von einer besonderen Figur: der nach einem berauschenden Leben etwas müden Thelma aus dem Altersheim. Doch die Distanz, die man der Geschichte gegenüber hier und da – vor allem der Hauptfigur Alex gegenüber – hält, hat mich daran gehindert, restlos in das Buch einzutauchen.

So bin ich alles in allem nicht restlos begeistert von „Tod.Ernst“, aber ein gutes Buch mit einer nicht ganz neuen Botschaft ist es trotzdem: Stelle dich deinen Ängsten und versuche das Leben zu genießen. Gottseidank wird diese Botschaft nicht platt vermittelt. Meine Bedenken kommen von einer anderen Seite: Wenn ein Buch schon von Angststörungen handelt, Panikattacken beschreibt, dann wünsche ich mir, dass man diese als Leser besser miterleben und mitfühlen kann. Doch vermutlich geht das jugendlichen Leserinnen und Lesern nicht so. Mich hat es jedoch gestört.

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(Ulf Cronenberg, 22.09.2019)

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