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Buchbesprechung: Dirk Reinhardt „Über die Berge und über das Meer“

Cover: Dirk Reinhardt „Über die Berge und über das Meer“Lesealter 13+(Gerstenberg-Verlag 2019, 311 Seiten)

Mit „Train Kids“ hatte Dirk Reinhardt ein spannendes wie aufrüttelndes Buch über Kinder geschrieben, die von Mittelamerika in die USA flüchten und sich auf einen sehr gefährlichen Weg begeben. Auch wenn sich Dirk Reinhardt diesmal nicht wie für „Train Kids“ aufgemacht hat, um vor Ort zu recherchieren – das Flüchtlingsthema hat er in seinem neuen Jugendroman wieder aufgegriffen: Es geht diesmal um zwei Jugendliche aus Afghanistan, die aus einer Notlage heraus nach Europa wollen. Recherchiert hat der Autor dieses Mal bei Flüchtlingen, die es bis nach Deutschland geschafft haben.

Inhalt:

Soraya ist das siebte Mädchen, das ihre Mutter geboren hat. In dem afghanischen Bergdorf, in dem das Mädchen lebt, ist es eine große Schande, wenn man bei so vielen Kindern nicht auch einen Jungen bekommt, und deswegen wurde Soraya kurzerhand vom Mullah einem paschtunischen Brauch zufolge zum Jungen erklärt – das ist durchaus üblich. Sie wird Samir genannt, zieht Jungenkleider an und darf vieles, was Mädchen sonst nicht dürfen: darunter sich mit den Jungen draußen herumtreiben.

Doch weil Soraya nun 14 Jahre alt ist, muss sie die Jungenrolle aufgeben, und was das bedeutet, nämlich nur noch zu Hause zu sein und sich zurückhaltend zu benehmen, gefällt ihr gar nicht. Die Situation spitzt sich zu, als die fundamentalistischen Taliban, die in der Gegend gefürchtet sind, sie aufgreifen und zu Hause vor ihrer Familie Druck machen: Soraya soll sich wie ein muslimisches Mädchen verhalten. Da Soraya damit nicht zurechtkommt, beschließt die Familie, dass Soraya fliehen soll – nach Europa.

Auf den gleichen Weg macht sich Tarek, ein Nomadenjunge. Er und Samir (er weiß nicht, dass Samir eigentlich Soraya heißt und ein Mädchen ist) kennen sich, weil die Kuchis (wie die Nomaden heißen) jedes Jahr zum Handeln in das Bergdorf kommen. Auch Tarek wird von den Taliban bedroht, allerdings auf andere Art und Weise: Die Taliban wollen ihn, weil er sich in den Bergen gut auskennt, rekrutieren. Damit das nicht passiert, soll Tarek nach Deutschland fliehen, wo bereits ein Onkel der Familie lebt. Für Tarek und Soraya beginnt eine gefährliche und anstrengende Zeit – und sie werden sich unterwegs begegnen …

Bewertung:

Dass Jugendbücher jungen Leserinnen und Lesern andere Lebenswelten nahebringen, ist etwas, was Jugendliteratur wertvoll macht, und im Fall von Dirk Reinhardts Roman geht es um Themen, die uns einerseits seit einigen Jahren beschäftigen, bei denen wir andererseits trotzdem oft auch wegschauen. Dirk Reinhardt zeigt mit „Über die Berge und über das Meer“ auf, warum Jugendliche sich auf den Weg nach Deutschland machen; in diesem Fall geht es um zwei afghanische Jugendliche, die beide in Situationen geraten, in denen sich wohl niemand befinden möchte.

Bei Soraya sind es die Taliban, die von ihr und ihrer Familie fordern, dass das Mädchen sich gar nicht mehr entfalten darf und nur noch zu Hause sitzen soll. Das ist für Soraya besonders schlimm, weil sie es ja vorher anders erlebt hat und 14 Jahre wie ein Junge gelebt hat. Bei Tarek ist es ein bisschen anders: Die Taliban wollen ihn zwingen, einer der Ihren zu werden, was letztendlich heißen würde, dass er in den bewaffneten Terrorkampf gehen muss. Das ist etwas, was weder er noch seine Familie will. Aus diesen Gründen wird in beiden Familien beschlossen, dass die Tochter bzw. der Sohn sich auf den Weg nach Europa machen.

Was erstaunlich an dem Buch ist: Dirk Reinhardt war (zumindest steht davon nichts im Nachwort) nie in Afghanistan, aber die beschriebene Lebenswelt von Soraya und Tarek wirkt ziemlich authentisch – soweit ich das von meiner begrenzt fachkundigen Warte aus beurteilen kann … Zumindest liegen dem Buch ja auch – das hatte ich bereits in der Einleitung erwähnt – umfangreiche Recherchen bei Flüchtlingen aus Afghanistan zugrunde.

Erzählt wird der Jugendroman konsequent zweiperspektivisch – alternierend wird von Soraya und Tarek berichtet, wobei die beiden zweimal aufeinandertreffen. Dirk Reinhardt hat sich für eine personale Erzählperspektive entschieden, was in einer Geschichte meist zu etwas mehr Distanz als in einer Ich-Erzählung führt. Was „Über die Berge und über das Meer“ angeht, fühlt man sich trotzdem als Leser beiden Hauptfiguren nahe. Das liegt auch daran, dass das Buch im Präsens geschrieben ist – so gerät man mitten in die Geschichte.

Dass „Über die Berge und über das Meer“ ein klar pädagogisch angelegtes Buch ist, stört im Großen und Ganzen nicht, weil die Geschichte eher neutral gehalten ist. Sie wird packend, aber nicht hochspannend wie ein Actionbuch erzählt. Verglichen mit „Train Kids“ fehlt der Ticken Spannung, der fast alle Leser/innen an der Stange halten würde; aber das wäre für die Flüchtlingsgeschichte auch zu viel des Guten gewesen. Durch die sachtere Erzählweise wird der Wahrheitsgehalt der Geschichte unterstrichen.

Allerdings wird das Buch kurz vor dem Ende dann doch noch etwas dröge und überpädagogisch. Als Soraya und Tarek in Deutschland sind, versucht Dirk Reinhardt nachzubilden, wie fremd ihnen die Welt dort ist; aber der Versuch bleibt für meinen Geschmack oberflächlich und etwas banal. Natürlich kennt man als Flüchtling aus Afghanistan sehr vieles in Europa nicht, man ist verwirrt, findet sich nicht zurecht. Aber dieses in die Geschichte gepackte Erstaunen klingt manchmal aufgesetzt beschrieben. Gerade eine Szene – als Soraya mit Tareks Onkel und dessen Frau spricht – wirkt besonders gekünstelt. Oder ein anderes Beispiel: Das Wundern über die erste Rolltreppe, die Soraya sieht, mag nachvollziehbar sein, aber hier trifft Dirk Reinhardt einfach keinen glaubwürdigen Ton.

Es ist seltsam, dass ausgerechnet der Teil, der in Deutschland spielt, mich nicht so richtig überzeugt, während das, was in Afghanistan passiert, glaubwürdiger rüberkommt. Und letztendlich ist es schade, dass die Endszenen des Romans nicht mit dem, was man vorher gelesen hat, mithalten können. Dennoch: „Über die Berge und über das Meer“ ist ein wichtiges Buch, weil es uns die Gründe von Jugendlichen, warum sie aus ihrem Land fliehen, sowie die Gefahren einer Flucht sehr anschaulich vor Augen hält.

Fazit:

4 von 5 Punkten. Es ist gut, wenn es Bücher für Jugendliche gibt, die sich mit den Flüchtlingsschicksalen Jugendlicher aus anderen Ländern beschäftigen. Dirk Reinhardt gelingt es, einfühlsam zu beschreiben, was Soraya und Tarek in Afghanistan für ein Leben hatten und was zu leiden gehabt hätten, wenn sie dort geblieben werden. „Über die Berge und über das Meer“ weckt von daher Verständnis dafür, dass Jugendliche aus Krisen- und Kriegsländern ins Ungewisse aufbrechen und nach Europa zu kommen versuchen. Dass die Flucht hochgefährlich ist, oft schiefgeht, wird deutlich, auch wenn Soraya und Tarek das Glück haben, am Ende unversehrt in Deutschland anzukommen. Die realen Fluchtschicksale sind sehr oft viel schlimmer – Dirk Reinhardt hält sich hier zurück und passt von daher die Geschichte an die Zielgruppe von Leser/innen ab 12 oder 13 Jahren an.

Leider wird das Buch am Ende für meinen Geschmack zu pädagogisch und die Geschichte, die bis dahin recht authentisch war, bekommt leichte Kratzer. Ok, es geht um vielleicht 40 Seiten – das kann man verkraften. Und ich schätze sowieso, dass jüngere Leser/innen das nicht so stark empfinden wie ich. Alles in allem ist „Über die Berge und über das Meer“ nichtsdestotrotz ein gelungenes Buch, auch wenn es nicht an die Wucht, die „Train Kids“ ausgezeichnet hat, herankommt. Da hatte einfach alles gestimmt.

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(Ulf Cronenberg, 01.07.2019)

P. S.: Heute auch gelesen: „Jeder sechste Flüchtling und Migrant, der versuche von Libyen nach Italien oder Malta zu gelangen, kommt laut UNHCR derzeit ums Leben. Auch mit den neuen Schleppermethoden bleibt die Überfahrt ein tödliches Risiko.“ (Quelle: www.tagesschau.de, am 01.07.2020) Das sind wirklich erschreckende Zahlen …

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