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Buchbesprechung: Gabriele Clima „Der Sonne nach“

Lesealter 13+(Hanser-Verlag 2019, 151 Seiten)

„,Ziemlich beste Freunde‘ für Jugendliche“ – damit wird Gabriele Climas Jugendroman geworben. Hm, potenziellen Lesern eine Orientierung zu geben, ist das eine; das andere ist, dass man sich so mit fremden Lorbeeren schmückt. Ich mag solche Vergleiche mit anderen Werken (seien es Bücher oder wie in diesem Fall Filme) jedenfalls nicht sonderlich. Fast hätte ich deswegen „Der Sonne nach“ liegen gelassen (zumal ich „Ziemlich beste Freunde“ nicht gerade zu den Highlights des Kinos zähle). Aber nachdem mir das Buch von jemandem ans Herz gelegt wurde, wollte ich mir selbst ein Bild machen.

Inhalt:

Dario ist ein Problemschüler, der ständig aneckt, beim Direktor vorsprechen muss und Strafen aufgebrummt bekommt. Und weil es dem Direktor mal wieder reicht, hat dieser sich was Neues für Dario überlegt: Er soll sich ab sofort um Andy, einen behinderten Rollstuhlfahrer, kümmern und ihn begleiten. Dass Dario darüber nicht gerade begeistert ist, kann man sich vorstellen; und dass er Elisa, die Betreuerin von Andy, kennenlernt und sie einfach nur schrecklich findet, macht es nicht besser.

Und Dario? Er tritt die Flucht nach vorne an, schnappt sich Andy, kutschiert ihn – der sonst immer nur drinnen bleiben soll – aus dem Schulhaus und haut schließlich mit ihm ab. Daraus wird nicht nur ein kleiner Nachmittagsausflug, sondern am Ende sind sie unterwegs nach Torre Saracena, einem Küstenort. Dort lebt – zumindest kam von dort dessen letztes Lebenszeichen – Darios Vater, der vor knapp 10 Jahren die Familie verlassen hat.

Natürlich gibt es unterwegs einige Schwierigkeiten. Andy pinkelt in die Hose, sie brauchen Übernachtungsmöglichkeiten, und nicht zu vergessen: Die beiden sind ja quasi auf der Flucht und dürfen nicht entdeckt werden – genug Geld, um sie zu versorgen, hat Andy gottseidank dabei. Je länger die beiden unterwegs sind, umso besser lernen sie sich kennen und Dario versteht Andy immer besser, obwohl dieser nur selten spricht und meist nur einzelne, nicht vollständige Wörter von sich gibt. Dario macht außerdem die Erfahrung, dass es einige Dinge gibt, die Andy viel Freude machen …

Bewertung:

Ich habe – ehrlich gesagt – einige Zeit mit meiner leicht vorgefassten Meinung (siehe oben) dem Buchthema gegenüber zu kämpfen gehabt. „Der Sonne nach“ (Übersetzung: Barbara Neeb und Katharina Schmidt; italienischer Originaltitel: „Il sole fra le dita“) tut anfangs auch einiges, um den Plot etwas durchsichtig erscheinen zu lassen und Klischees aufzubauen: Dario als hochaggressiver und reizbarer Schüler einerseits, der behinderte Andy im Rollstuhl andererseits, der natürlich auch erst mal von Dario als „Idiot“ bezeichnet wird. Wie sich die Geschichte entwickelt und entwickeln muss – die Rollenklischees werden abgebaut – ist vorgezeichnet. Doch vor allem in der zweiten Hälfte bietet das Buch glücklicherweise auch anderes.

Ein bisschen unwahrscheinlich ist die ganze Story ja schon angelegt: Ein Junge, der einen Behinderten betreuen soll, haut mit ihm ab. In der Wirklichkeit würden die beiden wahrscheinlich spätestens am nächsten Tag von der Polizei aufgegriffen werden. Und weil in der Geschichte außerdem viele Alltagsdinge vernachlässigt werden, muss man schon ab und zu ein Auge zudrücken, was den Realitätsgehalt angeht. Einen behinderten Jungen mehrere Tage mit dem Rollstuhl durch die Gegend zu kutschieren, das ist schon sehr unwahrscheinlich. Aber gut, das passt gut zum klassischen Roadmovie-Motiv: alles hinter sich lassen, gegen alle Widerstände.

Richtig begeistert hat mich der Roman jedenfalls lange nicht – erst in der zweiten Hälfte wurde das Buch besser. Und das hat für mich zwei Gründe. Der erste ist, dass Dario und Andy unerwartete Begegnungen machen. Ein Hauch „Tschick“ kommt hier ins Buch. Da treffen sie eine Art Aussteiger, der sie aufnimmt und den Rollstuhl motorisiert; oder sie landen auf einer Party … Hier kommt es zu interessanten Begegnungen, die dem Buch etwas Glanz verleihen.

Der zweite Grund, warum mir der Roman am Ende gefallen hat, war, dass das zweite Hauptthema in den Vordergrund rückt: Dario möchte seinen Vater treffen, von dem er nur weiß, dass er vor einiger Zeit in Torre Saracena an der Küste gelebt hat. Weil Dario seinen Vater hoch idealisiert (wie das oft nach Scheidungen und Trennungen der Eltern mit dem gehenden Elternteil ist), baut sich Spannung auf: Wird Dario seinen Vater finden? Und wie wird es mit ihm? Verrate ich zu viel, wenn ich sage, dass einiges anders kommt, als Dario (und man als Leser) es erwartet? Jedenfalls ist das für mich der spannendste Teil des Romans: als Dario seine Idealisierungen aufgeben muss.

Was das Aufeinandertreffen von Dario und Andy betrifft, so ist das Buch eher erwartungsgemäß angelegt. Interessant ist jedoch, dass Andy ja eigentlich kaum sprechen kann, Gabriele Clima den Jungen aber in kursiv gedruckten Sätzen durchaus zu Wort kommen lässt. Es dauert ein wenig, bis man die Konstruktion dahinter verstanden hat: Es sind nicht die Gedanken von Andy, die hier wiedergegeben werden, sondern es ist Dario, der für sich selbst ausdrückt, was Andy wohl denkt und empfindet. Das ist gut gemacht, wenn auch anfangs etwas irritierend.

Und das Ende des Romans? Hier bekommt man im Großen und Ganzen wieder eher – aber immerhin gut ausgeführt –, was man erwartet. Doch da das Buch alles in allem Zwischentöne und Nebenthemen kennt, ist das in Ordnung.

Fazit:

4 von 5 Punkten. „Der Sonne nach“ hat mir besser gefallen, als ich befürchtet hatte, und das liegt vor allem an der zweiten Hälfte des Romans, in der mehr als die typische Roadmovie-Geschichte zwischen einem schwierigen und einem behinderten Jungen geschieht. Bei allen Klischee-Ansätzen, die die Story enthält, muss man außerdem anerkennen, dass Gabriele Clima es schafft, sie nie platt werden zu lassen, und das liegt sicher daran, dass es zu Andy wie auch zu Dario reale Vorbilder gibt, bei denen sich der Autor bedient hat. So steht es im Nachwort.

Auch wenn ich nicht richtig begeistert von „Der Sonne nach“ bin – vermutlich kommt der Jugendroman bei jugendlichen Leserinnen und Lesern besser als bei mir an. Zugutehalten muss man dem Buch vor allem auch, dass es nicht weitschweifig erzählt, sondern in eher knapp gehaltenen Kapiteln die Geschichte vorangetrieben wird. Und sympathisch wird einem Dario im Laufe des Buchs zudem – auch weil man nach und nach erfährt, was er schon alles in seinem Leben mitgemacht hat. Von daher alles in allem: Daumen hoch für „Der Sonne nach“.

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(Ulf Cronenberg, 02.06.2019)

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