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Buchbesprechung: Nataly Elisabeth Savina „Meine beste Bitch“

Cover: Nataly Elisabeth Salvina „Meine beste Bitch“Lesealter 16+(Fischer-Verlag 2018, 279 Seiten)

Gelesen hätte ich dieses Buch, wenn ich nicht eine nachdrückliche Empfehlung bekommen hätte, wohl nicht. Der Titel „Meine beste Bitch“ klingt – zumindest für mich – nicht gerade vielversprechend, eher etwas platt. Dass Nataly Elisabeth Salvinas Buch in der Reihe „Die Bücher mit dem blauen Band“ erschienen ist, ist dagegen allerdings ein gewisses Qualitätsmerkmal – denn in der Reihe habe ich schon viele gute Jugendromane entdeckt. Bekannt geworden ist Nataly Salvina übrigens (damals noch ohne das „Elisabeth“ im Namen) durch „Love Alice“, das 2013 als Manuskript mit dem Peter-Härtling-Preis ausgezeichnet wurde.

Inhalt:

Faina lebt mit ihrer Mutter, die Psychiaterin ist, in einer Kleinstadt und beendet bald die Schule mit dem Abi. Fast täglich unternimmt sie etwas mit Nike, ihrer besten Freundin, der die Schule leicht fällt und die sehr selbstbewusst auftritt. Faina dagegen hat es nicht leicht. Sie ist ein recht nervöser Mensch, hat Hautausschläge, kennt Ängste und hat Albträume. Begonnen hat das alles, als ihre Mutter von einem Patienten mit der Schere verletzt wurde.

Dass Nike nach den Sommerferien nach Hamburg zieht, um dort ein Medizinstudium zu beginnen, ist für Faina schlimm – doch sie lernt Julian kennen, als sie auf dem Friedhof ein krankes Eichhörnchen retten will. Von Julian fühlt Faina sich sofort magisch angezogen. Er wohnt mit seiner Schwester, die sich oft etwas seltsam verhält und psychische Probleme zu haben scheint, bei seiner Tante.

Faina weiß noch nicht so recht, was sie nach dem Abi machen will – eher aus Trotz ihrer Mutter gegenüber bewirbt sie sich mit einer Mappe auf einer Kunsthochschule in Kassel, genauso wie Julian, der davon träumt, Künstler zu werden. Doch während Faina angenommen wird, wird Julian abgelehnt. Julian zieht einige Zeit später nach Berlin, wohin Faina ihm folgt.

Die Großstadt ist faszinierend, Faina kann bei Julians Bruder, der länger in Indien ist, wohnen. Mit Julian, der als Künstler groß rauskommen will, erlebt Faina aufregende und intensive Tage. Sie stürzt sich ins pulsierende Großstadtleben, und seltsamerweise sind ihre Beschwerden verschwunden. Doch irgendwann merkt Faina, dass Julian sich nicht öffentlich mit ihr zeigen will. Das verletzt Faina, und sie fragt sich, was dahinter steckt …

Bewertung:

„Meine beste Bitch“ beginnt berichtartig, recht lakonisch, und das ist der Grund, warum man in Nataly Elisabeth Savinas Roman eher etwas schwer hineinfindet. Ja, der Stil passt zu Faina als Person, die eher beobachtend und zögerlich auftritt, aber man muss dem Buch deswegen ziemlich viel Zeit geben, bis einen die Handlung packt. Ein richtiger Lesesog hat sich bei mir erst eingestellt, als ich schon die Hälfte des Romans gelesen hatte.

Warum der Roman am Anfang recht spröde erscheint, hat seinen Grund: Die Erzählhaltung ist für eine Ich-Erzählung sehr nüchtern. Faina beschreibt und schildert alles, was sie erlebt, was sie sieht und bemerkt. Das gilt auch für sie selbst: Es sind keine Selbstreflexionen enthalten, Faina teilt nicht ihre Gedanken und Gefühle mit. Das alles muss der Leser sich selbst erschließen, und diese nüchterne Erzählweise in der Ich-Form hält einen auf Distanz. Gekonnt ist das durchaus, und irgendwie, wenn man es durchschaut hat, auch faszinierend.

Ja, von was handelt der Roman eigentlich? Vom Flügge- und Erwachsenwerden könnte man zunächst einmal sagen. Aber damit verbunden sind viele andere Themen: Es geht um Freundschaft, es geht um erste wichtigere Beziehungserfahrungen, um Selbstfindung und um Lebensträume, die man irgendwann später hinter sich lassen muss. Faina ist eine junge Erwachsene, die nicht so recht weiß, was sie will, und lässt deswegen nach dem Abitur erst mal vieles auf sich zukommen. Eher aus einer Laune heraus zieht sie nach Berlin, um bei Julian zu sein, aber ohne einen Plan damit zu verbinden. Und dort lebt sie in den Tag hinein, froh, die Kleinstadt hinter sich gelassen zu haben.

Faina ist eine faszinierende Figur, deren Verletzbarkeit man von Anfang an spürt, die erst später in Berlin selbstsicherer wird, um dort später etwas Traumatisches zu erleben, das sie zurückwirft. Der darauf folgende Absturz bringt Faina zurück zu ihrer Mutter, und wie sie dort wieder an Stärke gewinnt, wird eher kursorisch dargestellt. Dass die Geschichte am Ende so dahinfliegt, dass nach dem traumatischen Erlebnis alles nur oberflächlich zusammengefasst wird, steht im seltsamen Kontrast zu dem vorher recht ausführlichen Erzählen. Das Buch ist damit auch am Ende, wie schon zu Beginn, ein bisschen sperrig. Letztendlich hinterlässt der Roman in seiner Sperrigkeit – so paradox das klingt – dann aber doch ein stimmiges Gesamtbild.

Die zentralen Figuren in dem Buch sind neben Faina ihre beste Freunde: Nike – die beste Bitch und damit Titelgeberin für den Roman – sowie Julian. Nike hat es faustdick hinter den Ohren, sie lässt sich ziemlich selbstbestimmt im Leben treiben, macht, was ihr gefällt, nimmt sich, was sie haben will. Ihr Name drückt eigentlich alles aus: Nike war in der griechischen Mythologie die Siegesgöttin. Allerdings wandelt sich das am Ende. Nebulös ausgedrückt, weil hier ja nicht alles vorweggenommen werden soll, sei nur angemerkt, dass sich das Verhältnis zwischen Nike und Faina radikal umkehrt. Am Ende ist Faina die Starke. Und aus Nike wird Berenice (aus der Siegesgöttin die Siegbringende).

Julian dagegen bleibt einem immer ein bisschen ein Rätsel, er ist eine undurchsichtige Figur, die man anfangs sympathisch findet, was sich später aber verliert. Was man Nataly Elisabeth Savina in Bezug auf ihre drei Hauptfiguren in jedem Fall hoch anrechnen muss, ist, dass die Figuren sehr komplex gestaltet sind – da ist absolut nichts eindimensional. Es ist die Dynamik zwischen den Faina, Nike und Julian, die sich im Laufe des Romans verschiebt und die das Buch vor allem ausmacht.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. Nataly Elisabeth Savinas „Meine beste Bitch“ ist eher ein Buch für den zweiten Blick. Leicht gefallen ist mir der Einstieg in den Roman nicht, weil anfangs wenig passiert. Im Rückblick kann man dann jedoch mit anderen Augen auf die erste Hälfte des Romans blicken und stellt fest, dass sie ihre Wichtigkeit hat. Und auch beim Nachdenken über das Buch geht einem hinterher erst vieles auf: dass die Figuren bewundernswert komplex gehalten sind und dass die eher beobachtende Erzählhaltung einen nicht gleich in die Geschichte zieht, irgendwann aber doch fesselt.

Ich kann mir vorstellen, dass „Meine beste Bitch“ gerade deswegen polarisiert. Es dürfte jugendliche Leser geben, die den Roman langweilig finden, aber ich kann mir ebenso vorstellen, dass er für andere Leser, vor allem Leserinnen, gut das eigene Lebensgefühl auszudrücken vermag. Ein besonderes Buch ist es in jedem Fall, das Nataly Elisabeth Savina da geschrieben hat – ein Buch, das man sich erlesen muss, auf das man sich einlassen und mit dem man Geduld haben muss. Doch wenn man das schafft, hallt das Buch auch lange nach – das ging zumindest mir so.

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(Ulf Cronenberg, 29.11.2018)

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