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Buchbesprechung: Elisabeth Steinkellner „Dieser wilde Ozean, den wir Leben nennen“

Cover: Elisabeth Steinkellner „Dieser wilde Ozean, den wir Leben nennen“Lesealter 14+(Beltz & Gelberg-Verlag 2018, 236 Seiten)

Was für ein hübsches Cover – das ist das Erste, was mir aufgefallen ist, als ich das Buch in die Hand genommen habe. Die Quallen in verschiedenen Farben, die wild im blauen Meereswasser herumtreiben, passen wirklich gut zu dem Titel. „Dieser wilde Ozean, den wir Leben nennen“ ist übrigens, wenn ich richtig recherchiert habe, der zweite Jugendroman der Österreicherin Elisabeth Steinkellner – ihr Jugendbuch-Debüt „Rabensommer“ habe ich nicht gelesen. Ansonsten schreibt die Autorin aber auch anderes, darunter Kinderbücher und Lyrik …

Inhalt:

Simon reist am Ende der Sommerferien in eine fremde Stadt, weil er hofft, dort Paulus wiederzutreffen. Ihn hatte Simon vor zwei Monaten im Zug kennengelernt und sich zu ihm hingezogen gefühlt, doch obwohl das auf Gegenseitigkeit beruht zu haben schien, haben beide keine Handynummern ausgetauscht. So stromert Simon in der Stadt herum, von der er nur weiß, dass Paulus dort studiert, und wohnt in einem billigen Hotelzimmer. Von Paulus jedoch fehlt jede Spur.

Stattdessen lernt er Antonia kennen. Antonia schwimmt seit einem Jahr im Leben, weil ihr Bruder Joel, der ihr sehr wichtig war, verschwunden ist. Doch schon vorher war es ziemlich schwierig mit Joel. Er hatte sich in Drogen verloren und rutschte immer mehr in eine Psychose hinein. Nicht nur, dass er hochgradig eifersüchtig war und Angst hatte, dass seine Freundin Sinja ihn betrügt, auch sonst verlor er zunehmend den Bezug zur Realität. Seit dem Verschwinden von Joel läuft es bei Antonia nicht wirklich gut – sie tut sich schwer, sich auf Enno, ihren Freund einzulassen, und verhält sich immer wieder sperrig ihm gegenüber. Auch andere Leute stößt sie oft vor den Kopf.

Antonia spricht Simon in einem Park an, weil dieser auf den ersten Blick wie Joel aussieht – ein Missverständnis, das sich jedoch bald aufklärt. Simon ist der erste, dem sie ausführlich von Joel zu erzählen beginnt. Simon dagegen vertraut Antonia an, dass er Paulus sucht. Doch Antonia kann ihm auch nicht weiterhelfen …

Bewertung:

Der Einstieg in „Dieser wilde Ozean, den wir Leben nennen“ war für mich nicht so ganz einfach, und ich weiß nicht, ob es daran lag, dass ich den Roman müde abends vor dem Schlafen begonnen habe, oder an dem Buch. Jedenfalls dauert es etwas, bis man die Figuren zuordnen kann – das ist deswegen schwierig, weil der Roman konsequent abwechselnd zweiperspektivisch erzählt wird, was man sich jedoch erst erschließen muss. Gut gemacht ist das: Erzählt Antonia, ist die Überschrift des Kapitels linksbündig ausgerichtet, erzählt dagegen Simon, ist die Überschrift rechtsbündig.

Simon und Antonia – was beide verbindet, ist eine mehr oder weniger ausgeprägte Verunsicherung. Simon weiß inzwischen, dass er Jungen liebt, aber er traut sich nicht dazu zu stehen. Niemandem hat er davon erzählt. Warum er sich in das Abenteuer stürzt, Paulus zu suchen, obwohl er gerade mal weiß, in welcher Stadt dieser lebt? Er will wissen, ob die gespürte Verbindung zwischen ihm und Paulus, die er im Zug erlebt hat, wirklich ist. Dahinter steht vielleicht die Hoffnung, endlich die eigene Sexualität kennenzulernen, um zu ihr stehen zu können.

Und Antonia? Seit dem Verschwinden von Joel, ihrem Bruder, lebt sie in einer Art Niemandsland. Auf Enno, ihren Freund, kann sie sich nicht richtig einlassen – sie kommt und geht, wann sie will, ist nicht verlässlich. Ihre Eltern wissen nichts von ihm, was ihm zunehmend etwas ausmacht. In eine richtige Krise schlittern die beiden im Laufe des Buchs. Antonia will das nicht, und sie kann zugleich nicht anders. Paradox.

Der von mir etwas dröge erlebte Einstieg ins Buch verändert sich schlagartig, als Simon und Antonia kurz vor Seite 50 aufeinandertreffen. Die beiden beginnen, sich einander zu öffnen, und damit ging für mich auch die Tür zu der Geschichte auf, denn der Roman verlässt die Einzelperspektiven, und durch die Kommunikation zwischen den beiden hält eine größere Wahrhaftigkeit Einzug. Nach und nach erfährt man immer mehr über die beiden.

Ansonsten gibt es vieles, was mir an „Dieser wilde Ozean, den wir Leben nennen“ gefällt. Da wird zum Beispiel viel mit Motiven gearbeitet, ohne dass diese überstrapaziert werden: Farben und das Meer / der Ozean spielen eine wichtige Rolle. Elisabeth Steinkellner ist außerdem eine Erzählerin, die sich etwas traut. Behutsam, aber nicht spracharm wagt sie sich auch an Sexszenen heran, da, wo dann irgendwann die direkte Sprache versagt, beschreiben Metaphern das Glücklichmachende. Und was ich schließlich am Buch mag, sind dessen spielerischen Momente, wenn Simon sich verschiedene Möglichkeiten, sollte er Paulus doch noch treffen, ausmalt:

„In seiner Wohnung wird es nach kalter Asche riechen, denn Paulus raucht ziemlich viel.
In seiner Wohnung wird es nach angebrannten Zwiebeln riechen, weil er sich zu Mittag ein Omelett gebraten hat.
In seiner Wohnung wird es nach ihm riechen, einer Mischung aus seinem Rasierschaum, seinem Schweiß und dem Geruch seiner Möbel.“ (S. 25)

Immer wieder findet man im Buch solche spielerischen Gedankengänge und Fantasien von Simon, die einen Hauch von Max Frisch‘ („Mein Name sei Gantenbein“) ins Buch bringen.

So hat mich das Buch jedenfalls irgendwann doch gefangen genommen, und als es aufs Ende zuging, habe ich gemerkt, dass ich es schade finde, Antonia und Simon nicht weiter folgen zu können. Doch Elisabeth Steinkellner macht das sehr geschickt und findet für beide Figuren passende Enden, weswegen man die Figuren gehen lassen kann. Ob Simon Paulus trifft? Wie es mit Antonia weitergeht? Jedenfalls fließen bei ihr einige heilende Tränen, weil sie endlich Aufgestautes rauslassen kann … – mehr sei hier aber nicht verraten.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. Elisabeth Steinkellners „Dieser wilde Ozean, den wir Leben nennen“ ist ein erfrischendes Buch, bei dem keine Langeweile aufkommt. Im Gegenteil. Nach den ersten 40 Seiten fühlt man sich mit Antonia und Simon, den abwechselnden Ich-Erzählern, tief verbunden und will sie am Ende nicht loslassen. In dem Jugendroman stecken viele Themen: Es geht um die Folgen einer psychischen Erkrankung bei einem Familienmitglied, es geht um Homosexualität, die noch im Verborgenen liegt, es geht darum, seinen Platz im Leben zu bekommen – aber niemals hat man das Gefühl, ein Problembuch zu lesen. Das liegt auch daran, dass neben Antonia und Simon weitere erfrischende Figuren in dem Roman zu finden sind.

Ja, das Leben ist wie ein wilder Ozean, in dem ständig was passiert: Es gibt schlimme Erfahrungen, die man schwer verkraftet und die man sein Leben lang mit sich rumschleppt; man erlebt Schönes, wenn man es zulassen kann, wird es zum Glück; und wichtig ist, dass man Menschen hat, die einem Halt geben, die auch in schwierigen Zeiten zu einem stehen. Davon erzählt „Dieser wilde Ozean, den wir Leben nennen“, und Elisabeth Steinkellners Roman ist ein schlaues, kitschfreies Buch, das man Jugendlichen ab 14 oder 15 Jahren gut in die Hand legen kann.

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(Ulf Cronenberg, 31.10.2018)

Kommentare (2)

  1. Britta Kiersch

    Hallo Ulf,
    eine sehr treffende Rezension! Mich hat auch der kluge Aufbau des Romans überzeugt und wie die Autorin ihre Worte wählt, so dass unterschiedliche Lesarten möglich sind, weil genug Raum zwischen den Zeilen bleibt. Ich habe es im Leseclub angepriesen und bin auf Reaktionen der Jugendlichen gespannt. Bis bald, Britta

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    1. Ulf Cronenberg (Beitrag Autor)

      Hallo Britta,
      danke für die Rückmeldung. Ja, das mit den Leerräumen muss man noch mal hervorheben – das gilt gerade auch für die Figuren jenseits von Simon und Antonia …
      Auf die Rückmeldung deiner Leser bin ich auch gespannt.
      Viele Grüße, Ulf

      Antworten

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